Mit der Ural nach New York - Ein verzögerter Start ist besser als gar keiner

     

Wie gern hätte ich euch an dieser Stelle mit einem Bericht über die ersten Kilometer der zweiten Etappe erfreut, euch mitgenommen, wenigsten bis hinter die russische Grenze. Stattdessen geht es mir fast wie den leavinghomefunktion – Leuten Anne, Elisabeth, Johannes, Kaupo und Efy, denn auch ich fiebere, vielleicht nicht mit derselben Vehemenz wie das Quintett, dem Start entgegen, der sich ausschließlich eines Papiers wegen verzögert. Aber fangen wir erst einmal da an, wo im Grunde jeder normale Bericht beginnt: Vorn...

Dienstag der siebente April. Die Dämmerung legt sich allmählich auf einen herrlichen Sonnentag und heißt denselben Abschied in den Abend nehmen. Ich sitze an meinem Schreibtisch und warte darauf, das mein Telefon klingelt, schließlich soll gleich eine Leitung nach Georgien stehen. Ich bin zum Telefoninterview mit unseren fünf „Verrückten“ verabredet.
Die Zeit vergeht, ich drehe mir ein paar Zigaretten vor, denn während des Gespräches drehen ist schlecht, wenn der Stift schnell übers Papier rennen soll. Das tut er für gewöhnlich, wenn ich eines dieser Gespräche führe, denn klar, es gibt viel zu berichten, auch, wenn die Etappe noch gar nicht recht gestartet ist, wie ich gleich erfahren soll.

Und kaum, dass ich zwei fixe Exemplare zusammengeschustert und mir eine davon in aufgeregter Ungeduld angezündet habe, singt die schwedische Band Katzenjammer los. Mein Klingelton, die bekannte Nummer.
Elisabeth ist dran und erkundigt sich anständig nach meinem werten Befinden. Ich höre die Anderen im Hintergrund, die Stimmung ist gelöst, gar ein wenig euphorisch, würde beinahe behaupten wollen. Natürlich schicke ich ihre Frage mit einem einfachen „Alles ok.“ ins Vergessen, denn viel wichtiger ist doch, wie es den Damen und Herren des fahrenden Volkes vom Stamme der Ural geht.
„Alles gut soweit.“ sagt Elisabeth und ich höre ein Lächeln in ihrer Stimme. Also doch eher nicht gut?
„Wo seid ihr gerade?“ frage ich, noch immer im festen Glauben, die vier Motoren der alten russischen Gefährte knattern schon seit einigen Tagen. Weit gefehlt.
”In Tserovani“ antwortet Elisabeth und schickt hinterher „in dem Rohbau eines hiesigen Freundes!“ Gelächter.
„Wie jetzt?“ frage ich „Ihr solltet doch längst unterwegs sein?“
Ja, lacht Elle, und erzählt, dass das schicke Häuschen auf dem Nordhang der kleinen georgischen Stadt bereits gekündigt und ausgeräumt ist. Die Sachen sind verstaut, die Maschinen stehen bereit, Kaupo, der „Neue“ hat seine Führerscheinprüfung vor einer Woche mit Bravour bestanden, eine Sache allerdings fehlt da noch: Die Papiere des Esten, der bis vor Kurzem noch in Dänemark an einem Symposium für junge Künstler teilnahm. „Artist in Residence“ nennt sich ein Programm, dass es Künstlern ermöglicht, auch außerhalb ihres Kulturkreises in ihrem Schaffen wirksam werden zu können und über dies mit anderen Kunstschaffenden in Kontakt zu treten.
Und so verbrachte „der Neue“ einige Zeit eben in Dänemark, um dort einige Skulpturen aus Keramik und Porzellan zu schaffen, bzw. mit anderen jungen Künstlern, die ihr Studium gerade frisch abgeschlossen haben, auszutauschen und zu vernetzen. Bis eben ein gewisser Johannes Fötsch anrief, um ihm mitzuteilen, dass er baldmöglichst alle Zelte abzubrechen hat, wenn er DAS Abenteuer seines Lebens nicht verpassen will.

Wir sitzen wie auf Kohlen, wir wollen endlich los!

