Mit der Ural nach New York - Die Road of Bones

             

Nahtlosigkeit habe ich im Laufe des Jahres ja des Öfteren versprochen, selten eingehalten, mir aber stets im Schreiben des jeweiligen Berichtes vorgenommen. Nahtlosigkeit ist quasi eine Rarität in der Artikelserie um die Fünf vom leavinghomefunktion – Projekt. Gründe dafür habe ich genug genannt und muss an dieser Stelle nicht noch einmal darauf eingehen, dass Handy- und Internetempfang in den östlichsten Gebieten der ehemaligen Sowjetunion eher Glückssache sind.

Und hatte ich nicht auch Anfang des Jahres noch große Töne gespuckt, die Damen und Herren im Laufe der kommenden Monate noch einmal zu besuchen? Nun, dazu kam es ebenfalls nicht und ich bin schon ein bisschen traurig darüber.

Um so mehr freue ich mich immer wieder, wenn -meist unverhofft und eher aus heiterem Himmel- mein Telefon klingelt und das Display von jener Glückssache zeugt, die ich gerade oben erwähnt habe.

Zwischen Weihnachtsstress, dem ich mich stets zu entziehen versuche und dem fehlenden „Feeling“, weil das Wunderwetter den Dezember hier so warm hält als sei er vom sommerlichen Herbst in Heizdecken eingewickelt, zwischen Geschenkeeinpackwahnsinn und strengen Überlegungen, wen ich beim Gabenkauf vielleicht vergessen haben könnte, klingelt plötzlich das Telefon, ich lasse alles stehen und liegen, tippe erfreut auf den Annehmen-Button, wühle zeitgleich einen Stapel weißer Blätter aus dem Schubfach meiner Kommode und höre das gut gelaunte „Hallo Kruppe... na … wie geht’s?“ das Elisabeth irgendwo in Vancouver in die Miniatursprechmuschel eines Smartphones singt.

Was für ein glücklicher Zufall. Kurz nachdem ich den letzten Bericht veröffentlicht habe, der sehr, sehr lange auf sich warten ließ, kann es direkt und also nahtlos weitergehen. „Das ist doch ein schönes Weihnachtsgeschenk für die Leser.“ - denke ich.

Rahmenbruch und Bärenangst

Im letzten Bericht lasen wir von der Ankunft in Omjakon, was nicht ganz richtig ist, denn Tomtor heißt das kleine Städtchen, wo sich Anne, Efy, Elisabeth, Kaupo, Johannes und der „Reise-Gast“ Pedro kurzzeitig niederließen, um sich auf den härtesten Teil der Reise vorzubereiten. Und wenn wir vom „härtesten Teil der Reise“ reden, dann meint das exakt diese Beschreibung. Von Anfang an gab es zwar eine vage Ahnung dessen, was auf die „Uralisten“ zukommen wird, aber ich denke, aus Elisabeths Bericht herauszuhören, dass diese Ahnung weit von dem übertroffen wurde, was man als feuchte, bitterkalte Realität bezeichnen kann. Aber der Reihe nach.

Tomtor liegt im Rücken der nun wieder Fahrenden, die sich nun in Richtung Sonnenuntergang aus dem letzten Flecken Zivilisation heraus in die unbestimmte Weite einer langen Strecke bewegen, die etwa 160 Kilometer beträgt. Der erste Tag scheint gewohnt strapaziös, aber ohne weitere Vorkommnisse. Die Nacht kommt schnell und so schlägt das Sextett sein Lager in einem Steinbruch auf, mit großem Respekt vor den Bären, die es hier geben soll. Die aber lassen sich nicht blicken.

