Mit der Ural nach New York - Eine entscheidende Stunde – oder: Die Geschichte vom nicht abreißenden Pech

       

Wie versprochen war das Warten diesmal nicht so lang, die Zeit zwischen dem letzten, und dem jetzigen Bericht recht kurz…

So würde ich gern beginnen. Geht aber nicht, denn ich weiß nicht, wann meine Mail mit diesem aktuellen Text die leavinghomefunktion – Leute erreichen wird, bzw. wann sie in der Lage sind, mir die korrigierte und freigegebene Version zuzusenden. Das hat im Grunde nur einen einzigen Grund, nämlich die Tatsache, dass die Jungs und Mädels in diesem Moment bereits durch die Weiten der Mongolei fahren und daher nur bedingt das „Fenster zur Welt“ zu öffnen imstande sind.

Es liegt auf der Hand, dass meine Berichte natürlich zeitlich versetzt online gehen und die Eigentlichkeit einen doch recht weiten Vorlauf hat. Dennoch, das soll an dieser Stelle einmal betont sein, sind wir natürlich alle, das Quintett vom leavinghomefunktion – Projekt und ich, bestrebt, so zeitnah wie nur irgendmöglich zu „liefern“ dass Du, lieber Leser, nicht allzu lange warten musst, dass wir eine Nachvollziehbarkeit zu wahren versuchen und nicht so viel Distanz zwischen den Texten entsteht, dass du immer erst einmal den letzten Bericht lesen musst, um wieder „reinzukommen“. Leider ist das aus oben genannten Gründen nicht immer machbar und wird jetzt, da die Zivilisation immer und immer rarer wird, die folgenden Strecken immer dünner besiedelt sind, erst recht zu einem Problem. Aber bleiben wir zuversichtlich und gehen einfach im Sinne des Mottos „Positiv denken“ davon aus, dass wir wie bisher berichten können.

Und nun nicht länger auf die Folter gespannt. Wir erinnern uns: Die Fünf konnten, nach einigen Tagen plagender Bastelei endlich los. Die Zeit krallte sich bereits in den Nacken des Projekts und riss schon gierig ihr Maul auf, das ganze Vorhaben zu verschlingen. Gefährlich nah am terminologischen Exodus hieß es, sich sputen, den Kaupos Visa läuft bald aus und das Land muss verlassen werden, um weiterem Ärger aus dem Weg zu gehen.

Fünfzehn Polizeikontrollen passiert die Crew auf dem Weg ins Unwegsame, was allein schon eine nächste Herausforderung ist. Eine Herausforderung, die eventuell zu meistern ist, wäre da nicht noch das Problem des fehlenden Navigationssystems, das ja von einem LKW in den Navigationsgerätehimmel geschickt wurde. Nicht, dass die Fünf unfähig sind, Karten zu lesen, oder dass es gar an solchen mangelt, aber was auf eben einer solchen Karte wie ein kleines Stückchen Labyrinth aussieht, entpuppt sich bei realer Betrachtung, sprich: beim Befahren als sandiger Irrweg. „Manchmal sind wir siebzig, achtzig Kilometer ohne Plan gefahren. Doch war am Ende meist alles gut.“ sagt Johannes am Telefon. Auf der Website des Projektes ist zu lesen: „Zügig bahnen wir unseren Weg durch die Dünen – hier kommen uns tatsächlich LKWs entgegen – es ist nicht zu fassen, der Feldweg ist eine Autobahn.“

Störrische Esel, Hundewelpen und eine Impfung die keine ist


Alles gut, sagte ich eben. Es könnte so schön sein, doch die Pechsträhne will und will nicht abreißen.

