Mehr als Drei-Acht auf dem Kessel....

Ich muss mich heute noch einmal melden.

Weil: Natascha hat gelogen! Denn: Unsere Erlebnisse auf der Fahrt zur Fähre nach der Insel Ol'chon wurden nicht getoppt ---->>>> sie wurden explosionsartig geflasht. Alles, wie man in Deutschland umgangsprachlich die russische Mentalität beschreibt, traf nach unserer Ankunft auf der Insel Ol'chon und insbesondere auf der Fahrt zu unserer Unterkunft voll zu.

Doch der Reihe nach. Natascha hatte uns schon vorgewarnt: Wir würden mit den berühmten UAS-Fahrzeugen fahren. Das sind Fahrzeuge, mit denen Du über Stock und Stein fahren kannst, ohne das diese kaputt gehen würden. Liebe Natascha: Stock und Stein war total untertrieben. Zwar hatten wir als einzige keinen UAS, sondern einen rostigen Toyota - aber kaum saßen wir in diesem Gefährt drin, polterte - nein knallte - das Fahrzeug los. Unser Fahrer umkrallte das Lenkrad, das dermaßen vibrierte, dass man Angst haben musste, es würde gleich durch die Frontscheibe knallen. Das gesamte Fahrzeug drohte jeden Moment, auseinander zu fallen. Doch nichts dergleichen geschah. Wir wurden geschüttelt und gerüttelt - wie ein Cocktail an einer Nachtbar. Das war auch keine Straße, auf der wir dahinpreschten, sondern irgendetwas anderes. Alles, nur keine Straße. Kaum waren wir losgefahren, entwickelte sich auf dieser Piste ein Wettrennen der Fahrzeuge untereinander, dass Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel hätte erblassen lassen. Hupen galt nicht, nur PS.


Reifenpanne


Doch auf einmal: PENG! Ein Zischen und Pfeifen, ein Röhren und Rattern. Unser Fahrer bremste die Geschwindigkeit (es waren mit Sicherheit weit über 100 km/h. Genau ermitteln konnte ich das nicht, der Tacho funktionierte nämlich nicht.) und hielt plötztlich an. REIFENPANNE. Na Prima! Alle anderen Fahrzeuge unserer Kolonne scherten sich nicht um uns und fuhren weiter. Es kam auch kein Safety-Car.
Schöne Scheisse!
Aber kein Problem für unseren Fahrer. Er stieg aus (wir auch), öffnete die Hintertür und buddelte so etwas wie einen Wagenheber hervor. Das soll ein Wagenheber sein? "Nix Broblämm!" Er quetschte dieses Teil von einem Wagenheber unter das Fahrzeug und hebte dieses an. Doch leider bekam er den platten Reifen nicht ab. "Alles keine Brobbläm!" Er holte Verstärkung in Form einer großen Axt. Damit hämmerte er auf seine Konstruktion ein, buddelte ein Loch unter den kaputten Reifen mit dem einzigen Ziel, das Rad endlich lockern zu können. Ohne Erfolg. Doch "alles keine Brobbläm". Er stieg in seinen Toyata ein und fuhr mit dem platten Reifen ein Stück den Berg hinauf. Jetzt endlich erst konnte er den Reifen wechseln. "Charascho! Otschen Charascho!". Alles Werkzeug in den Kofferraum geknallt und weiter ging die Fahrt. Doch leider sah der Wechselreifen auch noch schlechter aus, als der erste. Und so kam es, wie es kommen musste. Zwar wechselte unser Fahrer jetzt die Strecke ("Da sind weniger Steine."), doch wenige hundert Meter knallte auch dieses Stück Gummi. Kein Wunder, denn das gute Teil hatte bereits eine langen Schlatz. Gottlob dauerte dieses Mal der Wechsel nicht zu lang. Zum Glück aber fuhr unser Fahrer dann etwas gesitteter.

Unser Fahrer verlor aber auch in dieser für uns hoffnungslosen Situation nicht den berühmten schwarzen russischen Humor. Normalweise fahre er immer Koreaner und diese seien viel kleiner und somit auch leichter. Ein liebevolleres Kompliment hätte er uns nicht machen können.

Doch damit nicht genug. Angekommen an unserer Unterkunft, wartete schon das andere Fahrzeug mit unseren Koffern auf uns. Dessen Tür öffnete sich --->>> und der Fahrer fiel heraus!!!! Ja, liebe Leser, der Fahrer fiel heraus! Ich begrüßte ihn mit "Sdraswuidje!" Er sah mich mit glasigen Augen an, salutierte (wobei seine Hand nicht mehr seine Stirn traf) und schwabbelte irgendetwas was nach einer Mischung aus Russisch, Chinesisch und Hintertutzing klang. Au backe! Das waren mehr als Drei-Acht auf dem Kessel....

Insofern: Verzeiht mir meine Überschrift über diesen Blog. Aber sie trifft haargenau zu auf das, was wir heute erlebt haben!

Gute Nacht Gemeinde!


Lesen Sie mit:


Russlands letzter Zar Nikolaus II. setzte 1891 den ersten Spatenstich für den Bau der Trasse der Transsibirischen Eisenbahn. 16 große Flüsse überquert die Transsib heute. MZ-Redakteur Bernd Martin wird nach Moskau fliegen und von dort mit der Bahn zum Baikalsee fahren. Hier schreibt er von unterwegs über seine Erlebnisse.

Teil 1: Wodka trinkende Russen und Miss Marple - Der Baikal ruft

Teil 2: Koffer packen

Teil 3: Ankunft in Moskau

Teil 4: Die Transsib rollt los

Teil 5: Unterwegs - mehr als Zähneputzen war nicht drin

Teil 6: Igor erzählt, welche Pilze man sammeln soll, um viel Geld zu verdienen

Teil 7: Sibirien - Essen auf den Bahnsteigen

Teil 8: Der ganze Zug riecht nach Fisch

Teil 9: Verlorenes Zeitgefühl

Teil 10: Junges Glück in Irkutsk - jetzt wird geheiratet

Teil 11: Zehn Rubel voller Dankbarkeit


Teil 12: "Putin verzuckert uns"

Teil 13: Joggen am Baikal

Teil 14: Fahrer fällt betrunken aus dem Auto

Teil 15: Michael möchte Superstar werden

Teil 16: Quer über die Insel Olchon

Teil 17: Der Baikal hat uns voll im Griff

Teil 18: Vier Schweine, elf Kühe, zehn Schafe und dreißig Hühner

Teil 19: Sibirischer Stolz

Teil 20: Leben ohne Strom

Teil 21: Auf nach Ulan Ude

Teil 22: Teddybären auf Autodächern

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