Der Morgen graut und hinterlässt Spuren einer unruhigen Nacht. Und unruhig soll es weiter gehen, denn während Pedros Felge eher einer „kinetischen Skulptur“ gleicht, will Elisabeths Motorrad nicht anspringen. Der Vergaser wird überprüft, die Zündkabel, die Ventile. Was genau am Ende das Problem war, bleibt ein Rätsel, relevant ist nur, dass die Maschine plötzlich läuft. Der Tross steuert die letzte Kreuzung an, die Rückkehr bedeuten könnte. Das wirklich letzte Dorf vor der Wildnis ist in Sichtweite, die Straße wird schlecht und schlechter bis sie abrupt endet und von hier an nur noch ein Pfad aus Kies ist, der in einen Fluss mündet.

Vierzig Kilometer haben die leavinghomefunktion Leute seit Tomtor geschafft, als Elisabeths Ural erneut zum Stehen kommt. Diesmal aber ist der Schaden nicht so einfach zu beheben, denn ohne Schweißgerät einen gebrochenen Rahmen wieder heile zu machen, ist eine unlösbare Aufgabe.
Das Glück im Unglück, dass die Fünf im Laufe der letzten elf Monate hin und wieder hatten, scheint auch hier wieder Hoffnungsgeber zu sein, denn von irgendwo dringt das Geräusch eines Rasenmähers her. Und da, wo ein Rasenmäher benutzt wird, ist die Wahrscheinlichkeit gegeben, ein Schweißgerät zu finden. Also machen sich Anne, Efy und Johannes auf den Weg, den Rasenmäher und seinen Benutzer zu finden, wobei „Weg“ hier eine schlichte Untertreibung ist. Kilometerweit geht’s durch den Sumpf, bis sie zu einem kleinen Häuschen kommen. Aber Glück und Unglück liegen oftmals dicht beieinander. Der Mann, dem das Häuschen gehört hat zwar einen Rasenmäher, aber kein Schweißgerät und so treten die Drei unverrichteter Dinge den Rückweg an und beschließen, tags drauf noch einmal nach Tomtor zu fahren, während sie im Schlamm auf Bärenspuren stoßen.

Am nächsten Tag brechen Anne, Johannes und Pedro in Richtung Tomtor auf, während Elisabeth, Efy und Kaupo Ausschau nach Bären halten, denn da wo ihre Spuren sind, können die Tiere nicht weit sein. Und wer möchte schon einem hungrigen Bären gegenüberstehen? Habe ich eigentlich schon einmal erwähnt, wie froh ich bin, dass ich mich nicht als „fünften Mann“ für die zweite Etappe angeboten habe?

Jede Stunde die vergeht, in der die Zurückgebliebenen nichts von den anderen Dreien hören, heißt Sorge. Sorge um den Verbleib des „Rettungstrupps“, Sorge darum, dass ein pelziges Raubtier zum hungrigen Widerspruch seines niedlichen Äußeren wird, Sorge um den Fortgang des Planes, die Road of Bones heil und unbeschadet zu passieren. Und diese Sorge haben auch Einheimische, die zufällig am Lagerplatz der Wartenden vorbei kommen und ihnen ein „Bären-Schieß-Gerät“ in Form einer Signalpistole schenken, die zwar keinen erheblichen Schaden anzurichten imstande ist, doch aber ein so helles Licht macht, dass der Bär das Weite suchen könnte.

Also macht das lagernde Trio den ganzen Tag laute Musik und nach sieben Stunden kehrt die andere Hälfte der Gruppe mit den geflickten und geschweißten Schadstellen zurück. Auch Pedros Sitz wurde geschweißt, Benzin- und Essensvorräte wurden aufgefüllt.

Es ist sechs Uhr Abends, eigentlich keine Zeit, um jetzt noch Strecke zu machen, aber nachdem Elisabeths Motorrad zusammengebaut ist, will die Gruppe noch einige Kilometer aufholen.