„Lisa Lindenhorn“ hat ihren Freischwimmer im Schlammbad noch nicht und wird ihn, zumindest diesmal, auch noch nicht bekommen. „Lisa Lindenhorn“ – Kaupos Motorrad – hat eher Lust auf eine Pause und die macht sie, gleich einem sturen Esel, der, wenn er nicht will, auch nicht weiterläuft, inmitten einer riesigen, schlammigen Pfütze. Es geht weder vor, noch rückwärts und der Tross muss ein weiteres Mal halten, diesmal nicht, um Werkzeug aus den Taschen zu holen, sondern die Seilwinde zum Einsatz zu bringen, die in weiser Voraussicht noch in Deutschland gekauft wurde. Ein verhältnismäßig kleines Problem, denn flink ist der Karren aus dem Dreck gezogen, getadelt und es wird wieder aufgesessen. “Das war irgendwie schon ein Erlebnis. Zum ersten Mal wurde mir hier so richtig bewusst, dass hier alles anders läuft.“ sagt Johannes und Elle fügt lachend hinzu: „Das ist auf jeden Fall eine gute Vorbereitung auf Sibirien!“

Dass die Fünf ein großes Herz haben, weiß ich persönlich auf jeden Fall. Und auch, wenn ich Kaupo selbst nicht kenne, liegt es doch auf der Hand, dass es so sein muss, er würde ansonsten gar nicht zum Rest der Gruppe passen. Ich erzähle das nicht, weil ich an dieser Stelle nichts besseres zu sagen habe und irgendwie die Seiten mit Text füllen muss, sondern weil ich beim Lesen der Kurzberichte auf der Website des leavinghomefunktion – Projektes auf eine kurze Anekdote stoße, die wir am Telefon gar nicht beleuchtet haben. Ich aber bin der Meinung, dass dies erwähnt sein muss:

Kaupos Ural aus dem Schlamm befreit, geht’s weiter, die Karawane zieht genießend durch die Steppe, bis Johannes erschrocken feststellt, dass seine Kamera nicht mehr auf der Halterung klemmt. Ein Verlust, der schmerzt, wenn man schon wenig dabei hat. Also kehrt Marsch, auf die Suche nach „Knipsi“ wie sie den Apparat verniedlichend nennen (In Sachen Namensgebung sind die Fünf offenbar nie verlegen) und hinein in die Fügung. Statt nämlich das Gerät der Bannung zu finden, müssen sie zusehen, wie vor ihren Augen ein Hundewelpe ausgesetzt wird, der nun mutterseelenallein durch das sandige Labyrinth schlawenzelt. Die Kamera selbst finden sie nicht mehr, denn klar, tausend Wege, die alle gleich aussehen, da wüsste auch ich drei Stunden später nicht mehr, wo ich hergekommen bin.

Großherzig nehmen sie sich des ausgesetzten Hundes an, versuchen, ihn einem Schäfer, den sie unterwegs treffen, zu vermitteln, der jedoch bereits genug Hunde hat, sich des Welpen nicht annehmen kann. Und so geht’s weiter zu sechst, bis ins nächste Dorf, wo sie „Hündin Klaus“ „ihrseinem“ Schicksal überlassen müssen. Freilich wäre ein Hundewelpe unterwegs auf großer Fahrt eine lustige Sache, fürs Tier selbst und die Tour an sich jedoch, wäre das zu viel der Güte. Im Dorf, so schrieben sie, seien seine Überlebenschancen unter den anderen Straßenhunden auf jeden Fall höher. Tierheime? Fehlanzeige.

Und weiter gehts. Man hat offenbar einen „Run“, was hier eine pannenfreie Zeit bedeuten soll, was ausgenutzt werden will und muss. Das Visum von Kaupo ist bald abgelaufen, die Zeit beißt sich immer fester in den Nacken des Projektes.

Zwanzig Kilometer vor der russischen 520 000 Einwohner – Stadt Astrachan schlagen die Abenteurer ihr Lager auf. Die Nacht wird kurz, denn es steht noch ein wichtiger Punkt vor dem Grenzübertritt an. Eine Klinik muss gefunden, wo Efy sich gegen FSME impfen lassen kann, „denn,“ so erzählt Elle, „es gibt hier unglaublich viele Zecken, diese Impfung ist enorm wichtig.“

Einmal mehr kann man hier eine Ode an das Internet singen, denn theoretisch ist diese Klinik schnell gefunden. Theoretisch!

Also wird nach kurzer Ruhe zum Aufbruch geblasen, instinktiv richtig, denn kaum erreicht der Tross die große Stadt, heißt es Stop and Go in einem riesigen Verkehrsknäuel. In Summe mit der herrschenden Wärme ist dies etwas, das die alten Ural-Maschinen nur schwer verkraften.

