Ein langes Gespräch

  Endlich sind wir am Baikalsee! Aber leider hat uns dieser sagenumwobene See noch nicht seine Schönheit gezeigt. Der Tag heute war wolkenverhangen und verregnet. Nur ein winziges Mal lugte die Sonne durch. Aber keine Bange. Das Wetter soll bald wieder schön und sonnig werden. In zwei Tagen schon.

Ich hatte heute Gelegenheit, mich mit unserer Reisebegleiterin für gestern und heute (ich gebe ihr wegen der folgenden Sätze absichtlich den fiktiven Namen Tamara) - über das Leben in Russland zu unterhalten. Es fällt auf, dass die Menschen hier die lange Zeit der Sowjetunion ausblenden. Warum? Tamara schaut mich an und fängt an zu erzählen. Ihre Augen leuchten, dann werden sie wieder traurig. Mit klaren und für mich sehr überraschend deutlichen Worten zeichnet sie ein Bild von ihrem Land. "Die Menschen hier sind zwiegespalten." Die älteren würden der Sowjetzeit nachtrauern; früher sei alles besser gewesen. Die Jungen würden sich nicht zurechtfinden im neuen Russland. Schuld daran sei Putin. Ich stutze. Putin? "Ja!" Putin würde über das Fernsehen, sein "Hauptpropaganda-System" in etlichen Berichten und Filmen immer nur die gute Seite der alten Sowjetunion zeigen. "Er verzuckert uns!" Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sei vieles bekannt geworden, was nicht immer zum Positiven gereicht habe. Viele Menschen waren davon irritiert. Und Putin versuche, dieses mit seiner Propanda "wegzuretuschieren". Seine Vergangenheit halte ihn gefangen, er komme nicht daraus raus. "Ich glaube, er ist verrückt. Leider bemerken wir das erst jetzt." Ich bin überrascht von Tamaras Worten. Sie redet weiter, immer weiter. Vor drei Jahren habe es im ganzen Land viele Demonstrationen gegeben - auch in Irkutsk. Der Staat - Putin - habe das aber verboten. "Man will das Volk mundtot machen."

Mein Gespräch mit Tamara wird vom lauten Signalhorn der Fähre beendet, die uns über die Angara zum Baikal bringen wird. Ich habe keine Gelegenheit mehr, unser Gespräch fortzusetzen. Denn ab jetzt zieht uns der Baikal nach und nach in seinen Bann, auch wenn es anfängt zu regnen.

Unser Tragflächenboot legt ab - und in rasant-schneller Fahrt düsen wir über die Angara. Weite tut sich auf. Nach etwa einer Stunde reißt der ohnehin schon breite Fluß urplötzlich auf - der Baikal liegt vor uns. Nebelverhangene Wolken lassen uns nur einen Bruchteil der vor uns liegenden Weite erahnen. Und doch ergreift mich ein Gefühl von Freiheit. Das ist er also, der größte Süßwasser-Binnensee der Erde. Dabei sieht er aus wie ein Meer. Und in der Tat ist der Baikal zweimal so groß wie die Ostsee. Wahnsinn. Wir legen polternd am Ufer an. Sicherheit spielt hier wohl keine allzugroße Rolle. Bei der Einfahrt in den Hafen von Listwjanka thronen links und rechts riesige, teilweise stark verrostete Schiffe. Soldaten turnen darauf herum wie auf einem Spielplatz. Willkommen am Baikal.

Der Tag hält dann doch noch eine kleine Überraschung bereit. Wir haben das Glück, im Freilichtmuseum von Listwjanka die Darbietungen einer Folkloristen-Gruppe zu verfolgen, die in einer kleinen Modenschau (!!!) sehr anschauliche, traditionelle Kleidung präsentierten. Das war nett anzusehen - und hätte den Männern unserer Truppe fast die Abfahrt des Busses vermasselt. Am Ende saßen aber alle zufrieden auf ihren Sitzen und Igor - unser Fahrer - brachte uns wohlbehalten in das Gästehaus von Nikolai. Nikolai ist ein uriger Typ - und gerade hat er seinen Eisschrank mit neuem "Baltika" aufgefüllt - dem Bier, das hier am Baikalsee getrunken wird.

Das werde ich jetzt auch tun....


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Russlands letzter Zar Nikolaus II. setzte 1891 den ersten Spatenstich für den Bau der Trasse der Transsibirischen Eisenbahn. 16 große Flüsse überquert die Transsib heute. MZ-Redakteur Bernd Martin wird nach Moskau fliegen und von dort mit der Bahn zum Baikalsee fahren. Hier schreibt er von unterwegs über seine Erlebnisse.

Teil 1: Wodka trinkende Russen und Miss Marple - Der Baikal ruft

Teil 2: Koffer packen

Teil 3: Ankunft in Moskau

Teil 4: Die Transsib rollt los

Teil 5: Unterwegs - mehr als Zähneputzen war nicht drin

Teil 6: Igor erzählt, welche Pilze man sammeln soll, um viel Geld zu verdienen

Teil 7: Sibirien - Essen auf den Bahnsteigen

Teil 8: Der ganze Zug riecht nach Fisch

Teil 9: Verlorenes Zeitgefühl

Teil 10: Junges Glück in Irkutsk - jetzt wird geheiratet

Teil 11: Zehn Rubel voller Dankbarkeit


Teil 12: "Putin verzuckert uns"

Teil 13: Joggen am Baikal

Teil 14: Fahrer fällt betrunken aus dem Auto

Teil 15: Michael möchte Superstar werden

Teil 16: Quer über die Insel Olchon

Teil 17: Der Baikal hat uns voll im Griff

Teil 18: Vier Schweine, elf Kühe, zehn Schafe und dreißig Hühner

Teil 19: Sibirischer Stolz

Teil 20: Leben ohne Strom

Teil 21: Auf nach Ulan Ude

Teil 22: Teddybären auf Autodächern


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