MIt der Ural nach New York - Aus der Frene betrachtet ist Frieren eher relativ

Taksim (Foto: https://www.facebook.com/leavinghomefunktion)
 
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Efy und Johannes bei den Vorbereitungen der Reise in Halle
 
Efy bei den Vorbereitungen in Halle

Was hatten wir für einen herrlichen Spätsommer, liebe Freunde, oder? Und selbst jetzt, wo der November drängelnd auf der Schwelle zur Haustür steht, den frostigen Daumen wie ein trotziges Kind auf den Klingelknopf des Hauses 2014 drückt und ohne Unterlass von einem aufs andere Bein tippelt, sind die Nachmittage -zumindest hier in Thüringen- weitgehend warm und sonnig. Gestern früh musste ich das erste Mal in dieser Saison eine CD Hülle benutzen, um eine dünne Eisschicht von der Frontscheibe meines Renaults zu kratzen. Im Unwillen der Akzeptanz des Winters habe ich bislang noch keinen Eiskratzer gekauft, weswegen es eben dieses Hilfsmittel sein musste.
Nun aber ist es unweigerlich so weit, dass man getrost davon sprechen kann: Der Winter kommt mit großen Schritten. Für mich, der ich ein Jammerlappen bin was Kälte angeht, eine fürchterliche Zeit.

Und wo ich im Sommer noch neidisch auf die fünf Abenteurer blickte, die es wagen, sich auf eine zwei Jahrestour durch die Welt zu machen, sehe ich nun, dass es nicht nur die beinahe gesamte nördliche Hemisphäre ist, die sie durchfahren, sondern eben auch Jahreszeiten, Witterungen, die zu Teilen dafür sorgen, dass ich mich zu Hause unter einer Decke verstecke, mit einem warmen Tee, oder einem Grog, manchmal auch einem billigen Glühwein aus der Tüte, und zusehe, nicht raus zu müssen. Jetzt, wo der erste Vertreter des Winters in Gestalt des Novembers so vehement an die Türe pocht, tritt das Gefühl der Erleichterung an die Stelle des Neids, denn ich kann fein in meiner Stube sitzen und mit der Heizung im Rücken die Berichte lesen, die mir aus Georgien zugesandt werden, in denen vom Frieren die Rede ist, von vom Regen durchnässten Klamotten und den Nachteilen einer solchen Reise. Schadenfreude? Wo denkst du hin! Aber eben die Bestätigung, dass ich richtig gehandelt habe und meine Teilnahme an dem Trip darauf beschränke, über denselben lediglich zu berichten. Aus sicherer und warmer Entfernung.
Genug der ewigen Vorrede. Kommen wir zum Eigentlichen.
 
Etwas ungeduldig wurde ich in den letzten Tagen, denn weder meldete sich einer der Fünf via Mail, noch klingelte mein Telefon mit der Nummer der reisenden auf dem Display. Also schrieb ich meinerseits eine Mail und tat es dem eingangs beschriebenen November gleich, drängelte ein wenig, denn nicht nur ich bin neugierig, ihr seid es doch sicherlich auch, nicht?
Und prompt erhielt ich eine Antwort in Form eines kurzen Telefonats. Zwei Tage solle ich mich noch gedulden, dann bekäme ich einen kurzen Text zur Verarbeitung.
Gestern dann war es soweit. Der kurze Text umfasst SIEBEN Seiten und entspricht nicht unbedingt meiner Definition des Wortes kurz. Aber es war ein Vergnügen, ihn zu lesen.
Nachdem Elisabeth mir eine Zusammenfassung ihrer Erlebnisse schickte, danach Johannes und Sven, ist es nun Anne, die mich beglückt und zwar in einer so ausführlichen und eindringlichen Form, dass ich noch immer überlege, wie ich das Ganze jetzt verpacke, denn, ihre Formulierungen auseinander zu reißen, finde ich fast ein bisschen zu schade. Demzufolge werde ich mich in diesem Bericht etwas zurückhalten und Anne hauptsächlich sprechen lassen.
 
