An der Schwelle zur Nacht

Jeder Tag hat einen Abend
und an jedem Abend kommt
unweigerlich die Dunkelheit
über uns.

Der Tag endet, es wird Nacht.

Viele Redewendungen ranken sich
um diesen zeitlichen Tagesabschnitt,
um die Schwelle zur Nacht und jeder
Mensch wird dabei mit Sicherheit
ganz anders empfinden.

War der Tag erfolg- und erlebnisreich, voller Freuden, so schwingt ein leises Bedauern in uns bei seinem Ende. War er aber unerfreulich, traurig, bedrückend schwer, so legen wir ihn erleichtert ab in seiner Ewigkeit und gehen in einen neuen hinein.

Noch ist nicht aller Tage Abend, sagen wir, um uns für Kommendes zu wappnen oder um das vor uns Liegende erwartungsvoll zu empfangen.

Die Abendstille, die überall ist, wird im Kanon besungen, die Königin der Nacht in Mozarts Zauberflöte.

Zwischen Morgen und Abend liegt in der Regel das Tagwerk und die Nacht gehört dem Schlaf, dem Erneuern der Kräfte, der Dunkelheit, den Träumen und der Ruhe.

Es gibt so viel künstliches Licht, dass es manchmal schwer ist, zur Ruhe zu kommen, das innere Licht zu löschen und die Gedanken zum Schweigen zu bringen.
Für jene, die nicht einschlafen können, kann die Dunkelheit bedrohlich sein, sie dauert zu lange, sie dehnt sich und will nicht vergehen.

Der Wald steht schwarz und schweiget - das macht er die ganze Nacht, bis der Morgennebel sich wieder hebt, das wusste früher schon Matthias Claudius in poetischen Worten auszudrücken.

Schwarz ist die Farbe der Nacht, des Abtauchens, der Stille, aber auch der Trauer.

...wieder ist ein Tag vergangen, so schnell reihen sich die Tage aneinander, eine Woche, ein Monat, ein Jahr... Das Leben fließt uns fast "unbemerkt" wie Sandkörner durch die Hände. Schon wieder kommt eine Nacht.

Aber ehe es dunkelt,
läuft das letzte Licht noch einmal bis zur Höchstform auf. Die im flachen Winkel auf die Erde treffenden Sonnenstrahlen durchlaufen die sich ballenden Wolkenschichten, sie brechen, streuen, durchleuchten. Sie umschmeicheln die Landschaft, ergießen sich aus den Wolkenlöchern und verzaubern Abend für Abend unsere Welt.

... und jeder Tag hat solch einen Abend, so eine Schwelle zur Nacht, die zur Ruhe kommen lässt, wenn man sie freudig überschreitet, allen Ballast im alten Tag ablegt, um dann unbelastet einen neuen Tag beginnen zu dürfen.

Vielleicht auch mit der Freude, ihn an der Schwelle zur Nacht zu bewundern.

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Die Schwelle zur Nacht

Es dunkelt,
der Abend schleicht in die Fluren,
Licht funkelt,
folgt restlichen Tagesspuren.
*
Fest steht der Baum,
wartet ohne Entscheidungsqualen
auf einen Traum,
um seinen Blättern Bilder zu malen.
*
Das Licht
ergießt sich aus Wolkenschlund,
Verzicht
bringt das Dunkel dem Farbenbunt.
*
Die Nacht
kommt behutsam angeflogen,
ganz sacht
wird der Vorhang zugezogen.
;-)
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Christine Schwarzer aus Dessau-Roßlau | 26.06.2017 | 21:06   Melden
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Martina I. Müller aus Halle (Saale) | 26.06.2017 | 23:20   Melden
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Sylvia Mende aus Lochau | 28.06.2017 | 09:43   Melden
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Bernd Müller aus Halle (Saale) | 28.06.2017 | 18:34   Melden
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Dieter Gantz aus Querfurt | 05.07.2017 | 14:33   Melden
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