Auf der Suche nach Heimat

Walter legt die Tageszeitung beiseite. Das eben Gelesene ruft Bruchstücke von Erinnerungen in ihm wach und er lässt ihnen freien Lauf: Er sieht sich als Fünfjährigen an der Hand der Mutter auf einer der schier endlosen Alleen, die einzelne Dörfer und Gehöfte miteinander verbinden. Die Mutter öffnet ein hölzernes Tor. Eine ältere Frau kommt eilig auf sie zu, drückt der Mutter ein Päckchen in die Hand und flüstert: „Schnell fort ehe der Bauer kommt!“ Wenig später essen sie am Straßenrand Brot und ein Stückchen Wurst.
Von den meisten Höfen werden sie mit wortreichem Bedauern weitergeschickt: Zu viele Flüchtlinge wären schon vorbeigekommen, wolle man allen helfen, habe man selbst nichts mehr. Nein, Arbeit gibt es keine und bleiben können sie auch nicht. Nicht einmal, um sich etwas von der nun schon Monate dauernden Wanderung auszuruhen.

Dann gehen Walter und seine Mutter durch eine Stadt, in der er mehr Ruinen als bewohnbare Häuser sieht. Mutter befragt Leute, die fast alle ebenso umherirren wie sie selbst. Endlich stehen sie in einem Raum mit einem großen Tisch. Ein Mann, der nur einen Arm hat, gibt der Mutter einen Zettel und zeigt ihr auf einer Landkarte an der Wand den Weg. Nein, eine Bahn fahre noch nicht wieder, sie müssen laufen.
Die Spätsommersonne brennt und Walter wird es heiß. Er möchte den dicken Mantel ausziehen, aber die Mutter erlaubt es nicht: „Den kann ich nicht auch noch schleppen und im Winter wirst du ihn brauchen!“ Das sieht er sogar als Kind ein: Mutter plagt sich schon mit dem Rucksack und einem Koffer ab, in denen ihre ganzen Habseligkeiten stecken.

Sie erreichen den Stadtrand, der weniger zerstört zu sein scheint. Sie finden das zweistöckige Haus mit der Adresse, die auf dem Zettel steht. In einer der sechs Wohnungen zeigt ihnen eine junge Frau das Zimmer, in dem sie nun wohnen werden. Es ist groß und hell, sogar mit Gardinen an den beiden Fenstern. Das Mobiliar besteht aus einem Bett mit Matratze und einem Kleiderschrank. Sonst nichts. Waschen können sie sich in einer Wasserschüssel in der Küche. Letztere müssen sie sich mit der Familie teilen, wird ihnen gesagt. Ein Bad gibt es nicht, das Plumpsklo erreicht man über den Hof.
Walter und seine Mutter haben das dringende Bedürfnis zu schlafen. Doch erst bekommen sie jeder noch einen Teller Suppe und ein Stück Brot von der freundlichen Frau.

In den nächsten Tagen lernt Walter die übrigen Bewohner des Hauses kennen. In der gemeinsamen Wohnung leben die junge Frau und ihr Mann mit drei Kindern. Die alle müssen nun mit den beiden anderen Zimmer auskommen, in denen es verdammt eng wird. Eines der Mädchen ist etwa so alt wie Walter und die beiden freunden sich schnell an. Überhaupt gibt es in jeder Familie zwei oder mehr Kinder und hätte nicht überall die Not hervorgeschaut, hätte es eine glückliche Zeit werden können!

In den nächsten Tagen bringen Nachbarn etwas Geschirr und anderes Notwendige vorbei, auf dem Dachboden werden ein etwas wackliges Tischchen und zwei Stühle gefunden und endlich bringt jemand sogar ein zweites Bett! Das Gestell ist aus Metall und quietscht ganz fürchterlich, aber die Mutter weiß bald damit umzugehen.
Dann stellt Walter fest, dass sogar in einem der Keller eine Familie wohnt: Ein etwas älterer Junge mit seiner Mutter und der Großmutter. Und in einem der sechs gemauerten Kaninchenställe auf der anderen Seite des Hofes leben zwei ältere Männer. Sie sprechen nur wenig deutsch, gehen am Tage zu einem Bauern arbeiten und schlafen nachts auf Strohsäcken in dem kleinen Raum. Sie sind sehr freundlich, vor allem zu den Kindern, und werden von den übrigen Bewohnern ebenfalls mit dem Nötigsten versorgt.


Durch die Vermittlung dieser beiden Männer bekommt die Mutter Arbeit als Magd und erhält nun eine Lebensmittelkarte und etwas Geld. Walter ist trotz allem ein glückliches Kind. Er fühlt sich geborgen und die Sorgen der Erwachsenen kann er in seinem Alter noch nicht nachvollziehen. Er weiß es nicht anders und vermisst deshalb nichts. Seinen Vater kennt er nicht, der ist 'im Krieg geblieben', wie Mutter sich ausdrückt, und er kann sich darunter noch nichts vorstellen.

Und dann kommt dieses Weihnachtsfest, das er in seinem Leben nicht vergessen wird! Schon einige Zeit vorher tun die Erwachsenen sehr geheimnisvoll. Am Tag zuvor gehen zwei der Väter in der Dämmerung fort und kommen erst spät in der Nacht wieder. Die Kinder merken nichts davon, doch am nächsten Morgen steht mitten im Hof in einem eingegrabenen Eimer mit Erde eine große Fichte.
Und die dürfen die Kinder jetzt schmücken!
Die paar Christbaumkugeln aus der Schachtel vom Dachboden reichen längst nicht. Aus Papier werden Sterne und Herzen geschnitten und lange Ketten geklebt. Viele der Erwachsenen erinnern sich an Basteleien aus ihrer eigenen Kindheit und endlich steht ein fantasievoller, herrlich geschmückter Weihnachtsbaum da! Sogar ein paar Strohsterne fehlen nicht, die haben die beiden Männer gefertigt, die in dem Kaninchenstall leben.

Walter kann sich heute noch nicht erklären, wer die Kerzen gespendet hat. Jedenfalls stehen am Abend alle, Groß und Klein, rings um den hell leuchtenden Baum und singen Lieder. Und ohne Abrede fassen sich dabei alle bei den Händen: Die Geflüchteten und die Einheimischen, die aus dem Keller und die aus dem Stall.
Dann gibt es sogar noch Geschenke für die Kinder und Walter hat den braunen Schal, den seine Gastgeberin für ihn gestrickt hat, lange in Ehren gehalten, auch wenn der ein wenig am Hals kratzte und eigenartig roch. Es waren das Miteinander und Füreinander, es war die Herzlichkeit, die dieses Fest so unvergesslich werden ließ.

Heute ist Walter allein, doch er ist fest entschlossen, dass es dabei nicht bleiben soll. In der Tageszeitung steht ein Aufruf und nun weiß er, wie und wo man auch heute Hände reichen kann. Und er macht sich auf den Weg.
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3 Kommentare
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Wolfgang Erler aus Sandersdorf-Brehna | 14.12.2015 | 23:00   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 15.12.2015 | 05:25   Melden
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Ralf Springer aus Aschersleben | 21.12.2015 | 20:25   Melden
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