Im letzten Teil war die Rede von der Ankunft in Istanbul. Natürlich schließen wir nahtlos an und betrachten das Ganze zusammenfassend noch einmal mit Annes Augen, um den Fade wieder aufnehmen zu können:
 

„06./07./08.10.2014 // Istanbul

 
"Im meinem Rückspiegel liegt noch der Küstenstreifen Griechenlands entlang der Ägäis, als wir bereits unser nächstes direktes Ziel - Istanbul - in knapp 400km Entfernung anpeilen.
Als wir dort nachts um 23 Uhr bei Battal, einem Freund von mir, aufschlagen, haben wir ein weiteres, taffes Stück Strecke hinter uns gelassen. Zuerst einmal die Fahrt über die griechisch-türkische Grenze, die problemlos verlief und mich maßlos beschwingte und dann der stundenlange Weg über den Highway von Ipsalla, über Tekirdağ in die Vororte von Istanbul, dessen geografischen Beginn und Ende mir nie wirklich möglich war zu begreifen, so sehr wuchert diese Stadt. Kurz vor unserem Ziel stoppen wir für eine Pause, um das mörderische Tempo dieser Stadt und ihres Straßenverkehrs sacken zu lassen. Ein Wunder beinahe, dass wir uns bis hierher nicht verloren haben, gerade weil wir untereinander telefonisch immer noch nicht vernetzt waren und, wir uns in diesem Getümmel somit nur schwerstmöglich hätten wiederfinden können.
Also daten wir unser Fahrverhalten in Anpassung an Istanbul up: Nicht zimperlich sein, wenn nicht unbedingt erforderlich, selber drängeln und nicht bedrängen lassen. Oftmals haben dementsprechend nur weniger Zentimeter auf den letzten Kilometern gefehlt, und wir hätten unseren grünen Kfz-Versicherungsschein unweigerlich bemühen müssen.
Während unseres kurzen Zwischenstopps an der Tankstelle werden wir sofort zum Fotomotiv - Freundschaftsanfragen auf Facebook nach 3-minütiger Bekanntschaft inklusive - ein Phänomen, dass ich zu der Zeit, als ich in Istanbul wohnte schon ausführlich beobachten und erfahren konnte.
 
Als wir dann endlich bei Battal ankommen, bin ich reichlich erschöpft und sehr dankbar, dass wir nach einem ausgiebigen Aufenthalt beim großen, goldenen M und dem Verzehr von McKöfte, die Maschinen in die treuen Hände des Mannes vom bewachten Parkplatz geben können - wie ich mich auf die öffentlichen Verkehrsmittel freue - ehrlich!
 
Die wenigen hundert Meter Fußmarsch zu Battals Wohnung auf der Eski Edirne Astaltı im Stadtteil Bayrampaşa und das Flair in den Straßen berauschen mich. Schon den ganzen Tag sind mir die unterschiedlichsten Begriffe auf Türkisch durch den Kopf geschossen - jetzt kann ich sie endlich zu Sätzen formen - was für ein Vergnügen!
Erschöpft okkupieren wir Battals Heim mit unseren Unmengen an Gepäck und fallen auf unseren Fellen direkt in den Tiefschlaf - alter Falter! Dank des Obdachs, das wir hier finden, können wir uns am nächsten Tag postwendend den Hausaufgaben widmen, die wir bisher aufschieben mussten.
 
Und so heißt es unter anderem: Website und Blog-Arbeit, Steuer und eine ganze Reihe an Bürotelefonaten - und die gemeinschaftliche Laune verabschiedet sich in Anbetracht dessen, dass wir hier in verdammt noch einmal ISTANBUL sind und uns vor der Matsch-Scheibe und Stapelweise Quittungen rumdrücken, in den Keller.
Battals Vorschlag nach Aksaray zum Essen zu fahren, hält uns davon ab, durch die ein oder andere Leitung zu steigen…
 
Wir fahren mit Metro und Tram - ich - wie durch meine eigene Westentasche. Das Wetter ist unglaublich mild und ich verstehe wieder die Sätze, die neben meinem Ohr gesprochen werden. Wir speisen königlich, trinken frischen Ayran und literweise Çay.
Für uns geht es weiter Richtung Taksim - Unterführung runter - Unterführung hoch - mir alles bekannte Orte. Es ist ziemlich genau zwei Jahre her, dass ich diese Stadt verlassen habe. Als wir endlich an der Metrostation ”Taksim“ ankommen, hauen mich die Veränderungen, die ich feststellen muss beinahe um. Der Platz ist nun vollkommen unterhöhlt und gleicht einem Schweizer Käse. Er beherbergt riesige Hallen mit Wandreliefs, die Istanbul zeigen, einen Highway und mehrere Busstationen - dieser Platz ist mir fremd und ebenso ein Großteil des Taksim Platzes, den ich überirdisch wiederfinde. Kein Verkehr mehr, viel Beton und ein spärlicher Gezi-Park.
 