Einige Kilometer heißt dann aber exakt zehn. An einem Fluss, der den Weg kreuzt, fährt sich der Este fest, denn die Brücke, die es hier mal gab, liegt in Trümmern im Wasser. So wird das Nachtlager auf einer kleinen Insel im Fluss aufgeschlagen, es gibt Nudeln und Dosenfleisch. Klingt zunächst recht romantisch, wäre da nicht die permanente Angst vor dem scheinbaren König Sibiriens, dem Bären. Elisabeth erzählt, dass sie in diesen Nächten auf jedes Geräusch hört, denn die Nächte hier sind still, sehr still und wenn man irgendwo ein Geräusch hört, und sei es noch so fern, dann rechnet man mit Allem. Ich hatte schon erwähnt, dass ich froh bin, mich nicht als „fünfter Mann“ der zweiten Etappe angeboten zu haben, oder?


Berühmte Hinterlassenschaften und die Einsicht: es wird länger dauern


Nach dem Aufwachen wird, das ist inzwischen fast zum Ritual geworden, geschraubt. Eingeklemmte Bautenzüge müssen befreit und Bremsen gereinigt werden bevor es weitergeht, vorbei an eingestürzten Brücken, Klippen und Eisfledern. Im langsamen Vorankommen stoßen sie Sechs auf ein kleines Highlight. Vor ihnen liegt ein ausrangierter Kamaz, ein LKW russischer Bauart also. Und bei genauerer Betrachtung stellt sich heraus, dass dies nicht irgendeine Hinterlassenschaft, irgendeines hier lebenden Menschen ist, sondern einst dem Team von „Long Way Around“ als Begleitfahrzeug diente.

Einige von Euch kennen das Projekt der beiden britischen Schauspieler Ewan McGregor und Charles Boorman vielleicht. Denen, die es nicht kennen, sei es an dieser Stelle ans Herz gelegt, denn das Duo bereiste Teile der Strecke, die das leavinghomefunktion Projekt ebenfalls durchfuhr, allerdings nicht mit Uralmaschinen und begleitet von einigen Menschen mehr, die für Sicherheit und Ankommen sorgten.

„Es war unglaublich hilfreich, diesen Kamaz zu finden. Da war eine Menge brauchbarer Kram und vor allem Werkzeug drin. Am meisten haben wir uns wohl über die 19er Schlüssel gefreut.“ sagt Elisabeth und ich kann die Euphorie dieses Momentes deutlich in ihrer Stimme hören.
„Dann ging es durch kleinere Pfützen, die wir problemlos bewältigen konnten. Doch am Abend dieses Tages fiel uns dann das erste Mal nach einigen kleineren Klippen und Flüssen die Kinnlade runter, als wir dem ersten größeren Fluss gegenüber standen. Der war definitiv zu tief, um durch zu fahren. Wir entschieden uns also, das Öl aus den Motoren und den Getrieben abzulassen und die Motorräder mit Seilen durch den Fluss zu ziehen. Es war eine ordentliche Überwindung, in das kalte Wasser zu steigen, um bis tief in die Nacht die Motorräder auf die andere Seite zu schleppen. Während dessen schürte Efy ein Feuer im Lager an, an dem nach diesen Strapazen zu sitzen ein wahrlicher Genuss war. Aufwärmen und Klamotten trocknen war uns nach stundenlanger, nasskalter Arbeit das oberste Bedürfnis.“

Im Erwachen am Tag danach liegt die Ahnung von Hunger und die Erkenntnis, dass der Zeitplan für die „Straße der Knochen“ wohl überschritten werden wird. Nicht nur , dass die gestrige Flussüberquerung beinahe 24 Stunden dauerte und noch einige Flüsse kommen werden, stellt ein Problem dar. Viel größer ist der Schock nach nochmaligem Vergleich verschiedener Karten und das ernüchternde Ergebnis, dass nicht etwa 160 Kilometer vor dem Sechstett liegen, sondern wesentlich mehr. Es sind knapp 300 Kilometer so zu bewältigen.

Eine der logischen Schlussfolgerungen ist demnach die Rationierung der Essensvorräte. Der Weg durch die Wildnis, das war allen Beteiligten von Anfang klar, wird hart. Dass er so hart wird, wie es sich nach nur wenigen Kilometern darstellt, ist vielleicht keine Überraschung, aber durchaus eine ernüchternde Feststellung. Dennoch: the Trip must go on. Irgendwann ist irgendwo ja auch wieder das künstliche Licht der Zivilisation, zumindest dessen, was man in Sibirien so nennen kann ohne -aus westlicher Sicht- zu übertreiben.