Um die Wolga herum, die Astrachan durchschneidet, sieht es eher aus, wie in einem riesigen Industriegebiet, es herrscht Chaos, nicht nur durch den Verkehr, sondern auch die Tatsache des fehlenden Navis macht dem Quintett zu schaffen. Wie soll man in einer Metropole wie dieser, ohne Navi das besagte Krankenheus finden, wenn auch noch die Zeit nicht nur des ablaufenden Visas kneift, die Impfung selbst nämlich nur zwischen 11.00 und 12.00 Uhr „abgeholt“ werden kann. Und klar ist, als Tourist spazierst du nicht quitschvergnügt und mir nichts dir nichts in irgendeine Praxis, legst deine Krankenkarte auf den Tresen und wartest dann drei Minuten, bis dir der Herr Doktor die Spritze in die Armbeuge rammt. Mit diesem Arzt muss gesprochen werden, Dokumente müssen ausgefüllt werden und wer weiß, welche bürokratischen Hindernisse noch im Wege der Planerfüllung liegen.

Halb zwölf. Die Stimmung ist gereizt, die Uhr gegen die Impfung, die Maschinen brauchen dringend Erholung und so entscheidet die Gruppe, unverrichteter Dinge ihren Ausgang in Richtung Grenze zu suchen. Manchmal muss man auf solch einer Reise Entscheidungen treffen, die dem Einzelnen nicht schmecken. Diesmal trifft es Efy, die sichtlich enttäuscht ist.

Tucholsky hätte applaudiert


Bevor jedoch Astrachan hinter den Fünfen liegt, wird hauptsächlich Elle zur Bremse eines Schauspiels. Auf einer großen Kreuzung werden die Fünf von einer Streife gestoppt, die sichtlich gestresst und arg fordernd nach den Dokumenten fragt, dabei aber immer wieder beinahe panisch „dawai“ ruft. Elisabeth begreift erst nicht, kramt in den Tiefen ihres Gepäcks nach den Papieren und stellt mit Schrecken fest, dass der Grund für „dawai dawai!!!“ eine riesige Militärparade ist, die geradewegs auf jene Kreuzung zurollt, die sie justament blockiert, denn das Motorrad will nicht wieder anspringen. Das „Dawai“ des Polizisten erhebt sich zu einem Schrei, Elle selbst springt in den Kickstarter, die Nervosität wird unaushaltbar, die Parade kommt immer näher und… die Karre will einfach nicht anspringen. Die militärische Generalprobe für den neunten, der bekannter Maßen in Russland der große Tag der Befreiung vom Hitlerfaschismus ist und als solcher noch größer zelebriert wird, steht. Panzer, Raketen beladene Lkws, alles aufgehalten von einer deutschen und ihrem russischen Motorrad. Auch mir würden in dieser Situation die Knie schlottern, wie Elisabeth es beschreibt. Und kaum, dass der riesige, paradierende Konvoi sich einen Weg an der Mensch-Maschine-Barrikade vorbei bahnt, die letzten Fahrzeuge die Engstelle passieren, röhrt der Motor vom „Untyp“, Elle bewegt den Gasgriff und es ist, als sei nichts geschehen. Tucholsky hätte applaudiert.

Maestros die Kurbelwellenklumpen von Herzen fallen lassen und ein Endlich, das knapp war


Nun könnte es weitergehen, endlich auf zur Grenze. Die ablaufenden Minuten werden beinahe hörbar. Es KÖNNTE weitergehen. Es geht aber nicht weiter. Kaum, dass die Fünf sich wieder in den Verkehr einreihen, Johannes’ Befürchtungen, Spritmangel sei Schuld einiger Zurückbleibender sich nicht bestätigen, fängt Elisabeths Motorrad an, laut zu rasseln. Schlimme Ahnung, schlimme Fakten, gleiche Symptome wie wenige Tage zuvor bei Annes Ural. Der Kickstarter bewegt sich keinen Millimeter. Kolben fest.