Hier treffen wir Battals Neffen und dessen Freund und begeben uns geschlossen ins Gedränge auf die Istiklal, um in der Asmalı Meşçit über den Dächern von Istanbul noch ein Getränk zu uns zu nehmen. Die Massen auf der Haupteinkaufsmeile der Stadt absorbieren uns zunehmend und wir müssen Acht geben, dass wir uns nicht verlieren. Doch wie gern wäre ich in die kleinen Seitenstraßen von Çihangir und Tarlabaşı abgedriftet, um der Vergangenheit kurzweilig nachzuhängen und der Gegenwart für einen Moment nachzustellen. Die Hochrechnungen zum explosionsartigen Wachstum jeglicher Shopping-Zentren und Szene-Bar überschlagen sich in meinem Kopf und ich stelle mir ein ums andere Mal die Straßen vor, wie sie wohl vor 10, 20 oder auch 50 Jahren ausgesehen haben müssen, als alles noch ein Haufen Dörfer war.
Jetzt blinkt es einfach nur noch überall gelb und rot und grün und blau und Efy bekommt recht bald einen Gefunkel-Koller. Soviel bling bling ist Cyprus aus dem braven Halle an der Saale nicht gewöhnt. Endlich auf der Dachterrassenbar angekommen, plättet uns ein atemberaubender Ausblick auf das nächtliche Istanbul vom Goldenen Horn bis zur Fatih Sultan Mehmet Köprüsü. Freude! Auch am nächsten Tag will unsere to-do-list nicht abreißen. Während wir arbeiten und in Alemdar Battals Wohnung hausen, wäscht der 12 Maschinen unserer Wäsche in zweit Tagen - wir fassen es nicht und sind schon ganz beschämt, doch er will einfach nicht locker lassen - wir ergeben uns.
An unserem letzten Tag in Istanbul bringen Elisabeth, Johannes, Sven und ich Efy zeitig am Morgen in Richtung Atatürk Flughafen. Bevor sie zu uns in unserer georgisches Winterlager wieder stoßen kann, muss sie noch ein paar Dinge in der Heimat regeln und sich nach zwei Jahren Abwesenheit unter anderem auch bei ihrer Großmutter blicken lassen. Gesagt getan. - Ihren Rückflug zu uns hat sie bereits für Anfang November gebucht. Große Freude! Denn missen möchte ich Efy nicht, die mit ihrer Engelsgeduld und ihrem reichlich trockenen Humor die Welt immer wieder auf’s Neue gerade zu rücken versteht.
 