Also Kräfte sammeln und Motorräder wieder zusammenschrauben, nachdem die Zylinder demontiert, das Wasser abgelassen, Luftfilter und Vergaser trocken gelegt, Ventile neu eingestellt, Öl aufgefüllt und alle schmutzigen Daumen gedrückt sind, dass die Flutung der Maschinen keinen weiteren Schaden hervorgerufen hat. Trotz aller Zuneigung, akribischer Feineinstellung und Gebeten zu allen Patronen der Reisenden, will Annes Ural nicht anspringen. Hilfe von Außen? Fehlanzeige, denn seit Tomtor traf die Gruppe mit wenigen Ausnahmen auf keine Menschenseele. Im Schlamm der „Straße“ finden sich keine Spuren irgendwelcher Fahrzeuge, nur die stete Bedrohung der Bärentatzen, die wie ein mahnender Zeigefinger unaufhörlich die Gefahr predigen. Und auch, wenn das Brummen und Knattern der Motoren die Tiere wohl fern hält, schläft es sich schlecht hier draußen.
Und noch etwas macht die Nächte zu einem Erlebnis der dritten Art, wie Elisabeth sagt: „Die Nächte sind still, kein Wind, keine Geräusche begleiten unseren Schlaf. Es ist gruselig, wenn man bedenkt, dass hier tausende Gulag-Häftlinge beim Erbauen der Straße starben. Wir schlafen auf einem riesigen Friedhof.“


Grenzerfahrungen

Der Fehler ist gefunden, Annes Ural spielt wieder mit und so kann es am nächsten Tag weitergehen. Die „Straße“ wird mehr und mehr zu einem Pfad durch Widrigkeiten. Was gestern noch Pfützen waren, sind heute schon kleine Teiche, auf denen sogar Seerosen wachsen. Johannes macht sich auf, in Anglerstiefeln die Tiefe zu testen und sinkt tief ein. Zu tief, um die Entscheidung treffen zu können, hier durch zu fahren. Es gibt nur die Option des Umfahrens, wennschon auch das einem abenteuerlichen Slalom-Wettstreites gegen die sibirische Natur gleicht. Ein Teich benachbart den anderen, Sumpf, Schlamm, Dreck und weit und breit kein Kamaz, kein Ural-LKW, nicht einmal ein W50, der in der tief stehenden Sonne der Hoffnung sicher auch einen langen Schatten werfen würde. Kettensäge und Seilsystem werden zu den wichtigsten Werkzeugen und die Zeit ist gnadenlos in ihrem rhythmischen Voranschreiten. Während mir Elisabeth von den Anstrengungen und den Emotionen erzählt, die sie -noch nicht einmal die Hälfte der Strecke geschafft- schon hier zu erleiden hatten, frage ich mich, ob ich schon einmal erwähnt habe, dass ich froh bin, mich nicht als „fünfter Mann“ …

„Ich glaube, jemand der das noch nicht erlebt hat, weiß nicht, von welchen Entbehrungen ich hier spreche!“ sagt sie, meint damit den Zustand der „Straßen“ beziehungsweise die Bodenverhältnisse und ich kann mir nur annähernd vorstellen, was genau sie meint. Wir hier, die wir dieses Unternehmen nur von außen betrachten, fiebern vielleicht mit, freuen uns über jeden vollbrachten Streckenabschnitt, leiden vielleicht sogar gewissermaßen mit, aber vorstellen kann sich das tatsächlich nur ein Mensch, der diese Gegend nicht nur aus dem TV kennt. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass der Satz „Wir haben hier förmlich einen Hass auf Sümpfe entwickelt!“ keine Übertreibung ist.

