Von Busen, Kwas und Burjaten

Auf der Fahrt zur Insel Ol'chon. Der Russe nimmt es mit den Dingen dieser Welt nicht ganz so genau.
 
Morgens, halb zehn in Irkutsk.
Heute morgen war ich laufen. Acht Kilomter am Baikal entlang (meine Frau Mandy und mein Fitness-Trainer Tobias können stolz auf mich sein). Allerdings zog ich eine Horde Hunde hinter mir her, die sichtlich irritiert über den jungen Mann waren, der in aller Herrgottsfrühe durch ihre Gegend rennt. Solche Zeit - es war 7 Uhr - ist offenbar für den Russen noch keine Zeit. Den der Weg vom Dorf hinunter zum Baikal war menschenleer. Ich war der einzige, außer den vielen Hunden. Selbst Nicolai - unser Gastgeber - war etwas erschrocken, als ich mich in Laufschuhen und kurzer Hose und Shirt verabschiedete. "Sportsmen." Er zollte mir großen Respekt - schüttelte aber verwundert seinen Kopf. Diese Deutschen, wird er sicherlich gedacht haben.
Der Baikal rauschte, die Wellen klatschten an das Ufer. Ich tauchte meine Hände in das Wasser. Ganz schön kalt. Hier wollen wir noch baden. Ich bin gespannt, wer von unserer Gruppe diese vollmundige Ankündigung alles noch wahrmachen wird.

Gegen 9:30 Uhr verabschiedeten wir uns von Nicolai und brachen auf zur Insel Ol'chon, dem nächsten Ziel unserer Baikalreise. Tamara wurde von Natascha abgelöst und mit ihr zog ein kleiner Wirbelwind in unsere Truppe ein. Tamara hat uns schon viel erzählt, aber Natascha toppt dies noch. Auf unserer Fahrt zur Fähre auf die Insel Ol'chon erfuhren wir, dass rings um den Baikal hauptsächlich vier Völkerstämme leben: Burjaten, Russen, Ewenken und Dongussen. Letztere haben als einzige die staatliche Genehmigung, die berühmten Baikalrobben zu jagen. Allerdings nur 3000 Stück am Jahr.

Wir machen einen Zwischenstopp in einem Supermarkt. "SPAR" steht in großen, grünen Buchstaben über dem Eingang. Sieh an. Deutschland ist also auch im fernen Sibirien präsent. Wir decken uns auf Anraten von Natasche mit Vorräten für die nächsten Tage ein. Ich gehe hier nicht näher auf Details ein. Nur eine Sache. Ich wollte wieder einmal - wie von zu Hause gewohnt - bei den Angeboten der Woche zugreifen - und vergriff mich dabei total. Denn ich packte in meinen Korb mehrere Büchsen Bier zu je 35 Rubel ein (75 Cent). Als ich mein Einkaufserlebnis Natascha zeigte, lachte diese laut los. "Das willst Du trinken? Das ist Kwas!" Ich schaute sie ratlos an. Kwas ist eine Art Brotbier - vergleichbar mit dem in Deutschlan erhältlichen Malzbier. Christian aus unserer Truppe, der sich meinem Einkauf angeschlossen hatte, was etwas saUer. Zum Glück konnten wir das Kwas umtauschen - und der Betrag wurde meiner zuvor belasteten Kreditkarte wieder gutgeschrieben. Über soviel Flexibilität war ich dann doch erstaunt.

Auf unserer Weiterfahrt plapperte Natascha munter drauf los und bestätigte vieles, was wir die Tage zuvor schon alles erlebt haben.
1. Der Russe nimmt es mit den Dingen dieser Welt nicht so genau. Stimmt! In Irkutsk beispielweise habe ich eine Busfahrerin einer Stadtlinie erlebt, die in ihrem rostigen, an vielen Stellen geflickten Gefährt hinter dem für meine Begriffe viel zu großen Steuer saß und ihren O-Bus mit nur einer Hand am Lenker durch den ohnehin schon dichten Verkehr bugsierte. Mit der anderen Hand qualmte sie genüßlich eine Zigarette (Rauchen wäre hier der falsche Begriff, den der ganze Bus war blau!).
2. Der Russe hat eine unschlagbare Fähigkeit zum Improvisieren. Stimmt! Als gestern abend im Gästehaus das Bier plötzlich alle war, hat uns Nicolai mit seinen Entertainer-Qualitäten unterhalten und so unsere Aufmerksamkeit auf sich gezogen, so dass seine Frau Irina unterdessen im Dorf unbemerkt Nachschub holen konnte.
3. Der Russe hat einen unschlagbaren schwarzen Humor. Stimmt! Als ich in der Transsib meine Brille verloren habe, lachte mein russischer Gangsterfreund Igor sich halb tot, klopfte mir dauernd anerkennend auf die Schulter und gab mir mit Händen und Füßen zu verstehen, dass dieser Umstand doch jetzt gut für mich sei. Denn nun würde ich nicht mehr sehen, wieviel Wodka ich trinke und auch nicht sehen, wenn ich am nächsten Morgen Scheisse aussehe. Hahaha...

Wir haben Mittagsrast gemacht in einem kleinen Straßenrestaurant entlang der Strecke zur Fähre. Es gab Salat, Soljanka und Busen. So nennt sich die bujatische Nationalspeise, die herzhaftes Hackfleisch in einer Teigtasche bereithält. Die Speise sieht auch so aus, wie sie heißt. Die Männer in unserer Truppe lachten sich halb tot, als sie das Teil in ihren Mund schoben....:-)))

Mittlerweile hat sich die bis dato halbwegs gut ausgebaute Straße in eine derart grobe Holperpiste verwandelt, dass es ein echtes Kunstwerk für mich ist, hier die richtigen Buchstaben auf meiner Tastatur zu treffen. Das aber, so Natascha laut lachend, werde nachher auf der Insel Ol'chon noch getoppt.
Na da Gute Nacht Marie...


Lesen Sie mit:

Russlands letzter Zar Nikolaus II. setzte 1891 den ersten Spatenstich für den Bau der Trasse der Transsibirischen Eisenbahn. 16 große Flüsse überquert die Transsib heute. MZ-Redakteur Bernd Martin wird nach Moskau fliegen und von dort mit der Bahn zum Baikalsee fahren. Hier schreibt er von unterwegs über seine Erlebnisse.

Teil 1: Wodka trinkende Russen und Miss Marple - Der Baikal ruft

Teil 2: Koffer packen

Teil 3: Ankunft in Moskau

Teil 4: Die Transsib rollt los

Teil 5: Unterwegs - mehr als Zähneputzen war nicht drin

Teil 6: Igor erzählt, welche Pilze man sammeln soll, um viel Geld zu verdienen

Teil 7: Sibirien - Essen auf den Bahnsteigen

Teil 8: Der ganze Zug riecht nach Fisch

Teil 9: Verlorenes Zeitgefühl

Teil 10: Junges Glück in Irkutsk - jetzt wird geheiratet

Teil 11: Zehn Rubel voller Dankbarkeit

Teil 12: "Putin verzuckert uns"

Teil 13: Joggen am Baikal

Teil 14: Fahrer fällt betrunken aus dem Auto

Teil 15: Michael möchte Superstar werden

Teil 16: Quer über die Insel Olchon

Teil 17: Der Baikal hat uns voll im Griff

Teil 18: Vier Schweine, elf Kühe, zehn Schafe und dreißig Hühner

Teil 19: Sibirischer Stolz

Teil 20: Leben ohne Strom

Teil 21: Auf nach Ulan Ude

Teil 22: Teddybären auf Autodächern

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