Zum 255.Geburtstag von Johann Christian Reil

Der Obelisk im Bergzoo Halle
 
Das Grabmal für Reil im Bergzoo Halle
 
Die Reil-Büste an der Ecke Mozartstraße/ Reilstraße in Halle
Halle (Saale): Bergzoo | Henrich Steffens und Johann Christian Reil

Zum 255.Geburtstag von Johann Christian Reil


Die Bürgerstiftung ergänzte im Januar 2014 in dem Projekt „Bildung im Vorübergehen“ das Straßenschild der Steffensstraße durch eine Zusatzinformation. Über den 1773 geborenen Wissenschaftler, der sieben Jahre in Halle tätig war, ist mehrfach berichtet worden. Dass Johann Christian Reil ihn im Jahre 1804 an die Universität Halle holte, ebenfalls.
Im Jahre 1815 erschien in der Curtschen Buchhandlung in Halle eine Denkschrift von Henrich Steffens über Johann Christian Reil. Die 66 Seiten umfassende Broschüre zeichnet den Lebensweg des Mediziners nach. Im Vorwort begründet er, warum er eine solche Schrift herausgegeben hat:

„Er war mein treusster Freund, der redlichste Theilnehmer aller meiner Leiden. In einer bedenklichen Zeit gehörte er, nicht ohne Gefahr, zu den treu Verbündeten…“ (Steffens; Seite V).

Johann Christian Reil wurde am 20.Februar 1759 (nicht am 28.2. wie manchmal behauptet wird) als Sohn eines Pfarrers in dem kleinen Dorf Rhaude in Ostfriesland geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Norden begann er ein Medizinstudium an der Universität Göttingen. Im Jahre 1780 kam er zum ersten Male nach Halle und führte an der hiesigen Universität sein Studium fort. Einen großen Einfluss übten die Professoren Meckel und Goldhagen auf ihn aus. Im Jahre 1782 erwarb er in Halle den Doktortitel. Anschließend war er verpflichtet, einen Lehrgang in Berlin zu besuchen, der für die Approbation als Arzt in Preußen notwendig war. Nach seiner Tätigkeit als praktischer Arzt in Ostfriesland kehrte er 1787 als Privatdozent nach Halle zurück und wurde 1789 als Ordinarius an die Medizinische Fakultät und zum Direktor des Klinischen Instituts berufen.

Es waren arbeitsame und glückliche Jahre. Er heiratete 1788 Wilhelmine Leveaux, wurde Amtsarzt von Halle (Stadtphysikus) und 1789 Professor für Therapie. Für seine Verdienste wurde er 1793 als Mitglied der Deutschen
Akademie der Naturforscher (Leopoldina) aufgenommen.1795 erwarb er das Haus in der Großen Ulrichstraße 36, in dem sich viele Kranken behandeln ließen- aber auch Könige und Generäle mit dem berühmten Mann zusammentrafen. Immerhin- bis zum Jahre 1810, also 23 Jahre lang,widmete Reil seine ganze Kraft der Wissenschaft- und der Stadt Halle.
Steffens schreibt über diese rastlosen, aber auch glücklichen Jahre in Halle:

„Hier war der Schauplatz seiner frühern Entwicklung, seiner spätern Arbeiten,
die ihm den grossen Ruhm, die allgemeine Bewunderung erwarben,
der Mittelpunct seiner unermüdeten, grossartigen Thätigkeit als Lehrer,
als Arzt, als Staatsbürger.“ (Steffens, Seite 7).

Ab 1802 kam es immer wieder zu Begegnungen mit Johann Wolfgang von Goethe, dessen Leibarzt er wurde und mit dem er sich über Kunst und Kultur austauschte. Offensichtlich gefiel es ihm in der Universitätsstadt an der Saale, denn Reil schlug mehrfach Angebote anderer Universitäten aus.

Johann Christian Reil begründete die Psychiatrie, schrieb zahlreiche medizinische Abhandlungen. Für seine Verdienste erhielt er vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. den spitzen Weinberg (Schafsberg) geschenkt und ließ ihn durch den Wörlitzer Gärtner Johann George Schoch gestalten und bepflanzen. Am Fuße des Berges entstand eine Villa, die 1806 bezogen werden konnte.

Die kriegerischen Auseinandersetzungen 1806, der Zusammenbruch Preußens und die Zugehörigkeit Halles zum Königreich Westphalen ab 1807, wirkten sich auch auf seine weitere Arbeit aus.
Dem Eintreten Reils auf einer Huldigungsveranstaltung für den neuen Landesvater König Jerome Napoleon in Kassel war es mit zu verdanken, dass die von Napoleon geschlossene Universität im Jahre 1808 den Lehrbetrieb wieder aufnehmen konnte.
Reil kämpfte auch um eine Verbesserung der Lage der Menschen in der Stadt. Die Finanzsituation der Stadt sollte verbessert werden, Handel und Gewerbe einen Aufschwung erfahren. Um die gesundheitlichen Bedingungen zu verbessern, plante er den Bau eines Solebades mit Salons, Trinkbrunnen und Parkanlagen.
Aus diesem Grund erwarb er 1807 auch den Gesundbrunnen. Seine Pläne für ein Solebad mit Kuranlagen verwirklichte er jedoch in dem Gelände zwischen
Domplatz und dem Fürstengarten. Hier entstand das Solebad, in dem sich Goethe und Wilhelm Grimm behandeln ließen- aber auch Bürger der Stadt.

