Mit dem UAS quer über die Insel Ol'chon

    Einmal im Baikal baden! Diesen Traum habe ich mir gestern erfüllt. Baden im Baikal kann man nicht mit Baden in der Ostsee oder am Strand von Playa del Ingles vergleichen. Baden im Baikal ist ein völlig anderes Gefühl. Der See ist kräftig, ungestüm - und doch umspülen einen die Wellen wie zartweiche Hände. Man wird vom Wasser getragen, geschoben und dann wieder gezogen. Und: Man kann während des Badens trinken. Das Wasser des Baikal schmeckt sehr gut - perlend und prickelnd - und mit einer Temperatur von 17 Grad angenehm erfrischend. Das ich das einmal erleben darf.

Wohnen in Holzhütten


Wir haben die Insel Ol'chon erforscht. Ein Tagestrip, der uns von unserer kleinen Siedlung Chuzir - der heimlichen Hauptstadt im Süden der Insel - bis an die Nordspitze führte. Im 1939 gegründeten Chuzir wohnen etwa 1200 der insgesamt 1500 auf der Insel lebenden Einwohner, hauptsächlich Burjanen. Sie wohnen in einfachen Holzhütten, für europäische Verhältnisse unvorstellbar. Jeder Hof ist mit einer etwa zwei Meter hohen Zaunwand umzingelt, die keinen Blick in das Innere des Anwesens zulässt. Nur am Abend, wenn die Sonne im Westen hinter den Bergen versinkt und im Osten der Mond über den Bergen aufgeht, bietet sich die Möglichkeit für einen kurzen Blick in das Innere der Grundstücke. Holz, Holz und nochmals Holz. Bänke, Tische, Stallungen und Kühe.

Überhaupt die Kühe. Sie gelten als heilige Tiere und laufen ohne Kennmarke oder Halsband quer durch den Ort und über die gesamte Insel. Es kommt vor, dass auf den buckligen Straßen plötzlich mehrere Kühe auftauchen. Autos bremsen dann sofort und warten so lange, bis die gefleckten Vierbeiner vorbeigezogen sind. Hupen ist nicht. Als ich gestern abend noch einmal im Ort war und sehr spät wieder in unsere Unterkunft zurückkam, wäre ich fast mit einer Kuh zusammengestoßen. Diese stand auf einmal vor mir und döste vor sich hin. Ich habe sie nicht gesehen. In den Straßen von Chuzir brennt kein Licht. Zum Glück war das Vieh mehr erschrocken als ich und drehte instinktiv seinen Kopf weg.


Uljanowski Awtomobilny Sawod


Die Fahrt über die Insel Ol'chon geht nur mit den unverwüstlichen UAS - den markanten russischen Fahrzeugen, die vor keinem noch so tiefen Straßenkrater und vor keinem noch so engen Pfad zurückschrecken. UAS steht für Uljanowski Awtomobilny Sawod - jener legendären russischen Autofabrik, die 1941 im Auftrag des sowjetischen Verteidigungsministeriums entstand und 1950 mit der Produktion der ersten Autos begann. Auf der Insel Ol'chon poltern genau 100 dieser Ungetümer herum - eines davon gehört Alexander. Er bugsierte uns zusammen mit zwei weiteren Kumpels quer über die gesamte Insel. Man kann so eine Fahrt nicht beschreiben. Heute - einen Tag später - habe ich mörderlichen Muskelkater, weil ich während der Fahrt ständig mein Gleichgewicht ausbalancieren musste, um nicht neben Alexander vom Sitz zu fallen. Ich vermisse mein Fitness-Studio in diesen beiden Wochen Sibirien nicht, denn während unserer Tour habe ich so meine Muskeln ordentlich trainiert. Alexander ist ein sehr umsichtiger Fahrer, und als wir im Auto schon dachten, jetzt kippen wir seitlich um, schob und lancierte er seinen UAS sicher über Stock und Stein. Obwohl die Straßen (Straße ist eigentlich nicht das richtige Wort) auf Ol'chon den Eindruck eines geraden Verlaufes machen, tun sich aller paar hundert Meter immer wieder tiefe Löcher auf, die von dem UAS aber ohne Probleme gemeistert werden. Wieder eine Fitness-Übung absolviert!

