So schnell bringt den Russen nichts aus der Ruhe

  In Ust-Barkusin werden die Strommasten erneuert. Das hat zur Folge, dass es nur für ganz wenige Stunden am Tag Strom gibt. Das wiederum hat zur Folge, dass die Arbeit am Hafen und in den kleinen Wirtschaften in den Gehöften vollständig ruht. Die Menschen gehen aber dennoch brav an ihre Arbeitsplätze und passen auf, dass nichts passiert. Was soll auch passieren, ohne Strom? So sitzt denn die werktätige Bevölkerung ihre die Zeit in der Sonne ab. Das kommt uns bekannt vor...

Es gibt nichts zu tun ohne Strom. Lediglich die kleinen Läden entlang der Ulica Lenin haben ein Notstromaggregat und halten ihre Waren frisch. Die Sonne erdrückt den Ort und wir laufen zum Hafen. Aber so richtig scheinen die Arbeiten zur Erneuerung der Strommasten nicht voranzuschreiten. Die dicken Balken liegen neben den alten Masten auf den Straßen und warten auf ihre Bestimmung.

Am Hafen kommt Sergej aus seiner Hütte geschlendert. Wahrscheinlich ist er erschrocken, dass sich plötzlich ein paar Menschen zu ihn verirrt haben. Das ist wahrscheinlich ein Novum, denn schnell zieht er seine Hose zurecht und nimmt einen aufrechten Gang ein. Was er hier mache, frage ich. Nichts. Es gibt ja keinen Strom. So bewacht Sergej denn die rostigen Kähne am Ufer und zeigt auf einen großen Schaufelradbagger, der die Flussmündung des Barkusin in den Baikal freihält von angeschwemmten Schlamm. Heute aber mache er nichts. Es gibt ja keinen Strom. Dieser Zustand muss nach meiner groben Einschätzung bestimmt noch einige Jahre anhalten, denn in Ust-Barkusin gibt es tausende Strommasten, die einer Erneuerung bedürfen. Sergej schlendert wieder in seine Hütte und legt sich auf seinen Stuhl, den Kopf an die Wand gelehnt. Den ganzen Tag aufpassen, dass nichts passiert, kann ganz schön anstrengend sein.

Von hinten nähern sich uns ein paar Kühe, denen es egal ist, ob es in Ust-Barkusin Strom gibt, oder nicht. Sie zwängen sich zwischen den alten Rostkähnen hindurch zum Wasser und schlürfen genüsslich das kühle Nass. Sergej ist das egal, ob die Kühe hier herumrennen, das gehört offenbar nicht zu seinem Aufgabenbereich. Er schläft mittlerweile den Schlaf des Gerechten. Es ist 12 Uhr Mittags.

Überhaupt das Holz. Es gibt in Sibirien mehr Holz aus Staub auf den Straßen. Das Holz liegt meterhoch vor den alten Hütten. Ab und zu treffen wir eine Familie, die das Holz in ihren Innenhof karrt. Eine Arbeit, die ich nicht machen mag, aber lebensnotwendig ist hier im Ort, wenn der Winter mit minus 40 Grad das Leben erstarren lässt.

Wir holen uns ein Moskauer Eis im Magazin. Für 32 Rubel (80 Cent) schmeckt es hervorragend. Langsam treten wir den Heimweg an. Kalina - unserer Wirtin - überrascht uns mit Piroggen. Sie hat die Teile im Ofen gebacken, denn der Strom ist noch immer fort.

Irgendwann meldet sich mein Ipad - für zwei Stunden gibt es wieder Saft aus den klapprigen Steckdosen. Schnell alle Akkus aufgeladen - denn so schnell der Strom gekommen ist, so schnell ist er wieder gegangen. Alltag in Ust-Barkusin.



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Russlands letzter Zar Nikolaus II. setzte 1891 den ersten Spatenstich für den Bau der Trasse der Transsibirischen Eisenbahn. 16 große Flüsse überquert die Transsib heute. MZ-Redakteur Bernd Martin wird nach Moskau fliegen und von dort mit der Bahn zum Baikalsee fahren. Hier schreibt er von unterwegs über seine Erlebnisse.

Teil 1: Wodka trinkende Russen und Miss Marple - Der Baikal ruft

Teil 2: Koffer packen

Teil 3: Ankunft in Moskau

Teil 4: Die Transsib rollt los

Teil 5: Unterwegs - mehr als Zähneputzen war nicht drin

Teil 6: Igor erzählt, welche Pilze man sammeln soll, um viel Geld zu verdienen

Teil 7: Sibirien - Essen auf den Bahnsteigen

Teil 8: Der ganze Zug riecht nach Fisch

Teil 9: Verlorenes Zeitgefühl

Teil 10: Junges Glück in Irkutsk - jetzt wird geheiratet

Teil 11: Zehn Rubel voller Dankbarkeit

Teil 12: "Putin verzuckert uns"

Teil 13: Joggen am Baikal

Teil 14: Fahrer fällt betrunken aus dem Auto

Teil 15: Michael möchte Superstar werden

Teil 16: Quer über die Insel Olchon

Teil 17: Der Baikal hat uns voll im Griff

Teil 18: Vier Schweine, elf Kühe, zehn Schafe und dreißig Hühner

Teil 19: Sibirischer Stolz

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