Ich erwähnte im letzten Bericht bereits, dass Lisa und Sven sich entschieden haben, die Gruppe zu verlassen und nachdem einige Freunde und Bekannte der leavinghomefunktion – Leute gefragt wurden, ob sie nicht den Mut und die Zeit haben, sich dem Projekt anzuschließen, Kaupo letztendlich zusagte.
Der seit kurzem dreißigjährige und frisch gebackene Uralfahrer stammt aus Estland und absolvierte in den Jahren 2008 und 2009 ein Auslandssemester an der Burg Giebichenstein in Halle, wo er Johannes kennenlernte. Der wiederum verbrachte seinerseits zwei Jahre später ein Auslandssemester in Estland und vertiefte die Bekanntschaft zu Kaupo Holmberg und so wurden beide Freunde.
Die Fünf sind noch nicht unterwegs, weil sie auf den Zweitpass des Esten warten, der wahrscheinlich in irgendeiner verunfallten Postkutsche zwischen Estland und Georgien ein unentdecktes Dasein fristet. Das zumindest könnte ein Grund dafür sein, dass das Dokument nach zwei Wochen noch immer nicht an seinem Bestimmungsort angelangt ist.

„Es ist schrecklich“ sagt Anne „Wir sitzen wie auf Kohlen. Wir wollen endlich los und terrorisieren schon seit geraumer Zeit das hiesige Post Office, aber die können ja am Ende auch nichts machen. Also werden wir morgen nochmal nach Tiflis fahren, um einen neues Visa für Kaupo zu beantragen.“
Ich kann mir vorstellen, wie hippelig die Fünf sind. Das neue Motorrad ist da, ein Beiwagen dazu ebenfalls (wir erinnern uns: Das Verschiffen der in Deutschland mit Hilfe des Verlegers Tom van Endert gekauften Ural war mit Beiwagen viel zu teuer, weswegen auf diesen verzichtet wurde), die Truppe hat das Winterdomizil gekündigt und sitzt auf gepackten Taschen, um endlich aufzubrechen, was jedoch von einem fehlenden „Wisch“ verhindert wird. Manchmal ist es eben einfach zum Mäuse melken.
Allerdings hat die Sache auch ihr Gutes, wie ich erfahre, denn spätestens an der russischen Grenze hätte es eine längere, Pannen bedingte Zwangspause gegeben, da das Getriebe von Annes Maschine den funktionalen Dienst verweigert. „Die Schaltgabel ist abgebrochen.“ erzählt sie und erwähnt dabei weitere technische Details und die Tatsache, dass ein quasi neues Getriebe abholbereit in der georgischen Hauptstadt liegt. Glück im Unglück also, obschon Ersatzteile für Uralmotorräder in Russland zu finden ja keine so schwere Angelegenheit ist. Dennoch, so ist ein wohlgemutes Aufbrechen in Bälde beinahe garantiert, wie auch Johannes in Hinblick auf das neue Gespann optimistisch sagt: „Mit etwas Hingabe wird das ein solides Stück.“

