Die Weite von Sibirien

  Ich habe meine Brille verloren. Sie rutschte mir urplötzlich vom Kopf, als ich im Verbindungsabteil zwischen zwei Waggons stand und der Zug auf einmal sehr stark rumpelte. Die Brille fiel sofort durch einen großen Spalt auf die Gleise und war fort. Ich konnte gar nicht mehr reagieren. So ein Mist aber auch. Zum Glück hat mir Wolfgang seine Ersatzbrille gegeben. So bin ich beim Schreiben dieser Zeilen doch nicht ganz so hilflos.

Wobei wir bei unserer Truppe wären: Insgesamt reisen zwölf Deutsche zum Baikalsee. Gestern abend saßen wir zu zehnt in einem Abteil - Platz ist in der kleinsten Hütte. Wir haben erzählt, gelacht und getrunken. Nun muss man wissen, dass der Wodka in Russland in 0,5 Liter-Flaschen verkauft wird. Da bleibt für jeden von uns gerade ein Glas. Norbert und Angela - zwei waschechte Sachsen - wollen die Flaschen sammeln, die wir auf unserer Reise geleert haben. In ihrem Abteil klappert es schon ganz schön. Wolfgang - mein Brillenretter - und seine Frau Gabi kommen aus der Nähe von Schwerin. Ihr Norddeutsch schwabbert durch den gesamten Zug. Beide haben den typisch norddeutschen Humor. Andrea und Wilfried - sind ebenfalls Sachsen. Andrea kann gut russisch und managt für uns den einen oder anderen Wunsch, den wir an unsere Schaffnerinnen oder den Zugkellner haben. Dieter und Helga kommen aus dem Schwabenland und haben reisemäßig schon einiges erlebt. Der Baikal soll ihre vielen Erlebnisse weiter bereichern. Christian und Elisabeth kommen aus Kiel und haben sich die Reise wohl etwas anders vorgestellt. Sie fremdeln noch ein wenig mit dem Komfort im Zug.
Gestern abend gesellten sich dann noch Patrick und seine Frau Ann - zwei Belgier - zu uns. Beide haben sich für ein Jahr aus ihrem Alltag ausgeklinkt und bereisen jetzt die Welt.

Die Nacht konnte ich gut schlafen. Das Rumpeln und Schaukeln des Waggons wiegt einen irgendwann in den Schlaf. Dafür waren wir heute morgen alle relativ früh wach. Daniel, mein Mitreisender aus Naumburg, konnte schon seit halb sechs kein Auge mehr zumachench . Dieter, unser Schwabe, hat ordentlich geschnarcht. Gegen 7 Uhr haben wir gehalten. Zeit, um uns am Bahnsteig etwas zum Frühstück zu organisieren: Brot, Eier, Schinken und etwas Obst. Verhungern tut man auf so einer Reise nicht. Das zugeigene Restaurant haben wir noch nicht in Anspruch nehmen müssen. Das Land Sibirien gibt genügend zu Essen auf den Bahnsteigen her. Ein Beutel Gemüse (Tomaten, Gurken, Radieschen und Lauch) kosten 50 Rubel - das sind etwa 1,10 Euro.

Gestern übrigens überquerten wir die Grenze von Europa zu Asien. Ein vier Meter hoher weißer Obelisk am Bahndamm markierte diese Stelle. Ergreifend. Und Jekatarinenburg ist eine schöne Stadt. Daniel und ich nutzten den etwa zwanzigminütigen Aufenthalt für eine kleine Stippvisite auf den Bahnhofsvorplatz. Geschäftiges Treiben empfing uns. Leider war die Zeit sehr knapp. Ausserdem saß uns immer die Angst im Nacken, der Zug könnte ohne uns weiterfahren. Eine Ansage auf den Bahnsteigen oder ein Abfahrtssignal gibt es nämlich nicht. Der Zug rollt einfach los.

Für die Statistik: Mittlerweile haben wir 2600 Kilometer zurückgelegt - das ist erst einmal die Hälfte unserer Strecke.


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Russlands letzter Zar Nikolaus II. setzte 1891 den ersten Spatenstich für den Bau der Trasse der Transsibirischen Eisenbahn. 16 große Flüsse überquert die Transsib heute. MZ-Redakteur Bernd Martin wird nach Moskau fliegen und von dort mit der Bahn zum Baikalsee fahren. Hier schreibt er von unterwegs über seine Erlebnisse.

Teil 1: Wodka trinkende Russen und Miss Marple - Der Baikal ruft

Teil 2: Koffer packen

Teil 3: Ankunft in Moskau

Teil 4: Die Transsib rollt los

Teil 5: Unterwegs - mehr als Zähneputzen war nicht drin

Teil 6: Igor erzählt, welche Pilze man sammeln soll, um viel Geld zu verdienen

Teil 8: Der ganze Zug riecht nach Fisch

Teil 9: Verlorenes Zeitgefühl

Teil 10: Junges Glück in Irkutsk - jetzt wird geheiratet

Teil 11: Zehn Rubel voller Dankbarkeit

Teil 12: "Putin verzuckert uns"

Teil 13: Joggen am Baikal

Teil 14: Fahrer fällt betrunken aus dem Auto

Teil 15: Michael möchte Superstar werden

Teil 16: Quer über die Insel Olchon

Teil 17: Der Baikal hat uns voll im Griff

Teil 18: Vier Schweine, elf Kühe, zehn Schafe und dreißig Hühner

Teil 19: Sibirischer Stolz

Teil 20: Leben ohne Strom

Teil 21: Auf nach Ulan Ude

Teil 22: Teddybären auf Autodächern

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