Und nun fängt es auch noch an zu regnen. Alles, was noch nicht feucht geworden ist, wird nun nass, oder wie meine Gesprächspartnerin sagt: „...vom Wasser durchtränkt. Unter unseren Schlafsäcken hatte sich eine riesige Pfütze gebildet. Unsere Schuhe waren ohnehin schon seit Tagen nass.“ Nicht einmal der Versuch, sie mittels Papier auszustopfen und am abendlichen Feuer zu trocknen gelingt.
Und dieser Regen hält an. Eine Situation, die schnell sehr gefährlich werden kann.

Und schon wartet der nächste Fluss auf die sechs „Abenteurer“. Größer noch als der letzte. Pedro, der kolumbianische Gast des Projektes erklärt sich bereit, in die eiskalten Fluten zu gehen, um die Seile ans andere Ufer zu bringen. Ein nicht ungefährliches Unterfangen, denn die Strömung ist stark. Der erste Versuch des „Übersetztens“ scheitert bereits mit der ersten Maschine und die Gruppe beschließt, im Schlaf Kräfte zu sammeln.

Am nächsten Tag -Tag acht der Road of Bones Befahrung- geht das Wasser zurück. Eine günstige Gelegenheit, die das Schicksal hier bereit stellt und doch braucht es Stunden, die Ural-Maschinen durch den Fluss zu ziehen und das Gepäck, das ja allein schon etliche Kilos wiegt, via Seilsystem zur anderen Seite des Flusses zu transportieren. Die eingestürzte Brücke hier ist dabei ein trauriger Anblick und Zeugnis längst vergangener Zeiten. Die Ironie zwingt sich mir auf: Es wäre aber auch viel zu einfach, schlicht über eine Brücke zu zuckeln. Was hätte man schon zu erzählen?

Die Verzweiflung ob des Kräfte zehrenden Aktes, der sich ganz bestimmt noch einige Male wiederholen wird, zwingt zur Überlegung, die Motorräder zurück zu lassen und den Rest der Strecke zu Fuß zu gehen. Die Vorräte neigen sich ihrem Ende, der Sprit wird knapp und das letzte Essen wird trotz Rationierung und dem gestrigen Verzicht auf feste Nahrung hier aufgebraucht. Eine Überlegung also, die nicht unlogisch ist, denn die Maschinen halten auf, wo fahren kaum mehr möglich ist, wo Flussüberquerungen unendlich viel Zeit kosten.
Die Nacht kommt, das Lager wird aufgeschlagen, ein letztes Mal wirklich gegessen, das Feuer trocknet die Klamotten mäßig und der Schlaf ist wenig erholsam, eher unruhig.

Im Aufstehen fällt dann die Entscheidung, drei Motorräder zurück zu lassen, alles Nötige auf den zwei besten Urals zu verstauen und mit diesen weiter zu fahren. Die Angst als ständiger Begleiter, auf einen noch größeren Fluss zu treffen, auf einen Strom, der wirklich und endgültig nicht überquerbar ist.

Neun Tage sind vergangen seit das leavinghomefunktion Projekt Tomtor und also die letzte Zivilisation verlassen haben. Neun beschwerliche Tage, die den Jungs und Mädels alles, aber wirklich alles abverlangt haben. Neun Tage, die Angst und Respekt vor der Wildnis hießen, die Wut und Hass auf Sümpfe, Verzweiflung und Kraft hießen, die zur Neige geht, die Hunger hießen und Entbehrung und es liegen noch etliche Kilometer vor ihnen. Da ist der Anblick von Häusern in der Ferne zumindest ein Hauch von Erleichterung, auch, wenn es sich schnell herausstellt, dass diese Häuser nichts anderes sind, als Teile der Geisterstadt Kadykchan. Fünf Kilometer vor diesem Ziel dann der nächste, riesige Fluss. Wieder eine Brücke, die mal eine war, die in Trümmern liegt, deren Stümpfe diesseits und jenseits des Stromes wie ironisch grinsende Mahnmale in den grauen Himmel ragen und wie Schicksalsstimmen ein Lied von Verzweiflung singen.

