Junges Glück in Irkusk

Stilvoll küsst der Bräutigam seine junge Braut am Ufer der Angara.
 
Unsere lustige Truppe mit Schaffnerin Julia vor unserem Waggon Nummer 4.
Wir sind in Irkutsk. Endlich duschen! Endlich eine ordentliche Mahlzeit! Endlich ein richtiges Bett! Ich genieße diesen Komfort.

Doch alles der Reihe nach.

Schreie in der Nacht

Die letzte Nacht in der Transsib haben wir alle sehr unruhig geschlafen. Irgendwann wurde die Lok getauscht und seitdem rumpelte der Zug noch doller als zuvor. Und irgendwann gegen 3 Uhr schrie plötzlich eine weibliche Stimme im Waggon. Wir hatten in der Nacht der besseren Luft wegen die Tür zu unserem Abteil offengelassen und sah ich auf einmal unsere Nachtschaffnerin Swetlana durch den Gang rennen. Türen klapperten, es knallte. So urplötzlich der Krach kam, so urplötzlich war wieder Stille im Zug. Komisch. Als ich zur Toilette schwankte, sah ich Swetlana mit einem jungen Russen in ihrem Abteil eng beieinander sitzen. So versieht sie also ihren Nachtdienst, dachte ich mir...

Wassereinbruch

Am nächsten Morgen berichteten mir unsere Mitfahrer, dass es im weiteren Verlauf der Nacht auch noch einen Wassereinbruch im Waggon gegeben hätte und das Wasser in die ersten Abteile gelaufen wäre. Na da hat ja Swetlana mal endlich ordentlich was zu tun gehabt in ihrer Schicht. Ob die Vorfälle in der Nacht ihre traute Zweisamkeit gestört haben? Am Morgen jedenfalls war sie nicht so störrisch wie sonst.
Am Abend zuvor haben mir Swetlana zusammen mit ihrer Kollegin noch ein verlockendes Angebot gemacht: Für 100 Rubel würden sie mir ihren 10-Liter-Eimer mit lauwarmen Wasser füllen und ihre Duschkelle für eine ausgiebige Dusche leihen wollen. Ich habe mich zu früh gefreut. Denn um 6:50 Uhr wollte Swetlana nichts mehr davon wissen. Sie hatte jetzt mit dem Einsammeln und Abzählen unserer gebrauchten Bettwäsche zu tun. Da war sie sehr resolut - und wer nicht schnell genug war, bekam es mit ihrer schneidenden Stimme zu tun. Irgendwann tauchte dann auch Julia auf - sie hat offenbar von dem Trubel der Nacht nichts mitbekommen, was ich wiederum nicht verstehen konnte. Aber wahrscheinlich entwickelt eine Schaffnerin während ihres Dienstes in der Transsib einen eigenen Abwehrmechanismus für alle unvorhergesehen passierenden Dinge - nach dem Motto: Das ist nicht meine Schicht, also stehe ich auch nicht auf...

Ankunft in Irkutsk

Die Verabschiedung am Bahnhof in Irkutsk von unseren Schaffnerinnen verlief kurz, aber herzlich. Sie wünschten uns erlebnisreiche Tage am Baikal. Wahrscheinlich sind sie insgeheim froh, dass wir jetzt den Zug verlassen haben. Wir wurden jetzt von unserer neuen Reisebegleiterin Julia empfangen, die sehr gut Deutsch spricht und mit uns zu unserem Hotel für die kommende Nacht fuhr. Dort trafen wir dann auf unsere beiden anderen Naumburger - Thomas und Christoph Schlegel. Eigentlich wollten Schlegels uns am Bahnhof abholen - aber offenbar haben beide nicht den Weg vom Hotel zum Bahnhof gefunden, so dass die Begrüßung kurz und knapp ins Hotel verlegt wurde. Schlegels sind mit dem Flugzeug nach Irkutsk geflogen - vier Tage und vier Nächte Transsib sind für beide doch zuviel gewesen.

Eine kurze Stadtrundfahrt zeigte uns die Geschichte der 640.000 Einwohner zählenden und erst 350 Jahre jungen Stadt Irkutsk. Das war alles interessant - vor allem das Gesicht von Irkutsk mit seinen alten Holzhäusern und modernen Bauten imponiert. Richtig kennengelernt haben wir die Stadt aber auf eine andere - wenn auch sehr kurze Weise. Eine Brautgesellschaft wartete am Ufer der Angara auf das junge Paar, das für ein Fotoshooting im nahegelegenen Park posierte. Und wie es der Zufall wurde, wurden wir vom Brautvater herangewunken auf einen Becher Wodka, den wir auf das junge Paar mit ihm trinken sollten. "Kak tebja sawjut?", fragte ich in. Mit stolz geschwellter Brust sagte er "Boris". "Menjia sawjut Bernd" - Boris war baff meiner russischen Brocken wegen. "Nasdrowje!" Von soviel Gastfreundschaft war ich dann doch schon etwas baff. Das ist eben auch Russland: Offenheit, Herzlichkeit, Freundlichkeit.

Ich bin auf den Baikal gespannt...


Lesen Sie mit:

Russlands letzter Zar Nikolaus II. setzte 1891 den ersten Spatenstich für den Bau der Trasse der Transsibirischen Eisenbahn. 16 große Flüsse überquert die Transsib heute. MZ-Redakteur Bernd Martin wird nach Moskau fliegen und von dort mit der Bahn zum Baikalsee fahren. Hier schreibt er von unterwegs über seine Erlebnisse.

Teil 1: Wodka trinkende Russen und Miss Marple - Der Baikal ruft

Teil 2: Koffer packen

Teil 3: Ankunft in Moskau

Teil 4: Die Transsib rollt los

Teil 5: Unterwegs - mehr als Zähneputzen war nicht drin

Teil 6: Igor erzählt, welche Pilze man sammeln soll, um viel Geld zu verdienen

Teil 7: Sibirien - Essen auf den Bahnsteigen

Teil 8: Der ganze Zug riecht nach Fisch

Teil 9: Verlorenes Zeitgefühl

Teil 11: Zehn Rubel voller Dankbarkeit

Teil 12: "Putin verzuckert uns"

Teil 13: Joggen am Baikal

Teil 14: Fahrer fällt betrunken aus dem Auto

Teil 15: Michael möchte Superstar werden

Teil 16: Quer über die Insel Olchon

Teil 17: Der Baikal hat uns voll im Griff

Teil 18: Vier Schweine, elf Kühe, zehn Schafe und dreißig Hühner

Teil 19: Sibirischer Stolz

Teil 20: Leben ohne Strom

Teil 21: Auf nach Ulan Ude

Teil 22: Teddybären auf Autodächern

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