Danach noch schnell nach Eminönü ultra-kälteresistente Polarschlafsäcke (die ich später noch ausgiebig loben werde) gejagt. Während Johannes sich anschließend in Begleitung von Sven erneut auf den Weg zum Dentalspezialisten (ein Freund eines Freundes eines Freundes eines Bekannten Battals, der seine Praxis zum Feiertag (Kurban Bayramı -> Schlachtfest) ausschließlich für Johannes aufsperrte und ihn behandelte - pahh!) aufmacht, sitzen Elisabeth und ich auch schon auf einer der Fähren nach Kadıköy, um uns mit Alsı - einer sehr guten Freundin von mir - zu treffen. Wir haben natürlich draußen auf dem Verdeck Platz genommen. Wind Wasser, Sonne, Kaffee - bitte lasst die Zeit still stehen, denn auf diese Fahrt hatte ich so gehofft.
Erinnerungen drängen sich dicht an dicht in meinem Kopf und ich freue mich wie nicht gescheit, als Alsı uns an der İskele in Empfang nimmt. Wir trinken Tee und füllen jede dieser wertvollen Minuten mit Worten von Vergangenem und den aktuellen Vorhaben. Gern hätte ich zumindest eine handvoll mehr dieser Stunden hier am Bosporus, doch das ist der Tribut, den die Konstellation aus Wetter-, Visa- und anderen zeitlichen Konditionen fordert, um bis zum 21.10. das Stempelchen des russischen Grenzbeamten zu erhalten, welches schließlich das Ticket zu Etappe II des ganzen Projektes bedeutet. Die Zeit rennt wie eh und je und so wollen wir noch am zeitigen Nachmittag die Stadt verlassen.
Also packen wir fix, treffen uns noch mit Markus vom InEnArt-Team (www.inenart.eu) für ein Interview und wollen gemeinsam mit ihm und Battal die Maschinen auf dem Parkplatz auslösen. Drei Kurven später: Lisa hat ihren ersten Crash und dabei einem Mercedes-Fahrer seine schöne Schürze abgefahren. Während Sven die Schürze wieder notdürftig zum Halten gebracht hatte, konnte Battal als Kommnikationgenie die Situation nach längerem taktieren positiv klären - Lisas Maschine kommt ohne jeden Kratzer davon - was für ein Geschoss!
 
Als wir dann schließlich die Wohnung geräumt und fertig gepackt hatten ist es endlich dunkel und der dickstmögiche Stadtverkehr hat eingesetzt - ich bin total entnervt. Los geht’s mit einem herzlichen Dank an Battal und seine überwältigende Gastfreundschaft! Schwarzes Meer -wir kommen! Doch bereits nach wenigen hundert Metern verliere ich die komplette Gruppe im Großstadt-Bling-Bling-Verkehrs-Jungle und es kostet mich mehr als eine Stunde um sie per -ich schau auf’s Smartphone-Navi - pack’s schnell in die Tasche - fahre 500m - und schau erneut drauf- wieder zu finden! Ich bin stink sauer auf alles und bete zum Ural-Gott, dass meine Maschine mich nicht jetzt im Stich lassen möge.
 
Schließlich finde ich die anderen wieder, die nicht weniger erhellt über den Umstand meiner Abwesenheit sind.
Schleunigst verlassen wir Istanbul und passieren dabei auch die Fatih Sultan Mehmet Köprüsü - wie beeindruckend, diese Stadt endlich einmal vom eigenem Steuer aus zu durchqueren. Die Lichterketten der Brücke ziehen an mir vorbei und ich habe es schwer mich auf den Bosporus starrend, dem vor mir liegenden Straßenverkehr zu widmen. Über kleinere Dörfer und Nebenstraßen gelangen wir ans Schwarze Meer.
Mitten im Nirgendwo passieren wir eine Polizeikontrolle und hinterlassen nach unserer Weiterfahrt die verwunderten Gesichter von zwei jungen Polizisten, die uns ob unseres Planes ausfragten und für den Weg alles Gute wünschten. Einen mittelmäßig steilen Feldweg hinab auf einer kleinen Birkenlichtung schlagen wir unser Nachtlager auf. Schon von der Ferne höre ich, wie sich das Meer gegen die Felsen schmeißt und spüre, wie der Seewind über die Grasnarbe fegt. Zum Tagesabschluss steigen wir in völliger Dunkelheit auf den nächsten Hügel und vor uns tut sich das Schwarze Meer in seiner ganzen Pracht auf.“
 
Habe ich zu viel versprochen? Nie hätte ich das auseinander – und wieder so zusammensetzen können, in genau diesem Blick auf Istanbul. Und fast bin ich ein bisschen eifersüchtig, ist es doch eigentlich meine Aufgabe, die Dinge der Reise zu beschreiben, aus Kurznotizen und Stichpunkten oder Telefonatsmitschriften die Sätze zu bauen, die du dann hier liest. Und ich fürchte hier meine Stellung als Schreiber, als Berichterstatter und indirekter Mitfahrer zu verlieren, schon weil auch du an dieser Stelle denken könntest, dass hier wesentlich mehr Intension und transportierter Vorstellungskraft liegt. Ich verspreche, ich tu in Zukunft mein Bestes, diese Kraft ebenfalls in Buchstaben packen zu können.
 
