Samstag wird geheiratet in Ulan-Ude

  Samstag wird geheiratet in Ulan-Ude. Da fahren Braut und Bräutigam im dicken Benz vor und lassen es ordentlich krachen. Hochzeit in Sibirien bedeutet Glanz und Gloria, voll Pomp und Glamour. Harald Glööckler hätte seine wahre Freude daran.

Es hupt und es scheppert auf dem Platz vor dem riesengroßen Leninschädel. Hier müssen alle Hochzeitspaare hin, ein Foto vor Wladimir Iljitsch Uljanow ist Pflicht. So etwas würde mir im Traum nicht einfallen, meine Frau vor so einen Schädel zu zerren, um dann ein Hochzeitsbild zu machen. Aber in Russland ist eben alles anders und der Wladimir gehört eben zu jeder Familie quasi dazu. Erst das Brautpaar, dann die Brautjungfern und dann die männliche Schar, die den Bräutigam begleiten. Letztere wanken schon ein wenig, aber das gehört zu einer russischen Hochzeit auch dazu. Da fließt der Schampus in Strömen und auch die eine oder andere Flasche Wodka macht die Runde. Und das alles unter dem strengen Blick von Lenin.

Offenbar gilt in Russland die Maxime, hochzeitstechnisch die anderen übertreffen zu müssen. Das fängt bei den Fahrzeugen an. Eine Stretchlimousine nach der anderen, ein Blumenschmuck pompöser als der andere. Da ragen Teddybären auf den Autodächern in den russischen Himmel oder verrenkten sich verliebt anblickende Schwäne in die Höhe. Beliebt als Auto-Hochzeits-Deko sind auch zwei überdimensionale Ringe, die auf den Dächern thronen. Und alles Ton-in-Ton farblich aufeinandergestimmt.

Geheiratet haben auch Jelena und Madwej - beide im zarten Alter von 20 Jahren und etwas unsicher in die vor ihnen liegende Zukunft blickend. Ihre gesamte Hochzeitsgesellschaft bevölkert den Platz vor dem großen Theater in Ulan-Ude. Ob ich ein Foto von dem jungen Brautpaar machen dürfe. Aber selbstverständlich, dirigiert mich eine mächtige Frau - offenbar die Schwiegermutter des schüchtern wirkenden Jünglings. Aber nur, wenn ich mit auf das Bild draufkomme. Schnell wird jemand gefunden, der an meiner statt auf den Auslöser drückt. Alle klatschen Beifall. Neugierige Fragen kommen, wo denn das Foto zu sehen sein wird. In einer deutschen Zeitung? Ungläubige Blicke. Im Internet auch? Noch mehr ungläubige Blicke - aber sofort wird mir von Schwiegermama ein Zettel gereicht, auf dem ich meine Blog-Adresse draufkritzeln soll. Die gute Mama krallt sich den Zettel sofort wieder. "Sbasiba", haucht sie mich an. Wahrscheinlich muss mein Foto vorher durch die Kontrolle, bevor es zur allgemeinen Besichtigung freigegeben wird. Da hat Big-Mama aber offenbar noch nicht verstanden, wie das Internet funktioniert... Man kann doch immer wieder mit kleinen Gesten anderen Menschen eine große Freude machen.


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Russlands letzter Zar Nikolaus II. setzte 1891 den ersten Spatenstich für den Bau der Trasse der Transsibirischen Eisenbahn. 16 große Flüsse überquert die Transsib heute. MZ-Redakteur Bernd Martin wird nach Moskau fliegen und von dort mit der Bahn zum Baikalsee fahren. Hier schreibt er von unterwegs über seine Erlebnisse.

Teil 1: Wodka trinkende Russen und Miss Marple - Der Baikal ruft

Teil 2: Koffer packen

Teil 3: Ankunft in Moskau

Teil 4: Die Transsib rollt los

Teil 5: Unterwegs - mehr als Zähneputzen war nicht drin

Teil 6: Igor erzählt, welche Pilze man sammeln soll, um viel Geld zu verdienen

Teil 7: Sibirien - Essen auf den Bahnsteigen

Teil 8: Der ganze Zug riecht nach Fisch

Teil 9: Verlorenes Zeitgefühl

Teil 10: Junges Glück in Irkutsk - jetzt wird geheiratet

Teil 11: Zehn Rubel voller Dankbarkeit

Teil 12: "Putin verzuckert uns"

Teil 13: Joggen am Baikal

Teil 14: Fahrer fällt betrunken aus dem Auto

Teil 15: Michael möchte Superstar werden

Teil 16: Quer über die Insel Olchon

Teil 17: Der Baikal hat uns voll im Griff

Teil 18: Vier Schweine, elf Kühe, zehn Schafe und dreißig Hühner

Teil 19: Sibirischer Stolz

Teil 20: Leben ohne Strom

Teil 21: Auf nach Ulan Ude

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