Das ZDF zu Besuch

Und so sitzen die Fünf nun also auf den glühenden Kohlen eines wärmenden Feuers, mitten im einem Rohbau eines Bekannten aus Tserovani und warten und haben Zeit, die liegengebliebenen Wichtigkeiten zu erledigen. Liegen geblieben, weil in den letzten Wochen natürlich viel zu tun war.
Da galt es ja zum Beispiel, den Beiwagen im Osten Georgiens abzuholen. Ein großes Glück war laut Elisabeth, dass Verleger Tom van Endert und Schrauber Marc van Endert erneut nach Georgien reisten, um die letzten Reparaturen und Instandsetzungen zu begleiten. Beide fuhren zusammen mit Kaupo, Efy und Elisabeth in den weiten Osten, das wichtige Beiwerk entgegenzunehmen und zur „Hochzeit“ mit der Maschine zu transportieren. Eingepfercht in den kleinen Mitsubishi – Jeep (den ebenfalls jener Bekannte der auch den Rohbaus als Domizil zur Verfügung stellt, freigiebig verlieh) von „der gefühlten Größe eines Smarts“ wie Johannes witzelt, fuhren die Fünf drei Stunden hin – und mit dem Beiwagen auf dem Dach des „Autos“ drei Stunden zurück.
Während dessen machten sich Anne und Johannes auf den Weg in den Westen des Landes, um am Hafen die „Braut“ abzuholen, was sich streckenweise als nicht so einfach erwies. Nicht nur, dass es keinen Mietbus weit und breit gab und man auf die Notlösung „Bus mit Fahrer“ zurückgreifen musste, der seinerseits weder englisch noch russisch sprach und somit eine Kommunikation, die ja in einem solchen Falle nicht unwichtig ist, ausschließlich pantomimisch stattfinden konnte, dieser war auch noch Schrotthändler und das gemietete Gefährt wohl eins der Verkaufsobjekte seiner Branche. So mussten unsere Beiden „Abenteurer“ immer dann aussteigen und die Karre anschieben, wenn sie irgendwo zu stehen kam. Ob an einer Tankstelle, an einem Imbiss, bei einem Passanten um nach dem Weg zu fragen, vierhundert Kilometer hin – Anschieben, vierhundert Kilometer zurück - richtig: Anschieben!
Am Hafen selbst ging auch nicht gleich alles glatt und so verbrachte das Trio geschlagene drei Stunden, bis endlich alle Papiere richtig ausgefüllt und alles Wichtigkeiten ordnungsgemäß abgewickelt waren.
Ein weiteres Highlight für die fahrenden Fünf war der Besuch einer ZDF – Redakteurin, die für einen TV-Bericht über das leavinghomefunktion – Projekt vor Ort war. Und diese bekam gleich bei ihrer Ankunft die volle Härte der Adventure-Realität zu spüren, denn nach ihrer Ankunft am Flughafen, versagte die Zylinderkopfdichtung von „Irbit Untyp“ (Elles Ural) und zwang alle Beteiligten zum Stopp und zur Reparatur-Pause.
Jetzt fragt ihr euch sicherlich, ob und wann es denn diesen Bericht zu sehen gibt. Ob, ist keine Frage, wann, schon eher, aber die fünf sagten am Telefon, dass es wohl voraussichtlich am 15. April die entsprechende Dokumentation zu sehen geben wird. Und weil es eine ZDF – Redakteurin war, liegt auch auf der Hand, auf welchem Sender wir uns das alle ansehen werden. Und seid euch gewiss: ich bin ebenso gespannt wie ihr, denn zum Inhalt erfuhr ich kein Wort.
Abschließend will ich einen weiteren wesentlichen Aspekt nicht vergessen. Ich werde ab und an gefragt: „Wie finanzieren die Leute das überhaupt?“
Wir wissen: zum Einen über die großartige Möglichkeit des Crowdfundings.
Wir wissen auch: Die Fünf sind Künstler. Und das Gute am Leben eines Künstler ist, er/sie ist weitestgehend unabhängig. Ein Künstler braucht eine Idee, die Freiheit, diese Idee umzusetzen, die dazu benötigten Mittel und eine Möglichkeit zur Präsentation der jeweiligen Kunst. 

Und letztere gibt es in Bälde in Halle/Saale. In der Franckeschen Stiftung wird es vom 24. April bis zum 16. August 2015 eine Sonderausstellung mit dem Titel „Assoziationsraum Wunderkammer“ geben, im Rahmen derer die Damen und Herren vom leavinghomefunktion – Projekt während der gesamten Zeit mehr oder weniger interaktiv sich, das Projekt und dessen Inhalte präsentieren. In den 111 Tagen der Ausstellung gibt es jeden Tag einen neuen, in eine Karte mit Längen und Breitengraden eingearbeiteten künstlerischen als auch unterhalterischen Lagebericht. Wir dürfen also auch was die künstlerische Arbeit der Fünf angeht, weiterhin gespannt sein.
http://www.francke-halle.de/assoziationsraum-wunde...

Bis dahin, beziehungsweise bis zum tatsächlichen Start bleibt im Grunde nur eins: warten, die Ämter nicht in Ruhe lassen, das ein oder andere Fußballspiel der leavinhomefunktion – Jungs gegen die Tserovaniier Kinder und Jugendlichen, frieren im Rohbau und zu allen Göttern beten, dass es endlich losgehen kann.



(Alle Bilder von Tom van Endert


Lesen Sie mit:


Teil 9: Schießwütige Georgier, Hangranaten und Hünen mit Äxten
Teil 8: Angekommen im Land des Winterlagers
Teil 7: Frieren ist relativ
Teil 6: Durchgeknallte Lkw-Fahrer und eine Nacht im Maisfeld
Teil 5: Eine schmerzhafte Wurzelbehandlung und Ankunft in Serbien.
Teil 4: Station im Paradies und Ärger mit dem Motor
Teil 3: Probleme mit den Maschinen und eine Irrfahrt durch Passau
Teil 2: Die erste Etappe
Teil 1: Die fünf Köpfe unter den Helmen
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Weiterveröffentlichungen:

Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.Mittdeldeutsche Zeitung | Erschienen am 15.04.2015
Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.Mitteldeutsche Zeitung | Erschienen am 29.05.2015
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