Die Gruppe entscheidet, nun auch die letzten beiden Maschinen zurückzulassen und mit Kanistern loszulaufen. Auf der anderen Seite des Flusses steht ein Mann. Ich glaube, ich hätte in dieser Situation an Engel geglaubt, was unter anderem die Tatsache bestärkt hätte, dass dieser Mann den sechs jungen, völlig durchnässten und am Ende ihrer Kräfte scheinenden Menschen ein Brot schenkte. „Es dauerte wirklich nur Sekunden, bis wir den Laib komplett gegessen hatten.“ sagt Elisabeth, die einmal mehr von der Freundlichkeit der Menschen hier in Sibirien schwärmt.

Weitere fünf Kilometer später stoppt das Team einen Linienbus, der sie nach Myaundzha bringt, einer kleinen Stadt mit rund 1700 Einwohnern in der russischen Verwaltungsregion Oblast Magadan. Hier gibt es etwas, das wie ein Segen sein muss, nach neun Tagen Strapazen und Hunger. Ein Supermarkt. Ein „Festmal“ sagt Elisabeth, das sie direkt vor dem Markt zelebrierten.

Nach einer Nacht in richtigen Betten in der örtlichen Arbeiterherberge erfahren die wieder zu Kräften Gekommenen erneut die russische Gastfreundschaft. Nicht nur, dass alle Sechs kostenlos in dieser Herberge übernachten durften, die Menschen hier schenken den Fahrenden insgesamt 90 Liter Benzin, weil die nächste Tankstelle etwa 100 Kilometer entfernt ist. Außerdem erklären sich einige bereit, den Jungs und Mädels zu helfen, die Motorräder über den Fluss zu bringen.

Die Sechs machen sich auf den Weg zurück zu ihren Urals, holen die anderen drei Motorräder, verbringen noch eine Nacht am Ufer des letzten Flusses und beginnen am nächsten Tag mit dem Übersetzen der Maschinen. Just als Johannes Gefährt an der anderen Seite ankommt, kommt ein großer Ural-Truck am Ort des Geschehens an. Alexej und Tolik, aus Myaundzha haben also Wort gehalten und mit vereinten Kräften geht es etwas einfacher, die anderen Vehikel übers Wasser zu bekommen.

Das Schlimmste scheint überstanden, ein Abschied steht bevor

Die letzte Nacht am Fluss geht dahin, Kontakt mit Bären gab es glücklicher Weise nur in Form von Spuren im Schlamm und nun wartet die Geisterstadt Kadykchan darauf, besichtigt zu werden. Etwas weiter entfernt liegt dann der kleine Ort Myaundzha, wo nun wichtige Schweißarbeiten an den Urals vorgenommen werden können, wo Elisabeth den Kamaz eines Einheimischen fahren darf, bevor dann am Abend ganz traditionell in einer Banja sauniert wird. Nach einem Streckenabschnitt der nicht nur Nässe bedeutete, sondern vor allem auch Kälte, sind die Temperaturen dieses traditionellen russischen Dampfbades, die zuweilen die 100 Grad überschreiten, ganz sicher ein Genuss gewesen.

In den folgenden Tagen geht es dann vorbei an Susuman nach Yagadnoe, wo die Abenteurer bei Fjodr, einem dort lebenden Einheimischen ein festliches Mal vorgesetzt und einen Platz zum Schlafen bekommen. Einmal mehr erfahren sie hier Unterstützung durch einen Bikerclub. Dieser hier heißt „Polareulen“ und Fjodr gehört ihm an.

Am nächsten Tag besuchen die leavinghomefunktion Leute ein privates Gulagmuseum, Johannes Maschine bekommt einen neuen Beiwagen, die Bremsen der Urals werden gereinigt und zum Abend gibt es Speck und Kartoffeln.

Eine weitere sibirische Nacht vergeht, Kaupos Motor (bzw. der seiner Ural) wird überholt, endlich können auch wichtige, liegen gebliebene Arbeiten verrichtet werden, die der Internetzugang hier ermöglicht.