Bleiben wir also bei Anne und verfolgen die nächste Etappe, hinaus aus Istanbul, hinein ins nächste Abenteuer.
 

„Man muss die Ziele hoch stecken, um auf dem Weg zu ihnen auch hart genug daran arbeiten zu können“

 
„09.10.2014 // Şile - Yeniçağa
Der Abhang, den wir am Abend zuvor hinab zu unserem auserkorenem Schlafplatz im Dunkeln heldenhaft und furchtlos meisterten, stellte sich auch nach reichlich Kaffee und bei Tageslicht als ernstzunehmende Herausforderung heraus. Ein Leichtes wahrscheinlich für einen 4x4 Defender oder ähnliches Gerät, jedoch eine taffe Leistung für den Puls eines Ural-Neulings mit gerade einmal 4000km Fahrerfahrung. - Hoffte ich doch die ganze Nacht und den Morgen, dass es nicht regnen möge und wir mit den Maschinen den Hang, der einem Lehm-Sand-Feldstein-Gemisch glich (wunderbare Voraussetzungen für erste Off-Road-Erfahrungen), der Länge nach wieder herunter zu driften.
Mit einem Puls jenseits von Gut und Böse und der richtigen Dosierung von Gas und Kupplung schaffte ich zumindest 2/3 des unwegsamen Geländes den Berg hoch, bis vor lauter Ehrfurcht vor soviel Kraft und Masse einer Ural 650 die Angststarre einsetzte und ich meinen Rooster kläglich abwürgte. Mit Sicherheit war es einfach zu viel, sich auf Gefälle, Geschwindigkeit und Atmen gleichzeitig zu konzentrieren, so dass meine Aufmerksamkeitsspanne für angemessenes Fahrverhalten auf ein paar hundert Meter beschränkt schien. Über den Gesichtsfasching, den Elisabeth dabei professionell dokumentierte, möchte ich nicht weiter reden. Jedenfalls gelang es uns, alle Maschinen den Hang hinauf zu manövrieren und dabei einige aussagekräftige Filmaufnahmen zu machen, bevor der Regen final doch noch einsetzte. Pahh!
 
Wir verließen die Region um Şile und peilten unser nächstes großes Etappenziel - Samsun - an, welches wir am liebsten noch an diesem Tag erreichen wollten. Bis dahin fehlten allerdings noch gute 600km - Katzensprung…denkste Puppe! Das Maximum, das wir bisher an einem Tag fuhren, überschritt nicht die 400km-Marke - doch man muss die Ziele hoch stecken, um auf dem Weg zu ihnen auch hart genug daran arbeiten zu können.
 
Wir schlängeln uns also die verregneten Dorfstraßen entlang, unterbrechen für ein spartanisches Frühstück und sind trotz der sehr ansehnlichen und abwechslungsreichen Landschaft froh, den Highway nach Samsun zu erreichen und somit unsere Durchschnittsgeschwindigkeit um weitere 30km/h auf 70-80km/h aufstocken zu können.
Wir fahren, fahren, fahren und die Landschaft scheint sich nur unmerklich zu verändern. Immer geradeaus, kaum Kurven, alles dreispurig und ein rasantes Tempo - die Maschinen laufen. Erst ab und zu, dann dicht an dicht gedrängt, winden sich kleine Verschläge und Stände dekoriert mit Zwiebelzöpfen, Paprikageflecht und allerlei Süßkram entlang der Straße, bereit dem einen oder anderen Reisenden doch noch einen Lira zu entlocken. Weite Strecken riecht es sogar bemerkenswert und mehr als angenehm nach zwiebeligen Gewächsen - der Anbau muss hier wirklich großflächig sein.
 
