Wegwarte - die "Blaue" Blume des Hochsommers

    Die Pflanze, Merkmale, Verbreitung und Systematik

Die Wegwarte (Cichorium intybus L.) ist eine Pflanzenart aus der Familie der Korbblütler (Asteraceae), die die größte Familie der Ordnung der Asternartigen (Asterales) innerhalb der Bedecktsamigen Pflanzen (Magnoliopsida) darstellt. Etwa 10 Prozent der Arten der Magnoliopsida gehören zu den Asteraceae. Von der Blütenstandsform ist der deutsche Name Korbblütler abgeleitet.
Die Familie Asteraceae enthält etwa 1600 bis 1700 Gattungen mit etwa 24000 Arten und ist weltweit auf allen Kontinenten, außer Antarktika, in allen Klimazonen vertreten. In Europa gehört sie zu den artenreichsten Pflanzenfamilien. Sie findet man mit ihren blauen Strahlenblüten im Hochsommer an viele Heckenränder, Wegen und Straßen. Die Wegwarte ist eine ausgesprochene Schönwetterpflanze, passt sich aber an erstaunlich gut an extreme Standorte an. Die Blütezeit der Wegwarte liegt zwischen Ende Juni und September. Der Name Cichorium taucht zum ersten Mal bei Horaz (eigentlich Quintus Horatius Flaccus, 65 - 8 v. Chr.), einem bedeutenden römischen Dichter, auf. Er leitet sich aus den griechischen Wörtern κιω (kio) = gehe und χοριον (chorion) = Feld ab, steht also mit der Art und Weise des Auftretens der Pflanze in Verbindung und entspricht dem deutschen Namen Wegwarte. Der Artname intybus geht auf die Zeit vor Carl von Linné zurück. Er entwickelte sich aus dem italienischen endivia über das griechische entybon wahrscheinlich nach dem altägyptischen tybi = „Januar“. Die Blätter wurden schon in der Antike als Wintersalat verwendet. Wegwarte
Endivie
Wegwarte


Inhaltsstoffe


Die blaue Farbe der Zungenblüten wird durch mindestens vier Anthocyanfarbstoffe (Delphinidin-3,5-di-O-beta-d-glucoside und ihre 6'-O-Malonsäurekonjugate) hervorgerufen. Darüber hinaus wurde aus den Blütenköpfen 3-O-p-Coumaroylchinasäure isoliert.

Anthocyane

In den bis zu 75 cm langen Wurzeln wird als Reservekohlenhydrat Inulin (ein β-2,1-verknüpftes Fructosepolymer mit endständiger Glucose) bis zu 40 Prozent des Trockengewichtes gespeichert. Darüber hinaus ist die Wegwarte für das Vorkommen von Bitterstoffen (Lactucin und Lactucopikrin), Cumarinderivaten (Aesculetin, Aesculin, Cichoriin, Umbelliferon, Scopoletin und 6,7-Dihydroxycumarin) und Cichoriensäure bekannt.

Aus der Wildform der Wegwarte wurden verschiedene Nutzformen wie der Zichorienkaffee (Cichorium intybus var. sativum) oder der Chicorée bzw. Radicchio (Cichorium intybus var. foliosum) gezüchtet.

Nutzung


Zichorie
Die geröstete und gemahlene Wurzel der Wegwarte hat schon oft als Kaffeeersatz oder -zusatz herhalten müssen und heißt dann nach ihrem lateinischen Namen «Zichorie». Diese Verwendung war zwar schon im 17. Jahrhundert bekannt, aber ihren endgültigen Durchbruch hat die Zichorie Napoleon zu verdanken. 1806 verhängte der französische Kaiser die Kontinentalsperre, eigentlich als Wirtschaftsblockade gegen England gedacht. England schadete dies wenig – aber in Frankreich und anderen Staaten auf dem europäischen Festland wurden Lebensmittel, insbesondere importierte Genussmittel wie die exotischen Kaffeebohnen, knapp. Gleichzeitig erhöhten die exportierenden Länder die Kaffeepreise – die Zichorie begann ihren Siegeszug. Aus dieser Zeit stammt wohl auch der schöne Name «Muckefuck» (franz. «Mocca faux», «falscher Kaffee»). Als Erfinder des Zichorienkaffees gelten der Offizier Christian von Heine aus Holzminden und der Braunschweiger Gastwirt Christian Gottlieb Förster († um 1801), die um 1769/70 Konzessionen für die Herstellung von Zichorienkaffee (Café prussien) erhielten. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Wurzelzichorie weit verbreitet angebaut, heute spielt sie jedoch im Zusammenhang mit ihrer ursprünglichen Nutzung als Kaffeegetränk keine große wirtschaftliche Rolle mehr; das bekannteste Handelsprodukt mit einem Anteil an Wurzelzichorie unter seinen Inhaltsstoffen ist Caro-Kaffee. Zichorie

Chicorée
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde entdeckt, dass in Erde oder Sand eingelagerte Wegwartenwurzeln während des Winters kräftige farblose Knospen mit knackigen weißen Blättern treiben, die als Gemüse gegessen werden können („weißes Laub“ – niederländisch wit loof, daraus witlof, die niederländische Bezeichnung für Chicorée).Chicorée

