Gedenken der zivilen Opfer in den letzten Kriegstagen 1945 am Volkstrauertag

Elly Jäger
 
Otto und Elly Jäger mit ihren 6 Kindern
Premnitz: Obelisk |

Ein kleines Dorf hat sie nicht vergessen

Elly Jäger

Mein 81-jähriger Onkel aus Wolfsburg und meine 88-jährige Mutter aus Halle konnten erstmalig ihre Mutter, Elly Jäger, die am 27.04.1945 im Dorf Mögelin, (unterwegs von Premnitz nach Rathenow), erschossen wurde, öffentlich ehren. Meine Schwester, mein älterer Sohn und ich begleiteten die beiden Kriegswaisen zu einem Treffen mit dem Premnitzer Bürgermeister, Ralf Tebling, auf dem Dorfplatz am 13.11.2016. Weiterhin leben noch zwei Kinder der in der ehemaligen DDR nicht bekannten Widerstandskämpfer Elly und Otto Jäger, die jetzt 91 und 78 Jahre alt sind und aus gesundheitlichen Gründen nicht am Treffen teilnehmen konnten. Sie bekundeten jedoch ihre Anteilnahme an dem Gedenken der Opfer aus beiden Weltkriegen und der zivilen Opfer des 2. Weltkrieges aus Mögelin.
Alle 6 Geschwister hatten als Kinder und Erwachsene sehr unter dem Verlust ihrer Eltern, die beide innerhalb eines viertel Jahres in den letzten Kriegstagen starben, zu leiden. Der damals 43-jährige Vater verbüßte Haftstrafen in verschiedenen Konzentrationslagern, zu Vorletzt in Esterwegen und wurde 1937 aus Sachsenhausen entlassen. Im Februar 1945 sollte er „im letzten Aufgebot“, vermutlich in einem Straf-Bataillon, „für Vaterland und Führer“ kämpfen. Er hatte die Absicht zu desertieren, wofür er offenbar noch vor dem Durchbruch der Roten Armee erschossen wurde. Sein Grab auf dem Ehrenfriedhof in Wellmitz an der Oder ist wenigstens bekannt.
Aber von dem Verbleib ihrer Mutter wussten die damals 22, 20, 16, 12, 10 und 7 Jahre alten Vollwaisen nichts. Sie konnten an keinem Grab trauern. Sohn Otto (vor Jahren bereits verstorben) wollte im Mai 1948 seinen Bruder Ernst mit folgenden Worten trösten:
Ach Mama! Liebste Mama mein!
Wann kehrst du zu uns sechs Kindern heim?
Drei Jahre sind wir schon elternlos
und warten auf dich, liebe Mama, bloß.

Zu Weihnachten lag das Bild der Mutter Elly auf dem Sofa. Der Jüngste ging zu diesem hin und sagte: „Mama, jetzt bekommst Du von mir einen Kuss.“ Mit diesen Worten hob er das Bild auf und küsste es, wobei meine Mutter, Margot Skorupa, weinen musste und ihr jetzt noch beim Erzählen fast die Tränen kommen.
Ein nicht mehr lebender Zeitzeuge berichtete damals Ernst Jäger, dass seine in Mögelin getötete Mutter in einem kleinen Massengrab auf dem dortigen Dorffriedhof beigesetzt worden sei. Mein Onkel wollte dem seit 1955 nachgehen. 1965 flüchteten er und ein Bruder mit ihren Familien aus der ehemaligen DDR. Nach der politischen Wende versuchte mein Onkel an die Friedhofs-Unterlagen heranzukommen. Vergeblich! Sie sind bis heute nicht auffindbar.
Durch meine eigene Recherche fand ich heraus, dass meine Großmutter während der DDR-Zeit in einem Erfassungsschein als Widerstandskämpferin, die als politischer Häftling 1943 deswegen eine Haftstrafe verbüßte, geführt wurde. In diesem und in einer VdN-Akte wurde auch ihre Ermordung in den letzten Kriegstagen „durch die SS im Wald bei Rathenow“ bescheinigt. Öffentlich bestand kein Interesse diesen Mord aufzuklären oder wenigstens meine Großmutter zu ehren.
Einen Mörder zu finden ist auch jetzt nicht das Anliegen der Familie. Wir danken Ernst Jäger vielmehr dafür, dass er jahrelang recherchierte und sehr viele Fakten zusammen trug, die für den Wahrheitsgehalt der damaligen Zeugenaussage sprechen.
Elly Jäger schrieb in ihre Tagebücher Regime kritische Äußerungen und verlieh diese. Ihre Aufzeichnungen wurden beschlagnahmt und ihr drohte offenbar die Todesstrafe. In einem Verhör sei sie gefragt worden, ob sie denn nicht an ihre sechs Kinder gedacht hätte. Elly antwortete, dass sie wohl verrückt gewesen sein müsse, weiß meine Mutter zu berichten. Der damalige Amtsarzt bescheinigte Frau Jäger eine angebliche „Blande Schizophrenie“. Auf Veranlassung der Gestapo wurde sie als politischer Häftling in die Irrenanstalt Brandenburg Görden eingewiesen. Nach einem viertel Jahr erfolgte wie durch ein Wunder ihre Entlassung.
Durch die Nachforschungen von Ernst Jäger wurde es möglich, dass auch Elly Jägers Name auf der seit September 2016 existierenden zusätzlichen Gedenktafel steht. Bereits als Kind taten mir und meiner Schwester unsere Mutter, Onkel und Tanten sehr leid. Ich wollte meiner Großmutter schon immer zum Trost meiner Mutter ein Denkmal errichten lassen. Das brauche ich nun nicht mehr. Dank Ralf Tebling steht ihr Name jetzt an dem Denkmal für die Opfer der beiden Weltkriege.
Er und viele engagierte Helfer machten dies durch ihre jahrelangen Recherchen und Bemühungen (seit 2006) möglich. Das um die zweite Tafel erweiterte Denkmal und dessen Geschichte lernte ich selbst durch Zeitungsartikel in der Märkischen Allgemeinen näher kennen. In Mögelin wurden kurz vor Kriegsende noch weitere Zivilisten, darunter ein kleines Kind, erschossen. (Die Rote Armee befand sich noch nicht dort.) Auch für mich als „Kriegsenkelin“ ist die nunmehr bestehende Möglichkeit, meiner Großmutter zusammen mit den anderen Opfern öffentlich zu gedenken, bedeutungsvoll. Elly und Otto Jäger starben auch für uns.
Als Psychotherapeutin und Nervenärztin kann ich ebenso die Bedeutung von vielen anderen Einzelschicksalen und transgenerationalen Traumaübertragungen ermessen. Meine Großeltern und viele andere Menschen wollten eines unbedingt: Den Frieden!

Kraenze und Gedenkreden zum Volkstrauertag
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