Zunehmend wird es dunkler und ich bemerke, wie Johannes’ Ural-Festbeleuchtung immer noch an Rhythmusstörungen leidet und ihn im Dunkeln nur mangelhaft begleitet. Zwei bis drei gezielte Hammerschläge auf die betreffende Stelle am Zündschloss verschaffen auch diesem Problem eine temporäre Abhilfe.
Im Gegensatz zu der bereits seit mehreren Tagen anhaltenden miserablen Arbeitsmoral seiner Zündung (wie wir vermuteten). Daraufhin finden wir einen geeigneten Platz für den nächtlichen Unterschlupf im Örtchen Yeniçağa, wo wir bei unserer Ankunft auf’s Wärmste begrüßt und auf’s Neugierigste ausgefragt werden.
Nicht ganz Samsun und auch nicht das Schwarze Meer für heute, doch immerhin eine gute Bleibe am Ufer des lokalen Fischersees und eine deftige Gemüsesuppe am Lagerfeuer, schließen für uns den Tag. Wie die Hühner fallen wir der Reihe nach von der Stange in unsere neuen Schlafsäcke, die ihren Einsatz wirklich wert waren.
Allerdings wollte die Neugierde der örtlichen Bevölkerung auch nicht mit angebrochener Nachtruhe beendet sein. Es scheint sich bereits herumgesprochen zu haben, dass fünf Deutsche mit russischen Motorrädern aus Istanbul eingetroffen sind und den wohl meist frequentierten “Strandplatz“ der Umgebung als ihr Nachtlager auserkoren hatten. Und so werden wir zu nächtlicher Stunde beinah pausenlos (und so auch während des kompletten kommenden Tages) von vierrädrigen Ghettoblastern mit dem bevorzugten Musikgenre: türkischer Pop, umzingelt. Alle harmlos, aber eben unglaublich neugierig. Aus meiner Erfahrung, die ich in der Türkei machte, kann ich sagen, dass die Definition von “indiskret“ nicht nur in der Türkei eine andere ist“.
 

10.10.2014 // Yeniçağa
Der Plan für diesen Tag war folgender:

Nachdem sich alle aus ihren Schlafsäcken geschält hatten, würden Elisabeth und ich in die Stadt fahren und diverse Besorgungen vornehmen, Johannes sich seine Zündung vorknöpfen, Sven sämtliche weitere Wehwehchen der Maschinen ausmerzen und Lisa die Verwaltung des Lagers übernehmen - um dann endlich gen Samsun ziehen zu können.
 
Also fuhren Elle und ich ins Dorf, um schnellstmöglich alle Erledigungen einzuholen, um den Tag anschließend durchstarten zu können. Falsch gedacht!
Zunächst tingeln wir von Laden zu Laden, die witziger Weise alle über und über mit türkischer Vodafone-Werbung zugetaped waren, um Adapter und Card-Reader zu ergattern. Danach suchten wir einen Copyshop o.ä., um die notwendigen Dateien printen zu können. Und so kam es, dass wir von Geschäft zu Geschäft geschickt wurden - vergebens, denn der Betreiber des Schreibwarenladens war auf’s Dorf gefahren und der Zeitpunkt seiner Rückkehr äußerst flexibel bis unbekannt. Mittlerweile hatte sich eine Traube Männer um die Maschinen geschart und die einzelnen Herrschaften fotografierten sich scheulos gegenseitig posierend.
Nachdem wir auch hier mit Fragen gelöchert wurden, auf die wir artig und ausführlich Rede und Antwort standen, erbarmte sich einer aus der Menge ob unseres Anliegens, und nahm uns in ein nahegelegenes Schuhgeschäft mit, in dem wir im Handumdrehen unsere Druckereien schwarz auf weiß erhielten. Auch hier werden wir ausführlichste interviewt und ich übersetze bereits mehr oder minder ungefragt.
Es bereitet mir große Freude endlich wieder aus diesem Potential schöpfen und auf’s Neue zu den unterschiedlichsten Menschen durchdringen zu können. Beinahe haben wir alles zusammen und machen uns unter vielseitigen Freundschaftsbekudungen unserer Bewunderer zurück zu unserer Herde.
 
Dort hatte Johannes Susanne Schweppches mittlerweile erfolgreich kaputt repariert und dementsprechend angespannt ist die Stimmung seinerseits. Wohingegen Sven immer noch hoffte, dass Johannes es nicht noch schlimmer machen würde, in dem er mit der außer Takt geratenen Maschine durch die Gegend prescht. Wenn dies geschehen würde, hälfe nur noch: Zündung austauschen - die einzige, die wir als Ersatz mit hatten - und wir waren noch nicht einmal auf der Hälfte unserer Strecke durch die Türkei - das gefürchtete Land, ohne jegliche Ersatzteile und erfahrene Ural-Schrauber.
 