Radicchio
Bei Radicchio handelt es sich um eine Form der Zichorie (Cichorium intybus var. foliosum), die durch die dekorative rote Farbe, bedingt durch die Anwesenheit von Cyanidin-3-O-beta-(6-O-malonyl)-d-glucopyranosid, des Gemüses auffällt. Bereits der römische Gelehrte Plinius der Ältere ging in seiner Enzyklopädie Naturalis Historia, die etwa 77 nach Christus entstand, auf die gesundheitlichen Vorzüge der roten Zichorienart ein. Er sprach ihr eine blutreinigende Wirkung zu und empfahl sie bei Schlaflosigkeit. Im 16. Jahrhundert wurden die ersten Radicchios aus kultiviertem Anbau in Italien geerntet; bis 1985 lag auch deren Hauptanbaugebiet dort. Diese Tatsache ist noch heute an den unterschiedlichen Sorten zu erkennen, die die Namen der Regionen oder Orte tragen, in deren Nähe sie angebaut werden. So gibt es beispielsweise den Radicchio Rosso di Verona, den Radicchio Variegato di Castelfranco oder den Radicchio Rosso di Chioggia.
Radicchio

Dichtung


Für die „Blaue“ Blume der Romantik wird das Vergissmeinnicht, das Veilchen, der Gamander-Ehrenpreis, die Kornblume, aber auch die Wegwarte in Betracht gezogen. Deshalb zum Abschluss noch Lobpreisungen der Wegwarte.

Die Wegwarte

Chicory

Am staubigen Feldweg die Wegwarte – schau! By the white cart-road, dusty and dry,
Die leuchtenden Blüten wie der Himmel so blau. Look!  There is chicory, bleu as the sky!
Wo ein kleiner Pfad durch die Kornfelder führt, Or, where the footpath goes through the corn,
wächst sie am liebsten – von keinem berührt! See her bright flowers, each one new-born!
Ihre Blüten welken so schnell – ach, so schnell, Though they fade quickly, o, have no sorrow!
Aber schon wachsen neue, kaum ist der Tag hell! There will be others, New-born tomorrow!
Cicely Mary Barker (1895 bis 1973)
C. M. Barker

Wegewarte

Es steht eine Blume,
Wo der Wind weht den Staub,
Blau ist ihre Blüte,
Aber grau ist ihr Laub.
Ich stand an dem Wege,
Hielt auf meine Hand,
Du hast Deine Augen
Von mir abgewandt.
Jetzt stehst du am Wege,
Da wehet der Wind,
Deine Augen, die blauen,
Vom Staub sind sie blind.
Da stehst du und wartest,
Daß ich komme daher,
Wegewarte, Wegewarte,
Du blühst ja nicht mehr.

Hermann Löns (1866-1914)

Wegewart


Es wartet ein bleiches Jungfräulein
Den Tag und die dunkle Nacht allein
Auf ihren Herzliebsten am Wege,
Wartet am Wege, Wegewart!
Sie spricht: und wenn ich hier Wurzeln schlag'
Und warten soll bis zum jüngsten Tag,
Ich warte auf ihn am Wege,
Warte am Wege, Wegewart!
Vergessen hat sie der wilde Knab',
Und wo sie gewartet, da fand sie ihr Grab,
Ein Blümelein spriesset am Wege,
Spriesset am Wege, Wegewart!
Der Sommer kommt und der Sommer geht,
Der Herbstwind über die Haide geht,
Das Blümlein wartet am Wege,
Wartet am Wege, Wegewart!

Julius Wolff (1834-1910)

Wegwarte

Blumen gibt es, vieler Arten
darunter blaue Wegewarten
Lieblich bist du anzusehn
die Schöpfung macht dich wunderschön
Da stehst du so im grünen Grase
In einer frühen Sommerphase
Erfreust mein kleines Frauenherz
heilst allen Kummer allen Schmerz
den ewigen, den Schmerz der Welt
kann dich betrachten, ohne Geld
Reichtum, Güter, sie vergehen
doch dich, dich werd' ich wieder sehen.

Daniela Mangold

.... und mittelalterliche medizinische Verwendung


Eine handtvoll Wegwart in wasser gesotten vnd getruncken
führt aus die gallen vnd weissen schleim durch den stuhlgang...
Ein decoction gemacht auss dem kraut vnd wurtzel
mit wein oder wasser
vnnd warm gedruncken
eröffnet die Leber vnd Miltz
soll genützt werden im anfang der Wassersucht vnd Cachexia.
Solches vermag auch das gebrannt wasser
vnnd ist trefflich gut zu dem hitzigen Magen
zu allen brennenden Febern
vnnd schwachheit des Hertzens getruncken..
dienet auch zum hitzigen Podagra...

Hieronymus Bock (1498-1554)Bock
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2 Kommentare
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Gisela Ewe aus Aschersleben | 11.08.2015 | 22:55   Melden
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Willibald Schliemann aus Halle (Saale) | 12.08.2015 | 10:27   Melden
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