„Ich bin froh, wenn ich Klagemauer sein kann!“ - Krankenhausseelsorge sucht neue Unterstützer (Ein Praxisbericht)

„Es gibt auch Tage, an denen ich so richtig wütend bin. Auf die Patienten oder auf das Krankenhauspersonal.“, erzählt Beate Z. „Dann laufe ich schon mal über den Flur und schimpfe vor mich hin: ‚Die denken wohl, dass ich nichts Besseres zu tun habe?‘ Und dann denke ich: ‚NEIN! Habe ich nicht.‘ Für mich ist das so ziemlich das Beste und Sinnvollste, was ich in der letzten Zeit getan habe.“ Beate Z. ist eine von zehn Ehrenamtlichen im Besuchsdienst der Seelsorge, die sich in regelmäßigen Abständen mit Pfarrerin Sonja Bartsch zu Erfahrungsaustausch und Supervision im Seelsorgeseminar in der hallenser Lafontainestraße treffen. Viel gibt zu berichten, von Leid und Freud, von Ungewöhnlichen und Alltäglichem. Aber der Reihe nach…



Für die meisten der anwesenden Frauen war ein Zeitungsartikel der ausschlaggebende Impuls, um sich für den ehrenamtlichen Besuchsdienst in der Seelsorge ausbilden zu lassen. Während einige von ihnen schon lange den Wunsch nach einer sinnvollen Beschäftigung abseits des Erwerbslebens hatten, war für andere die Neugier ausschlaggebend, um seelsorgerisch tätig zu werden. „Ich komme eigentlich aus dem technischen Bereich“, blickt Sabine M. auf das Vergangene, „und rückblickend muss ich sagen, dass ich richtig froh bin, dass ich mich auf diese Seite des Lebens nochmals einlassen konnte.“ Dabei betont die sehr mitreisend erzählende Frau auch immer wieder, wie wichtig die praxisnahe Ausbildung und Vorbereitung auf die kommende Zeit war. „Ich habe viel gelernt. Durch meine langjährige Zusammenarbeit mit ein und demselben Stamm an Kolleginnen und Kollegen glaubte ich immer, ich hätte keine Probleme im Umgang mit Menschen – bis ich dann hier losgegangen bin und mich auf Menschen einstellen musste, die krank sind.“ Erfahrungen einer Ehrenamtlichen, die kopfnickend von allen Anwesenden getragen werden.

Der ehrenamtliche Besuchsdienst in der Seelsorge ist mehr als nur gut zuzuhören, es ist ein stetiger Lernprozess. Die vorbereitende achtzigstündige Ausbildung gibt den „Neuen“ das nötige Rüstzeug mit, um der anspruchsvollen und verantwortungsvollen Aufgabe auch gerecht zu werden. „Die Ausbildung hat zu Beginn mit Seelsorge erst einmal wenig zu tun.“ blickt Beate Z. auf diese Zeit zurück. „Hier traf man auf ganz unterschiedliche Menschen und zwischen den Teilnehmern haben sich verschiedene gruppendynamische Prozesse entwickelt. Wir haben viel über das Miteinander zwischen den Menschen gelernt und insbesondere über uns selbst erfahren: auf sich selbst zu achten, seine Gefühle und Intuitionen wahrzunehmen und zu trauen.“ Die Aussage scheint die Zustimmung aller zu finden. Conny C., die beruflich als Coach deutschlandweit unterwegs ist und mit einer Vielzahl unterschiedlicher Menschen zu tun hat, bekräftigt dies nochmals: „Diese Ausbildung ist insbesondere für all diejenigen gut, die vor der Frage stehen: ‚Was machst Du eigentlich auf der Welt? Wer bist Du? Was ist der Sinn Deines Daseins auf Erden? Was kann ich denn überhaupt?‘ Mit jedem Besuch den man macht und mit jedem Gespräch das man führt, kommt man den Antworten auf diese und ähnliche Fragen ein Stück näher. Wenn man Antworten sucht und sich auch ein Stück weit beschenken lassen möchte, dann ist diese Ausbildung und diese Tätigkeit genau das richtige.“

Solch ein Basiskurs für Ehrenamtliche in der Seelsorge startet in diesem Jahr wieder am 15. März. Viel an Vorwissen oder Fähigkeiten benötigen die interessierten Bewerberinnen und Bewerber nicht. „Sie müssen neugierig auf andere Menschen sein, sich Beziehungen aussetzen können und auch in der Lage sein ein Stück weit von sich Preis zu geben – auch als Zuhörende.“ beschreibt Pfarrerin Sonja Bartsch die Anforderungen an die künftigen Seelsorger. Wenn es sich in den vorbereitenden Gesprächen herausstellt, dass man für diese Tätigkeit geeignet ist, werden unter professioneller Begleitung an sieben Wochenenden die notwendigen Kompetenzen zur Entfaltung gebracht. Wer an solch einer zertifizierten Ausbildung interessiert ist, hat noch bis zum 18. Februar 2013 Zeit seine Bewerbung an das Seelsorgeseminar der EKM in Halle zu schicken. Um den Ausbildungserfolg nicht zu gefährden, sind die Plätze hierfür allerdings begrenzt und somit eine frühzeitige Anfrage sinnvoll.

