Sommer in der Residenz

    Halle (Saale): Neue Residenz |

Mit grosser Lust auf Garten in den Lustgarten 2014

Es war einmal ein Kardinal namens Albrecht, der baute sich an der Saale ein schönes grosses Haus. Im Lauf der Geschichte ereilte die Neue Residenz dann ein sehr wechselvolles Schicksal. Eines ist ihr jedoch geblieben: ein 1500qm grosser Innenhof, eingeschlossen von bröckelnden Mauern. So erinnert die Szenerie ein wenig an ein verwunschenes Dornröschenschloss. Aber kluge Hallenser hatten eine viel bessere Idee als ein Märchen. Wozu hat eine Stadt denn schliesslich berühmte Söhne? In unserem Fall wurde der allerorts bekannte Komponist Georg Friedrich Händel hier geboren und schon war ein Thema gefunden: Barock im weitesten Sinne.
Seit nunmehr sechs Jahren sammelt ein Bildungswerk in Zusammenarbeit mit dem Jobcenter Langzeitarbeitslose verschiedener Berufsgruppen und gestaltet in Vorbereitung der Händelfestspiele im Innenhof eine Gartenlandschaft zu diversen Themen. Der Garten ist dann jeweils zwei Sommermonate geöffnet und der Eintritt ist frei. Es gab bisher thematische Gestaltungen wie Italienischer Garten, Wasserspiele, Kunstgarten, Rosengarten...
In den vergangenen Jahren hatte ich aufgrund intensiver Arbeitstätigkeit keine Gelegenheit und manchmal auch echt keine Lust, extra in die Stadt hinein zu fahren, um mir das gepriesene Gartenidyll anzuschauen.
Aber in diesem Jahr liess ich mir die Chance nicht entgehen und um auch einen kulturellen Beitrag zur Erziehung meiner Enkeltochter Karina leisten zu können, legte ich die Besichtigung in ihre Ferienbesuchswoche.

An einem herrlichen Sommertag machten wir uns auf den Weg. Durch ein kleines Gittertor betraten wir den Garten der Lüste, denn das war das angesagte Thema in diesem Jahr: Lustgarten – Gartenlust ...der höfische Lustgarten.

Voller Erwartung betraten wir das erhoffte Paradies. Es empfing uns mit einem Farbenspiel in royalblau, grau, beige und gold. Ergänzt wurde diese Farbpalette durch das kräftige Grün der Bäume und des mauerrankenden Efeus, sowie des Kunstrasens, mit welchem der komplette Innenhof ausgelegt worden war.
Die Neugier war auf unserer Seite und so erkundeten wir nach und nach jeden Teil des Gartens. Karina entdeckte im Fernglas ein Kaleidoskop und ich versuchte mit einem überdimensionalen Geduldspiel einem Schwan eine goldene Kugel hinzurollern.
Einige Installationen jedoch erschlossen sich einem Kunstbanausen wie mir nicht in ihrer tiefsinnigen Bedeutung, vielleicht hatten sie auch einfach keine. Auf jeden Fall waren sie hübsch farblich passend angepinselt.

Mittig war eine grössere Bühne für Konzerte aufgebaut. Während unseres Aufenthalts spielte allerdings nur ein unsichtbares Orchester, welches sich in einem grauen Kasten von Lautsprecherformat versteckt hatte. Selbstverständlich: Musik von Händel.
Der Garten war auch zur Mittagszeit gut besucht. Einige Kinder zerlegten gerade die goldfarbenen Reifen der Wurfspiele. Die anbei sitzenden Mütter schien das nichts anzugehen.
Wir schwangen auf filigranen Schaukeln und meine Befürchtung, ich würde mit meinem strammen Erscheinungsbild die Konstruktion überfordern, erwies sich als haltlos.

Beseelt von so vielen Eindrücken schritten wir durch das blau-gold-grüne Eden. In grossen Blumentöpfen blühten farblich passende Pflanzen um die Wette. Links und rechts des Weges lange, blumengefüllte Kunststoffkästen (oder sprich: Plastenäppe), denen eine barocke Ummantelung sicherlich auch gut getan hätte.
Als eine besondere Attraktion waren uns im Vorfeld Vogelkäfige angekündigt worden, in denen man Metallvögel mechanisch bewegen konnte. Leider drehte sich bei unseren Versuchen kein einziger Piepmatz. Wir erfuhren, das sich dieses Spiel schon in der Eröffnungswoche erledigt hatte, einige Besucher hätten zu arg gedreht. Da sollte man künftige Konstruktionen hinsichtlich ihrer Belastbarkeit überdenken...

Der Residenzhof bietet dank Bäumen und Mauern auch einige schattige Plätzchen und so beschlossen wir, etwas zu verweilen. Eine grosse lange Bank, die man mit einigen Farbkringeln barockmässig aufgemotzt hatte, erschien uns zu ungemütlich und so wählten wir eine kissenbestückte Sitzbank nahe der Gästeversorgung.
In einer anderen Ecke des Gartens hatten wir zunächst angenommen, dass gegrillt würde. Es stellte sich dann aber heraus, dass der Pulk Menschen keine Warteschlange am Würstchenstand war, sondern die Raucherecke der gestaltenden Bildungswerker.

Wir erwarben an einem geöffneten Fenster ein Eis für Karina. Zwecks Kaffee musste ich mich in die Innenräume begeben. Dort erwarte mich ein Trio emsiger Frauen. Ich bestellte eine Tasse des Türkentranks und gönnte mir ein Stück unserer berühmten Händeltorte (Sahnetorte mit Mohn und Marzipan).
Die Damen vom Café hatten dann folgende Arbeitsteilung. Eine befüllte eine Tasse und wies auf Sahne und Zucker zur Selbstbedienung. Eine balancierte ein Stück vom Händel auf einen Teller und die Dritte rechnete mittels Zettel und Stift meinen Einkauf zusammen. Wir kamen beide auf den Betrag von 3,80€.
Dann zog ich mich mit meiner Enkelin in unser reserviertes Eckchen zurück und genoss leckere 326 geballte Kilokalorien auf einem kleinen Teller.
Zuvor hatte ich den überfüllten, höchst barocken Aschenbecher vom Tisch geräumt.

Den grössten Spass an diesem Tag bereitete uns jedoch das Spiegelkabinett. Wir waren mal dünn und mal ganz dick, klein und gross.
Insgesamt hat es uns gefallen und ich würde dem Garten im nächsten Jahr wieder einen Besuch abstatten. Ich würde ihn auch weiterempfehlen oder Gäste mitnehmen.
Es war viel Ideenreichtum und Spass an der Gestaltung zu spüren, aber manchmal erinnerte es mich auch nur an eine Bastelanleitung aus einer mittelmässigen Do-it-yourself-Zeitschrift. Geld ist überall knapp, aber einiges hätte ich dann lieber weggelassen.

Abschliessend gibt es noch ein Lob für die tolle Idee, Ansichtskarten dieser zeitlich begrenzten Sehenswürdigkeit anzufertigen und für kleines Geld anzubieten. Ich konnte natürlich nicht widerstehen. Wer in diesem Jahr keine bekommen hat (weil ich diesmal vorrangig Blutsverwandte bedacht habe), hat die Hoffnung für`s nächste Mal - wenn es wieder heisst: Sommer in der Residenz.
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