Gebetsfahnen an Bäumen

An markanten Punkten der Insel wehen bunte Gebetsfahnen an Bäumen, Sträuchern oder eigens dafür aufgestellen Holzstämmen im Wind. Sie werden hauptsächlich von Schamanen, mittlerweile aber auch von Touristen angebunden und sind Zeichen des Dankes an die Götter für die innere Reinigung des Menschen. Es ist ein erhabener Moment, wenn man vor so einem mit bunten Tüchern verzierten Pfahl steht und vor einem erstrahlt der unendlich weit erscheinende Baikal. Man hält inne, fühlt ganz tief in sich hinein. Bin ich glücklich und zufrieden mit dem, was ich habe? Stille. Nur das Rauschen des Windes und des Baikals.

Wir müssen weiter. Natascha drängt, Alexander hat das Mittagessen zubereitet. Inmitten von Pinienwäldern auf einer kleinen Lichtung hat er über offenem Feuer Omul-Fischsuppe zubereitet. Aus dem großen verrusten Kessel teilt er mit einer wuchtigen Kelle das Essen aus. Es schmeckt fantastisch, das ich hätte ich nicht gedacht. Dazu gibt es einen Becher Wodka - ohne den am Baikal nichts geht. Nach dem Essen schenkt Alexander noch frisch gebrühten Thymian-Tee ein. Ich habe noch nie solch einen Tee getrunken!!! Als wir fertig mit unserer Rast und alle Münder gestopft waren, schüttete Alexander den Rest auf die Wiese - und sofort stürzten sich die Möwen auf die Leckerei.

Auf unserer Rückfahrt fasse ich mir ein Herz und frage Alexander, ob ich nicht einmal ein kurzes Stück mit dem UAS fahren dürfe. Erschrocken schaut er mich und sagt "zu gefährlich". Ich erneuere meine Bitte nicht, denn Alexander hat bestimmt mehr Angst um sein UAS gehabt als um mich.

Spätabends wurden wir dann noch Zeuge eines besonderen schamanischen Rituals. Zwei Schamanen verabschiedeten mit Blick in den Westen die untergehende Sonne mit lauten Trommeln, um sich Minuten später gen Osten zu wenden und den aufgehenden Mond ebenso zu begrüßen. Ergreifend.

Heute nachmittag ziehen wir weiter. Dann geht es mit einem Tragflächenboot quer über den Baikal zu unserer nächsten Unterkunft. Dann erwartet uns ein weiteres Highlight - eine sibirische Banja. Na da ziehen wir uns mal warm an...


Lesen Sie mit:

Russlands letzter Zar Nikolaus II. setzte 1891 den ersten Spatenstich für den Bau der Trasse der Transsibirischen Eisenbahn. 16 große Flüsse überquert die Transsib heute. MZ-Redakteur Bernd Martin wird nach Moskau fliegen und von dort mit der Bahn zum Baikalsee fahren. Hier schreibt er von unterwegs über seine Erlebnisse.

Teil 1: Wodka trinkende Russen und Miss Marple - Der Baikal ruft

Teil 2: Koffer packen

Teil 3: Ankunft in Moskau

Teil 4: Die Transsib rollt los

Teil 5: Unterwegs - mehr als Zähneputzen war nicht drin

Teil 6: Igor erzählt, welche Pilze man sammeln soll, um viel Geld zu verdienen

Teil 7: Sibirien - Essen auf den Bahnsteigen

Teil 8: Der ganze Zug riecht nach Fisch

Teil 9: Verlorenes Zeitgefühl

Teil 10: Junges Glück in Irkutsk - jetzt wird geheiratet

Teil 11: Zehn Rubel voller Dankbarkeit

Teil 12: "Putin verzuckert uns"

Teil 13: Joggen am Baikal

Teil 14: Fahrer fällt betrunken aus dem Auto

Teil 15: Michael möchte Superstar werden

Teil 16: Quer über die Insel Olchon

Teil 17: Der Baikal hat uns voll im Griff

Teil 18: Vier Schweine, elf Kühe, zehn Schafe und dreißig Hühner

Teil 19: Sibirischer Stolz

Teil 20: Leben ohne Strom

Teil 21: Auf nach Ulan Ude

Teil 22: Teddybären auf Autodächern

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Manfred W. aus Nebra (Unstrut) | 13.08.2014 | 08:33   Melden
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