Ninas leckere Pfannkuchen

Das ist Nina. Sie ist eine fantastische Köchin.
Nina kann fantastisch kochen! Ich habe mir alle zehn Finger abgeleckt. Unser Tisch in ihrer kleinen Sommerküche war brechend voll mit Leckereien: Dillkartoffeln, Karotten mit Knoblauch, Buchweizenbrei mit Frikadellen, Gurken, Tomatenchutney, warmes Brot, Speck, saurer Schmand, Himbeeren, gefüllte Pfannkuchen - Ninas Essen war der kulinarische Höhepunkt meiner Baikalreise. Und alles selber zubereitet mit Produkten aus dem hofeigenen Anbau. "Guten Appetit!" Ninas gebrochenes Deutsch klingt so wundervoll, wie ihrer Pfannkuchen schmecken. Sie tafelt auf und wir essen wie Gott in Frankreich. Der ganze Tisch ist voll und droht fast zu bersten - soviel Leckereien stehen auf ihm. Zufrieden schaut sie uns zu, wie wir alles verzehren, versorgt noch schnell die Katze und setzt sich zu uns an den Tisch.

Hände in den Taschen der Kittelschürze

Nina erzählt. Ihre beiden Kinder sind längst aus dem Haus, die Enkel - vier Stück - kommen ab und zu zu Besuch. Jetzt bewirtschaftet sie allein mit ihrem Mann Innokentij den großen Garten hinter ihrem Haus, der aussieht, wie ein riesiger Gemüsemarkt: Kartoffeln, Kohl, Rüben, Zwiebeln, Möhren, Paprika und dazwischen immer wieder ein buntes Blumenmeer.
Ist Nina glücklich. Ja, sagt sie mit stolzem Blick und steckt ihre beiden Hände verlegen in die Taschen ihrer blauen Kittelschürze. Das Thermometer zeigt 32 Grad, in den drei Sommermonaten leben Nina und Innokentij in ihrer Sommerresidenz: Zwei Räume, einer davon die Küche, der andere der Wohn- und Schlafbereich. "Smatrie", lädt sie mich ein, alles zu besichtigen. Ninas große Schwäche ist gezuckerte Kondensmilch, die sie in ihren Tee gießt. Dazu ein paar russische Pralinen-Bonbons und die Welt ist in Ordnung.

Vier Schweine, elf Kühe, zehn Schafe und dreißig Hühner

Während Innokentij auf dem Hof am großen Traktor herumschraubt, erzählt Nina weiter. Sie haben vier Schweine, elf Kühe (davon drei Milchkühe), zehn Schafe und dreißig Hühner. "Wir ernähren uns komplett aus eigenen Mitteln." Ihr Verdienst: Der Verkauf der eigenen Produkte oder die Bewirtschaftung von Gästen - so wie mich. Nina möchte nicht weg aus ihren Ort, der Suwo heißt und im Tal von Barkusin liegt. 500 Menschen leben hier, es gibt eine dorfeigene Schule, in der dieses Jahr siebzig Kinder lernen. Die erste bis dritte Klasse wird zusammen unterrichtet. Es gibt einen Kindergarten, ein Kulturhaus und zwei Magazin (Konsum). Unter der alten, klapprig anmutenden Brücke über den kleinen Fluß stehen Pferde und laben sich am Wasser. Kühe laufen die staubigen Straßen entlang und halten den Verkehr auf. Die Felder rings um das Dorf gehören den Staat. Bewirtschaften kann sie aber jeder im Ort kostenlos. Sie ist die Versorgung gesichert.
Im Winter wird es sehr kalt. Minus 45 Grad war bislang die kälteste Temperatur, die Nina erlebt hat. Dann ziehen sie sich in ihr Winterhaus zurück, wo ein großer Ofen rund um die Uhr befeuert wird und das gesamte Anwesen beheizt.

Menija sowud sina

Wir laufen durch die Dorfstraßen. Neugierige Blicke streifen uns und plötzlich öffnet uns ein altes Mütterchen die Tür zu ihrem Grundstück. Sie kann kaum gehen, die Beine wollen nicht mehr so wie früher. Schuhe kann sie keine tragen, die dicken Socken an den Füßen müssen reichen. "Menija sowud Sina", sagt das Mütterchen mit gebrochener Stimme und zeigt uns ihre Blumen. Die sind ihr ganzer Stolz. "Ja lublju". Sie liebt ihr buntes Blumenmeer. Woher wir kommen, will sie wissen. Aus Deutschland. Ungläubig schaut sie uns an. Sie setzt sich auf die Treppe zu ihrem Haus und blickt auf ihre Blumen an. Sie flüstert ihren Namen - Sina - das Sprechen fällt ihr schwer. Das Leben hat sie gezeichnet, mit 87 Jahren hat sie viel erlebt. Sie weiß nicht, was ich für einen Apparat vor meine Augen halte. Dass ich ein Foto von ihr mache, kann sie nicht erfassen.

In Ninas Sommerküche gibt es jetzt noch Tee. Die Deutschen seien sehr freundliche und offene Menschen. Ihre Worte ehren uns. Helfen beim Abräumen des vollen Tisches mag sie nicht annehmen. Wir seien ihre Gäste. Russische Gastfreundlichkeit, mitten in Sibirien am Baikalsee. Sbasiba!


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Russlands letzter Zar Nikolaus II. setzte 1891 den ersten Spatenstich für den Bau der Trasse der Transsibirischen Eisenbahn. 16 große Flüsse überquert die Transsib heute. MZ-Redakteur Bernd Martin wird nach Moskau fliegen und von dort mit der Bahn zum Baikalsee fahren. Hier schreibt er von unterwegs über seine Erlebnisse.

Teil 1: Wodka trinkende Russen und Miss Marple - Der Baikal ruft

Teil 2: Koffer packen

Teil 3: Ankunft in Moskau

Teil 4: Die Transsib rollt los

Teil 5: Unterwegs - mehr als Zähneputzen war nicht drin

Teil 6: Igor erzählt, welche Pilze man sammeln soll, um viel Geld zu verdienen

Teil 7: Sibirien - Essen auf den Bahnsteigen

Teil 8: Der ganze Zug riecht nach Fisch

Teil 9: Verlorenes Zeitgefühl

Teil 10: Junges Glück in Irkutsk - jetzt wird geheiratet

Teil 11: Zehn Rubel voller Dankbarkeit

Teil 12: "Putin verzuckert uns"

Teil 13: Joggen am Baikal

Teil 14: Fahrer fällt betrunken aus dem Auto

Teil 15: Michael möchte Superstar werden

Teil 16: Quer über die Insel Olchon

Teil 17: Der Baikal hat uns voll im Griff

Teil 18: Vier Schweine, elf Kühe, zehn Schafe und dreißig Hühner

Teil 19: Sibirischer Stolz

Teil 20: Leben ohne Strom

Teil 21: Auf nach Ulan Ude

Teil 22: Teddybären auf Autodächern

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Manfred W. aus Nebra (Unstrut) | 17.08.2014 | 20:35   Melden
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