Spätestens jetzt wäre ich mit einem lauten Schrei und einem Tritt gegen die Karre ausgerastet, hätte mir eine Bar gesucht und mich frustriert betrunken. Aber es bleibt bei einem wütenden Aufstampfen Annes, bei einigen Flüchen und einem resignierenden „Kein Bock mehr“ aus Johannes Mund. Gäbe es einen Orden der Vernunft, das leavinghomefunktion – Projekt hätte ihn mehr als verdient.

Sergej, den wir aus Vladikavkaz kennen, hat Kontakte nach Astrachan, das wissen die Fünf. Und während die beiden Jungs und Elle beginnen, die Maschine auseinanderzunehmen, telefoniert Anne mit jenem Sergej, der wiederum seine Freunde in der hiesigen Stadt anruft, und sie zum Pannenort lotst.

Das „Mittel Ural“ als Kommunikationsmittel, wie es von Anfang an konzeptionell gedacht war, beweist einmal mehr weise Voraussicht in Plan und Denken. Ohne die Ural-Maschinen hätten die Fünf einige Menschen wohl vielleicht nicht kennen gelernt, Menschen, die sich im Nachhinein als sehr wichtige, freundliche und stets hilfsbereite „Telefonjoker“ erweisen.

Sergejs Bekannte erreichen das Debakel und nach kurzer Besichtigung wird Elles Motorrad abgeschleppt. Dabei löst sich noch das Hinterrad der havarierten Maschine, das vergessen wurde, wieder festzuschrauben.

„Unsere quälende Fahrt endet auf einem großen Industriegelände. Hier reihen sich die Werkstätten aneinander und es dauert nicht lang und wir sind von Mechanikern umzingelt“ liest man auf der Website des Projektes.

Aber man sagt berechtigt: Viele Hände, schnelles Ende und so geht’s schneller als man „kaputt“ sagen kann, Motor raus, Getriebe ab, die losen Schrauben, die wohl Urheber des Defekts sind und einige Spuren hinterlassen haben entfernen. Die weiteren notwendigen Reparaturen gelingen in Windeseile und schneller als man sich versieht, steht das Motorrad wieder in Gänze und funktional vor der Gruppe.

Wieder wird seitens der russischen Helfer gestaunt, wieder werden Bekanntschaften gemacht, wieder wollen einige der Leute die Fünf aus der Stadt begleiten, wieder liegt eine Grenze unmittelbar vor ihnen, wieder geht etwas kaputt… aber es nur Kleinigkeiten, die schnell behoben werden können und sei es das kaputte Licht, das fürs erste durch Taschenlampen ersetzt wird.

23.00 Uhr. Die netten Herren Maestros der Bastelei haben sich verabschiedet. Nach kurzer Fahrt erreichen die Fünf den Grenzübergang in Richtung Kasachstan. Eine Stunde noch, und Kaupos Visum läuft aus. Diesen Umstand den Beamten erklärt und sie winken den Tross nach vorn.

Das letzte Wort dazu soll Elisabeth haben: „Die Grenzbeamten sind unglaublich nett – der Start für Kasachstan steht unter einem guten Stern. Kurz nach der Grenze schlagen wir unser Lager in der Steppe auf und wie durch einen Schalter angeknipst startet ein tiefer, heulender Wind, der zügig über den sandigen Boden tost. Die Geräuschkulisse trägt uns in den Schlaf – keiner von uns kann das fassen, wir sind endlich in Kasachstan.“

Lesen Sie mit:


Teil 13: Die Geduldsfäden werden dünner
Teil 12: Warum es in Russland jetzt schnell gehen muss
Teil 11: Fehlende Papiere
Teil 10: Ende der Winterpause
Teil 9: Schießwütige Georgier, Hangranaten und Hünen mit Äxten
Teil 8: Angekommen im Land des Winterlagers
Teil 7: Frieren ist relativ
Teil 6: Durchgeknallte Lkw-Fahrer und eine Nacht im Maisfeld
Teil 5: Eine schmerzhafte Wurzelbehandlung und Ankunft in Serbien.
Teil 4: Station im Paradies und Ärger mit dem Motor
Teil 3: Probleme mit den Maschinen und eine Irrfahrt durch Passau
Teil 2: Die erste Etappe
Teil 1: Die fünf Köpfe unter den Helmen
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