Und so sind wir bei Tag 16 nach dem Start auf die Road of Bones. Ein Tag mit Wehmut, denn Pedro, der nun einige Wochen treuer Begleiter der leavinghomefunktion war, verlässt die Gruppe in Richtung Magadan, jenen Ort, an dem auch der Rest bald ankommen wird.


Für unsere Freunde soll es mit den Motorrädern weitergehen. Nicht jedoch, ohne weiter vom Pech begleitet zu sein. Kaupos Reifen ist platt, bei Anne versagen die Lampenhalterungen und die Zylinderkopfdichtung. Oleg, der Besitzer eines Kamaz, schleppt die defekte Maschine ab, es geht straight Richtung Magadan, den letzten Punkt in Sibirien, den Punkt, an dem diese lange, sehr lange zweite Etappe enden wird.

Die letzten 370 Kilometer geht es durch leere Städte durch eine Landschaft, die Elisabeth mit „Goldgräberlandschaften“ vergleicht. Endlich wieder Strecke machen. Endlich wieder fahren, den Wind spüren ohne nervige Stops, Flussüberquerungen und Pannen. Schon zwei Tage später, nach der letzten Nacht in der Wildnis, kommen Anne, Kaupo, Johannes, Elisabeth und Efy in der russischen Hafenstadt an, die mit fast 100.000 Einwohnern wohl zu einer der größten Städte dieser Region gehört. Das erst 1929 gegründete Magadan liegt an zwei Buchten des Ochotskischen Meeres und war bis zum Ende der Sowjetunion Sperrgebiet.

Ziel erreicht. Aufatmen und Erleichterung nicht nur bei den (nun wieder) fünf jungen Leuten. Auch die Eltern, Geschwister, all die mitfiebernden Verwandten und Freunde dürften inzwischen wieder wesentlich ruhiger sein. Das Schlimmste ist überstanden. Oder doch nicht?

Nun heißt es erst einmal reinigen und verschiffen der Motorräder. Der örtliche Biker-Club, vor allem Alexsei sind hier wertvolle und tatkräftige Helfer. Zunächst werden die Ural-Maschinen nach Vladivostok verschifft, bevor sie auf die weitere Reise nach Kanada gehen.

Und Vladivostok ist auch Ziel des menschlichen Parts des leavinghomefunktion – Projektes. Von hier aus geht es zuerst nach Seoul, eine der größten Metropolen der Welt und einige Tage später ins Winterlager nach Vancouver in Kanada.

Und an dieser Stelle enden auch wir. Das Jahr war ein erfolgreiches, ein abenteurliches, ein zuweilen aufreibendes, aber auch atemberaubendes Jahr. Nun heißt es für die Fünf arbeiten, die Projektkasse füllen und die dritte Etappe planen. Was genau Anne, Efy, Johannes, Elisabeth und Kaupo in Vancouver machen, Elisabeths Gedanken zu dem "Kulturschock", aus der Wildnis in die reizüberflutete Zivilisation zu kommen und vage Zukunftspläne erfahren wir zwischen den Feiertagen.
Euch allen, die Ihr treue Leser und Leserinnen seid, die Ihr mitfiebert und nachfragt, die Ihr mir hin und wieder schreibt will ich an dieser Stelle DANKE sagen. Danke für Eure Aufmerksamkeit! Danke für Eure Treue! Danke für Euer Interesse!
Ich wünsche Euch allen besinnliche, friedliche und warme Feiertage, einen guten Jahreswechsel und ein gesundes, erfolgreiches Jahr 2016.
M.Kruppe

Alle Bilder wie immer mit freundlicher Genehmigung des leavinghomefunktion - Projektes
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2 Kommentare
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Manfred W. aus Nebra (Unstrut) | 31.12.2015 | 07:28   Melden
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M. Kruppe aus Halle (Saale) | 01.01.2016 | 17:44   Melden
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