Räucherfisch und Top-Bahnhöfe

  Unser ganzer Waggon riecht nach Fisch. Wir haben vorhin in Barabinsk gehalten. Barabinsk ist bekannt für seinen geräucherten Fisch. Den verkaufen die Babuschkas in Massen am Bahnsteig. Ich traue dem Frieden nicht - im Gegensatz zu meinen Mitreisenden, die sich tonnenweise mit Fisch eingedeckt haben und jetzt mit fettverschmierten Mündern in ihren Abteilen schmatzen. Guten Appetit. Es wird gefachsimpelt, wie man einen Fisch filitriert und verspeist. Dazu gibt es warme Dillkartoffeln und Knoblauch-Salzgurken. Gabi und Wolfgang aus Schwerin tafeln fürstlich. Gabi hat - so scheint es - ihren gesamten Hausrat mit: Teller, Tassen, Besteck - sogar Fit zum Abwaschen ihrer Utensilien.
Wir müssen den Geruch jetzt alle tapfer noch eine Weile aushalten. Im Waggon kann man kein Fenster öffnen - und die Klimaanlage läuft nur stundenweise.

Nowosibirsk


Jetzt ist es 17 Uhr Moskauer Zeit, 20 Uhr Ortszeit (in Deutschland ist es jetzt 15 Uhr). Der Zug schaukelt weiter Richtung Osten. In knapp drei Stunden erreichen wir Nowosibirsk. Dort haben wir dann eine Stunde Aufenthalt.
Mittag hatten wir einen kurzen Stopp in Omsk. Gelegenheit für Daniel und mich, kurz den Zug zu verlassen und einen Blick auf den Bahnhofsvorplatz zu werfen. Also ihre Bahnhöfe halten die Russen in Schuß! Alles mondäne Gebäude, die farblich gut abgesetzt sind. Grün und Weiß sind offennbar die Lieblingsfarben des russischen Volkes, denn fast alle Bahnhofsgebäude erstrahlen in diesen Farben. Und überall imposante Kronleuchter. Wir sind etwas wagemutig und stromern ohne unsere Pässe durch die Bahnhofshallen - immer wieder müssen wir dabei durch Kontrollstellen hindurch, die denen auf Flughäfen ähneln. Sicherheitspersonal schaut uns streng an. Zeit für ein paar Fotos bleibt aber dennoch.

Wo kommen die Menschen her?

Unterdessen fragen wir uns, wie die Menschen, die vereinzelt entlang unserer Bahnstrecke immer wieder auftauchen, wohl hierher gekommen sind? Weit und breit kein Ort, keine Straße - nur endlose Wiesen und Birken. Und doch müssen diese Menschen irgendwie hierherkommen sein? Sind sie gelaufen? Wenn ja, wie lange werden sie unterwegs gewesen sein? Und - was machen sie eigentlich hier? Einfach nur rumstehen und schauen? So scheint es uns jedenfalls.

Julia hat heute wieder den gesamten Waggon gereinigt: Staub gesaugt, den Gang gewischt, die Fenster geputzt, alle Sitzbänke gereinigt. Und alles mit ein und demselben Lappen. Eine ganze Stunde wieselte sie durch den Waggon, während ihre Kollegin Swetlana schlief. Arbeitsteilung: Swetlana hat Nachtdienst (wobei sie da auch die meiste Zeit schläft), Julia Tagschicht. Ich weiß nicht, welche der beiden glücklicher mit ihrem Dienst ist. Swetlana offenbar nicht, denn sie schaut schon wieder so mürrisch in die Runde. Auch unser freundliches "Sdrasdwujdie" wollte sie nicht freundlicher stimmen. Nun ja, nehmen wir es einfach so hin.


Lesen Sie mit:

Russlands letzter Zar Nikolaus II. setzte 1891 den ersten Spatenstich für den Bau der Trasse der Transsibirischen Eisenbahn. 16 große Flüsse überquert die Transsib heute. MZ-Redakteur Bernd Martin wird nach Moskau fliegen und von dort mit der Bahn zum Baikalsee fahren. Hier schreibt er von unterwegs über seine Erlebnisse.

Teil 1: Wodka trinkende Russen und Miss Marple - Der Baikal ruft

Teil 2: Koffer packen

Teil 3: Ankunft in Moskau

Teil 4: Die Transsib rollt los

Teil 5: Unterwegs - mehr als Zähneputzen war nicht drin

Teil 6: Igor erzählt, welche Pilze man sammeln soll, um viel Geld zu verdienen

Teil 7: Sibirien - Essen auf den Bahnsteigen

Teil 9: Verlorenes Zeitgefühl

Teil 10: Junges Glück in Irkutsk - jetzt wird geheiratet

Teil 11: Zehn Rubel voller Dankbarkeit

Teil 12: "Putin verzuckert uns"

Teil 13: Joggen am Baikal

Teil 14: Fahrer fällt betrunken aus dem Auto

Teil 15: Michael möchte Superstar werden

Teil 16: Quer über die Insel Olchon

Teil 17: Der Baikal hat uns voll im Griff

Teil 18: Vier Schweine, elf Kühe, zehn Schafe und dreißig Hühner

Teil 19: Sibirischer Stolz

Teil 20: Leben ohne Strom

Teil 21: Auf nach Ulan Ude

Teil 22: Teddybären auf Autodächern


Haben auch Sie Lust über Ihre Reisen zu berichten? Machen Sie mit und werden Leserreporter. Für Fragen stehe ich gern zur Verfügung: Kathleen Bendick mz-buergerreporter@mz-web.de


Zurück zur Hauptseite
2
Diesen Mitgliedern gefällt das:
 auf anderen WebseitenSendenMelden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.