Was aber sollte jemanden bewegen, sich für diese mindestens zwei Jahre währende ehrenamtliche Tätigkeit zu entscheiden? „Ich finde, man ist fast schon verpflichtet etwas zurückzugeben, wenn es einem besser geht als anderen.“ mahnt Kerstin S.. Aber auch sie weiß, dass allein aus Moral und hoher Gesinnung heraus sich kein hochmotivierter „Nachwuchs“ gewinnen lässt. Daher betont sie immer wieder, wie sehr diese Tätigkeit das eigene Leben bereichert hat. „Es ist eine Arbeit die Dich aufbaut, die Dir einen ganz anderen Blick auf Dein Leben gibt und darauf, was wirklich wichtig ist; die tägliche Hatz und das Rennen ums Geld oder das zeitweise Innehalten, um in sich zu hören bzw. sich daran zu erinnern und darüber zu freuen, dass man gesund ist? Man hat hier die Möglichkeit auch mal dankbar zu sein und diese Dankbarkeit anderen weiterzugeben. Man fühlt mit ihnen, man weint mit ihnen und dann ist es ein tolles Gefühl, wenn man im Anschluss sieht, wie gut es diesen Menschen wieder geht.“

Von solchen Momenten der Bestätigung des eigenen Tuns und Motivation wissen alle Anwesenden zu berichten. „Wissen Sie,“, sagt Christine B., „ich bin oft abgehetzt von meiner Arbeit gekommen und hatte keine Lust noch „da rein“ zu müssen. Aber jedes Mal – ungelogen – wenn ich aus dem Krankenhaus raus kam, war es sowohl für die Patienten als auch für mich gut da gewesen zu sein.“ Auch für die Frage, was denn überhaupt so gut daran gewesen sein, haben die Damen sofort eine recht plausible Antwort parat. „In den Kliniken laufen tausend Leute rum, die einen fragen danach was man zum Frühstück möchte, die anderen kontrollieren Körperfunktionen und andere fragen danach, ob sie die Zeitung holen dürfen, aber niemand hat die Zeit nach dem Menschen zu fragen. Wir hingegen wollen uns hinsetzen, Zeit haben und hören, welche Sorgen den Menschen plagen.“ beschreibt Kerstin S. die eigene Wahrnehmung der Situation vor Ort. Der ehrenamtliche Besuchsdienst in der Seelsorge wird nach Einschätzung aller, in einer von Apparaten dominierten Medizin, einen immer höheren Stellenwert einnehmen. Dies sieht auch Conny C. so, wenn sie sagt: „Es gibt die Technik, es gibt Pillen, Pasten und mehr und mehr. Aber wer kümmert sich denn darum, wer wir wirklich sind? Wir sind keine Technik! Das, was wir sind, ist in uns und auch das braucht die nötige Pflege!“

Pfarrerin Sonja Bartsch weiß um die Bedeutung ihrer ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen. Sie sieht in deren Engagement keine Konkurrenz, sondern vielmehr eine notwendige und wichtige Unterstützung ihrer Arbeit. Daher verwundert es nicht, wenn sie liebevoll von kleinen Perlen spricht, die man erst einmal suchen muss, die aber letztlich den Schatz zu etwas ganz besonderen werden lassen. Diesen Schatz gilt es aber erst einmal zu bergen. Wenn dies gelungen ist wird man feststellen, dass die anwesenden Frauen und ihre Kolleginnen und Kollegen nicht allein „nur“ für die Patientinnen und Patienten ein offenes Ohr haben. So weiß z.B. Kerstin S. von einer in Scheidung liegenden Ärztin zu berichten, die im Nachgang an das Gespräch die Ehrenamtliche mit den Worten: „Ach, jetzt geht es mir wieder besser!“ entließ. „Ich wünsche mir aber, dass es ein noch größeres Verständnis dafür gibt, dass der ehrenamtliche Besuchsdienst in der Seelsorge für alle da ist, also neben den Patienten auch für die Ärzte und Schwestern. Bei uns kann man seine Sorgen und Nöte abladen, ohne die Angst zu haben, gleich danach beurteilt zu werden, ob man überhaupt noch geeignet ist für den Beruf. Das heißt aber auch, dass diese Arbeit insgesamt einen viel höheren Stellenwert im Krankenhausalltag einnehmen müsste.“ mahnt Kerstin S. an. Dies unterstreicht auch Christine B. nochmals, als sie ihren Wunsch nach einer noch stärkeren Präsenz der Seelsorge in Krankenhäusern und Altenheimen bekräftigt und die Wahrnehmung für das, was Seelsorge und ehrenamtlicher Besuchsdienst überhaupt leisten, schärfen möchte. „Das Gefühl, da ist jemand, dem kann ich, egal ob Patient oder Personal, etwas anvertrauen, was ich anderen nicht sagen kann. Was einen belastet, das kann man häufig einem Fremden eher sagen, als den Kollegen oder der eigenen Familie.“

Zweifelsohne ist die Tätigkeit, die ehrenamtlich Seelsorgende im Krankenhaus, am Telefon oder in der Notfallbegleitung versehen, ein Engagement, das diesen Akteuren viel abverlangt. Die positive Energie, die die anwesenden Damen verströmen zeigt aber auch, wie groß der Zugewinn durch dieses Wirken ist. Unter diesem Blickwinkel ist der aktuelle Aufruf zur Teilnahme am neuerlichen Basiskurs für Seelsorgende im März weniger ein Ruf nach Unterstützung. Dieser ist vielmehr getragen vom Wunsch, dass auch andere solch tolle Erfahrungen machen dürfen. Alle Ehrenamtliche sind sich auf jeden Fall einig, wenn sie fast schon unisono sagen: „Es lohnt sich!“

Kontakt:

Pfarrerin und Supervisorin Sonja Bartsch
Pfarrerin und Seelsorgeberaterin Christine Keller
Bewerbungen richten Sie bitte bis zum 18.02.2013 an:
Seelsorgeseminar der EKM
Lafontainestraße 17
06114 Halle
Telefon: 0345 – 522 62 35
E-Mail: seelsorge.halle@t-online.de
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