Der Tag scheint für das Zurücklegen von Weg verloren und so fahren Elle und ich, leicht peinlich berührt, erneut ins Dorf, um die Dinge einzuholen, die wir am Vormittag vergessen hatten.
Als wir zurückkommen läuft Susanne eher schlecht als recht und wir machen uns auf an einer anderen Ecke des Sees - den neugierigen Blicken entfliehend und zumindest ein paar Kilometer auf dem Tacho verzeichnen zu können - einen neuen Schlafplatz in Yeniçağa zu finden.
Eine verlassene Bruchbude mitten auf dem Acker gibt uns Obdach und während Johannes den Boden der fensterlosen Baracke fein säuberlich mit einem alten Blech freikratzt, macht sich Sven an die Bratkartoffeln mit Suçuk. Elisabeth und ich bereiten das allabendliche Feuer während Lisa die aktuellen Filmschnipsel begutachtet und ordnet.
Da wir nicht mehr an der Küste sondern im höher gelegenen Binnenland sind, werden die Nächte mittlerweile sehr kühl und auch der Morgen blieb stets frisch.“
 
...Womit sich der Kreis für diesen Teil schließt. Eingangs betonte ich den kommenden Winter, der in unseren Gefilden ganz sicher nicht so hart sein wird, wie dort, wo unsere fünf Freunde inzwischen sind. Die Grenze zu Georgien wurde passiert und mir liegen noch einige Seiten von Annes Bericht vor, die in ungewohnter Bälde hier öffentlich werden.
Vielleicht hast du dich gefragt, weswegen Anne so gut türkisch spricht und von Erfahrungen und Erinnerungen in der Türkei erzählt? Das kann ich  abschließend mit wenigen Worten erklären:
Vor vier Jahren, also 2010, weilte die damalige Studentin einer Exkursion wegen in der Türkei und es gefiel ihr so gut, dass sie beschloss, ein Auslandssemester hier zu absolvieren. Dem voraus ging ein Stipendium der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle (Saale). Anne war eine von den sechs Glücklichen, die aus einer Bewerberzahl von sechzig Personen ausgewählt wurde.
Darüber hinaus verbrachte sie die gesamte vorlesungsfreie Zeit damit, zu reisen und mit Menschen in der Türkei mit einem selbst gebauten Räucherofen Fisch zu räuchern. Dies ist in am Bospurus nämlich weitgehend unbekannt und so räucherte sie mit Fischern, mit Tauchern, mit Künstlern und Kunststudenten, mit Dorfbewohnern und Städtern.
Ein Sprachkurs zur Intensivierung der bislang schon angeeigneten Kenntnisse führte dazu, dass Anne die türkische Sprache sehr gut beherrscht, was gerade den hier beschrieben Teil der Reise enorm erleichterte.
Abschließend kann ich versprechen, schon in fünf Tagen mit dem nächsten Teil eure Neugier zu befriedigen. Dann geht es Yeniçağa in der Türkei nach Batumi in Georgien.


Lesen Sie mit:


30 000 Kilometer werden die fünf Reisefreunde auf ihrem Weg zum Ziel durch Europa, Asien, Alaska und Kanada zurücklegen. Wenn alles gut geht, parken die Uralmotorräder im August 2016 in New York.
Teil 9: Schießwütige Georgier, Hangranaten und Hünen mit Äxten
Teil 8: Angekommen im Land des Winterlagers
Teil 7: Frieren ist relativ
Teil 6: Durchgeknallte Lkw-Fahrer und eine Nacht im Maisfeld
Teil 5: Eine schmerzhafte Wurzelbehandlung und Ankunft in Serbien.
Teil 4: Station im Paradies und Ärger mit dem Motor
Teil 3: Probleme mit den Maschinen und eine Irrfahrt durch Passau
Teil 2: Die erste Etappe
Teil 1: Die fünf Köpfe unter den Helmen
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2 Kommentare
7.316
Siegfried Behrens aus Halberstadt | 02.11.2014 | 16:39   Melden
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Annette Funke aus Halle (Saale) | 02.11.2014 | 17:41   Melden
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