Im Jahre 1810 übersiedelte Johann Christian Reil nach Berlin, dem Ruf des Gelehrten Wilhelm von Humboldt folgend, um am Aufbau der neuen Universität mitzuwirken. Trotz der umfangreichen Arbeit in Berlin, oftmals unter schlechteren Bedingungen als in Halle, blieb Reil eng mit Halle verbunden.
1811 begründete er auch dem Gelände seines Solebades ein Theater, das mit einem Gruß Goethes an die Stadt, dem „Prolog für Halle“ eröffnet wurde. Jetzt
konnten die Weimarer Schauspieler nicht nur in Lauchstädt, sondern auch in der Universitätsstadt Halle ihre Theaterstücke aufführen.
Im Jahre 1811 wurde Reil der erste gewählte Dekan der medizinischen Fakultät der Universität Berlin.
Wie auch in den Jahren vorher setzte er sich 1813 immer wieder für eine Verbesserung der medizinischen Versorgung der Soldaten ein.
Als Verantwortlicher für die linkselbischen Lazarette der Verbündeten Armeen besuchte er im Oktober 1813 die Städte Halle und Leipzig sowie umliegende Ortschaften.
Die Folgen der Völkerschlacht bei Leipzig vom 16.-19.Oktober 1813 waren unübersehbar: Über 90 000 Tote und Verwundete hatten die Kämpfe gekostet. Etwa 9000 verwundete Kämpfer aus Preußen, Russland, Schweden, Sachsen, Frankreich waren ab dem 17.Oktober nach Halle gebracht worden und mussten hier in Lazaretten und bei Privatpersonen versorgt werden. Nach seinem Besuch in Halle am 25.Oktober 1813 schrieb Reil an den Freiherrn von Stein:

„…fand diesen von allen Seiten gepreßten Ort mit mehr als 7000 Kranken
überladen und noch strömten immer neue vom Schlachtfelde bei Leipzig zu….
Ich ordnete dieserwegen für die Verwundeten an, was in diesem Augenblick das Dringendste war, fand jeden Einwohner bereit, meine Vorschläge zur Hülfe der Unglücklichen ins Werk zu richten, und eilte dann nach Leipzig zu…“

Seine Schilderung von den Zuständen in Leipzig ist von Entsetzen über die vorherrschenden Zustände in den Lazaretten geprägt, hatte sich doch Reil schon seit Jahren für eine bessere Ausbildung der Militärärzte in der preußischen Armee eingesetzt.

Steffen schrieb dazu über die Lebenssituation Reils:

„So kam er nach Halle. Er lebte in der höchsten Spannung, in
ungeheurer Thätigkeit. Fast jeden Tag traf man ihn in beiden
Lazarethen in Leipzig und Halle, Er fühlte sich unwohl,
aber er ergab sich nicht; Er gönnte sich keinen
Augenblick Ruhe, erschöpft trat er in die gefährliche Luft der
Krankenstuben hinein, mit grosser Anstrengung untersuchte
er alles, suchte -Einrichtungen zu treffen, Mängel zu heben;
Freunde warnten ihn vergebens, bis er erschöpft erlag,
und das Vorgefühl des nahen Todes ihn überwältigte.“ (Steffens; S.63)


Am 22.November 1813 verstarb Johann Christian Reil im Haus seiner Schwester in Halle. Er hatte sich, wie so viele seiner Berufskollegen und Mitbürger, an Flecktyphus angesteckt und war der Seuche erlegen.
Am 24.11.1813 wurde er unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf seinem Berg, dem heutigen Reilsberg, beigesetzt.
Reils Schwiegersohn Peter David Krukenberg errichtete 1830 ein imposantes Grabdenkmal, das sich unweit des Aussichtsturmes im Bergzoo Halle befindet.

Mit seinem Tod verlor Halle einen großen Sohn. In der Saalestadt hatte er immerhin zwischen 1787 und 1810 – also 23 Jahre lang - gewirkt.

Sein Freund Henrich Steffens widmete ihm 1815 die unscheinbare Broschüre, in der aber sehr zutreffend Lebensweg und Lebenswerk des Mediziners gewürdigt werden.

Heute erinnern nicht nur Straßennamen und mehrere Denkmale an den großen Bürger der Stadt Halle. Ob Martin-Luther-Universität, Leopoldina oder die Sekundarschule „Johann Christian Reil“ in Halle - alle leisten auf ihre Weise einen wichtigen Beitrag dazu, das Andenken Johann Christian Reils zu bewahren.


Manfred Drobny
Februar 2014
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1 Kommentar
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Gisela Ewe aus Aschersleben | 17.02.2014 | 10:31   Melden
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