Pssst, folgt mir zum Beobachten!

Vom Schilfvorhang versteckt - das Nest der Ralle
 
Große Nähe nur aus der Entfernung - Ruhe erbeten
Bei den meisten Motiven reicht es für die Kamera völlig aus, die Szene etwas zu arrangieren und dann aus der Vielzahl der sich daraus ergebenden Situationen zu fotografieren.

Noch einfacher bieten sich Landschaften oder Motive ohne eigenen Bewegungsspielraum an.
Da genügt ein guter Blick aus dem Fotografenauge und die Verinnerlichung der Licht- und Schattenwirkung, das Gefühl für Bildaufbau, Blickwinkel und Bildachse und schon sind vorzeigbare Bilder entstanden.

Die Tierfotografie aber verlangt vom Fotografen in erster Linie ganz viel Geduld, eine leistungsfähige Kamera und dazu eine Gelegenheit, die das Potential trägt, sich entwickeln zu können. Oder auch nicht.
Dann muss man es schaffen, selbst ohne einen besonderen Schnappschuss nach Hause zu gehen, und nicht mal unzufrieden zu sein. Es braucht gerade dabei die zähe Ausdauer, immer wieder zu kommen für die nächsten Versuche.

Tiere sind nicht steuerbare Motive, die sich nicht darum kümmern, ob sie fotogen wirken. Sie lassen sich nichts diktieren - im Gegenteil, sie flüchten, wenn sie es bemerken, dass sie ein Beobachter belauert - und noch dazu einer mit einem unheimlichen, schwarzen Kasten.

Husch - weg ist die Gelegenheit.

Die Stille walte, am besten keine Bewegung, auch wenn die Mücken piesacken. Und bloß nicht im ungeeignetsten Moment niesen oder husten müssen.Die Ruhe der Hand wahren, trotz Zoom das Bild nicht zu verreißen, den Horizont nicht schräg zu legen... den Moment zu nutzen, wenn er sich denn endlich bietet.

Aber am meisten kommt es auf das tierische Model an, das muss unbedingt mitspielen. Es entstehen in der Folge hunderte Aufnahmen. Immer in der Annahme, sonst die wichtigste, die interessanteste und spektakulärste zu verpassen, krümmt sich der Finger über dem Auslöser wie ganz von allein, immer und immer wieder. Wie oft - das merkt man erst später zu Hause - meistens mit einem Seufzer.

Der kleine Display der Kamera verrät vor Ort nicht, ob die entscheidenden Bilder auch die nötige Schärfe besitzen und die richtige Ausleuchtung. Also lieber ein paar mehr davon schießen als zu wenige. Die großen Speicherkarten machen es möglich. Es muss ja nicht mehr, wie früher, nach 36 Aufnahmen ein neuer Film eingelegt werden. Kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie begrenzt damals die Möglichkeiten waren.

Daheim muss am Monitor des Computers die riesige Bilderflut gesichtet werden. Es muss die Entscheidung fallen, was von dieser Masse den Ansprüchen genügt, was Bestand hat, bleiben darf, um den Weg ins Bilderarchiv anzutreten. Die Masse der Fotos wird dabei natürlich wieder gelöscht.

Aber die Fotos, die davon übrig bleiben, rechtfertigen dieses Mühen, das Warten, das Hoffen, die Spannung, die Neugier.

Wenn ich fotografiere, vergesse ich Zeit und Raum. Nur der Augenblick zählt und er wird über diesen Moment hinaus bewahrt. Jedes Foto ist ja ein Blick in die Welt, ins Leben, in die Vielfalt, die uns umgibt.

Ich besuchte Familie Blässralle beim Brüten

Ihr Nest ist nur von der Wasserseite einsehbar und verlangt dabei von der Kamera einen kräftigen Zoom. Mit dem bloßen Auge ahnt man es mehr, als man es sieht, weil es von überhängenden Bäumen am Ufer abgeschattet wird.

Selbst in unmittelbarer Ufernähe wird es von einem dichten Schilfvorhang verborgen. Nur wenn man um sein Vorhandensein weiß, kann man es entdecken. Es schwimmt auf dem Wasser und wird durch unter Wasser verflochtene Halme am Ort gehalten.

Noch sind die Küken nicht geschlüpft. Vom Elternpaar muss also noch immer einer beständig auf dem Nest hocken bleiben. Die Anzahl der Eier ist leider nicht zu erkennen, auch wenn das Nest mal kurzzeitig verlassen wird. Es ist u.a. auch Papier verbaut, das verbirgt nun das Gelege zusätzlich vor neugierigen Blicken.

Zwischen 21 und 24 Tagen währt bei der Blässralle die Brutzeit, es dürfte also nicht mehr lange bis zum Schlupf dauern.

Gestern konnte ich das Pärchen am Nest beobachten. Leider lassen sich Männchen und Weibchen nur schlecht unterscheiden. Ob sie gebrütet hat und er kam oder ob es umgekehrt war, kann ich dadurch nicht sagen. Jedenfalls einer kam, der andere ging, aber dieser Wechsel vollzog sich nicht nur einfach so.

Die Szene sah so unglaublich liebevoll aus, dass ich die Luft angehalten habe. Dabei sind sehr anrührende Aufnahmen entstanden, die ich hier zeigen möchte.

Beide Rallen versicherten sich scheinbar gegenseitig ihrer Zusammengehörigkeit als Brutpaar. Jeder hat dem anderen mit dem Schnabel den Kopf gekrault. Immer wieder wurde abwechselnd in einer ergebenen Warteposition auffordernd der Kopf dem anderen zugeneigt. Erst nach einer ganzen Weile gingen die Brutgeschäfte normal weiter und der Partnervogel entfernte sich.

Das war mir so eine Foto-Gelegenheit, die mir meine Wartezeiten mehr als wettgemacht hat. Ein solcher Augenblick ist mir der Lohn der hartnäckigen Geduld, immer wieder dieses Ziel anzusteuern, zu beobachten und den Fotoapparat schussbereit zu halten.

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Zeit für Zärtlichkeit

Brutgeschäfte sind beschwerlich,
kosten Zeit und halten auf -
doch ist die Beziehung ehrlich,
nimmt sie Mühen gern in Kauf.
*
Frau Ralle saß die vielen Stunden
auf den Eiern, nun kommt er
wieder mal, um zu erkunden,
ob sie ihn liebt noch immer sehr.
*
Er hält ihr den Kopf entgegen,
bittet sie um Zärtlichkeit,
sie erteilt ihm ihren Segen
nimmt sich gern für ihn die Zeit.
*
Doch danach muss er beweisen,
dass auch er ihr zugetan -
nun lässt er den Schnabel kreisen,
krault den Kopf ihr als ihr Mann.
*
Sie bleibt nicht alleine sitzen
mit der großen Kinderschar,
er wird ganz genauso flitzen,
denn sie beide sind ein Paar.
*
Sie muss für Recht und Alimente
nie vor die Gerichte ziehn,
was sie im Ernstfall gar nicht könnte...
Er liebt ja sie und sie liebt ihn.
;-)
*~*~*~*~* MM *~*~*~*~*
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5 Kommentare
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Manfred Wittenberg aus Nebra (Unstrut) | 28.05.2017 | 06:12   Melden
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Christine Schwarzer aus Dessau-Roßlau | 28.05.2017 | 07:45   Melden
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Brunhild Schmalfuß aus Halle (Saale) | 28.05.2017 | 15:48   Melden
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Yvonne Rollert aus Halle (Saale) | 12.06.2017 | 17:54   Melden
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Martina I. Müller aus Halle (Saale) | 13.06.2017 | 08:53   Melden
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