Mittelalterlicher Stadtrundgang

Der alte Markt, ältester Markt der Stadtgeschichte. Von hier gingen 3 Salzstraßen anfangs aus
 
Hallore erklärt einer ratsfrau die Bedeutung des Marktes fast genau vor der Stelle des ersten Rathauses im 13. Jh
 
Historisch nicht ganz korrekt. Dreieinigkeit von Pfänner, Hallore und Ratsherr am Berge vor dem Eselsbrunnen, aber Teil der Geschichte
An diesem kalten Samstagmorgen schauen die Leute nicht schlecht, als an ihnen eine Gruppe vorüberzieht, die so gar nicht in das gehetzte Alltagsbild passt. Die zwei traditionell gekleideten Halloren sind wohl schon eher gewohnt für die Schaufensterhallenser oder die, die nur einfach nach Hause wollen, aber die bunt Gewandeten, die ihnen folgen, scheinen aus einer anderen Welt zu kommen. Nun aus einer anderen Welt kommen sie nicht, aber aus einer anderen Zeit. Und in die verführen der Thalbruder Bernd Bieler und der Thalschwager Hartmut Machst die Mitglieder des Hallischen Hanse e.V., der Hanseschar und der Gruppe Quinta-X-Essentia. Mittelalter trifft auf Moderne. Mit dem Begriff Moderne hadern indes die beiden Halloren. Doch dazu später. Erst mal zu den Begriffen Talbruder und Talschwager. Das hat nichts mit verwandtschaftlich Verhältnissen zu tun, sondern mit der Verweildauer in der Salzbruderschaft. So ist der Talbruder mindestens schon 10 Jahre dabei und ordentlich auf Lebenszeit berufen, während der „zugereiste“ Talschwager sozusagen ein „Neuling“ ist und sich bewähren muss. Es sind komplizierte Mechanismen, die aber an diesem Tag nicht im Vordergrund stehen. Es ist die Geschichte, die uns in den nächsten drei Stunden in den Bann nimmt. Schon beginnen wir am Eselsbrunnen, dort wo einst das älteste Rathaus stand, dass aber schon 1302 abbrannte. Die Sage vom Müllerburschen, der mit seinem Esel auf Rosen ging, weil ein König erwartet wurde, hat mit der Wirklichkeit wenig gemein, erfahren die Gewandeten, die als Kaufleute, Pfänner, Mägde und Ratsherren durchgehen. „Der Müllerbursche auf dem Eselsbrunnen kann gar kein solcher gewesen sein kann.“, gibt Bernd Bieler zu bedenken. Die Mühlen standen außerhalb der Stadt, etwa in Glaucha und über dem Esel liegt ein leerer Sack, der zudem gar kein Mehlsack ist. Außerdem verfügt der Bursche über eine Lockenpracht, die seiner Zunft und Arbeit kaum zuträglich gewesen sein kann. Ein Salzwirker hatte schon eher das Kleingeld für solche Frisur und kam auch mit leerem Sack nach Hause, nachdem er das Salz verkaufte.
Aber der alte Markt ist auch der Grundstein für den Silberschatz der Halloren, da diese hier die oft auftretenden Brände löschten und von den dankbaren Hallensern mit Silberbechern belohnt wurden. Holzbauten und stehen gelassene Kerzen waren keine gute Kombination, aber mangels nicht erfundener Elektrizität üblich. Die nächsten Schritte lenkt die Gruppe in Richtung Moritzkirche, die „Kirche der Halloren“. Auf halben Wege sehen wir eine Figur an einem Haus in luftiger Höhe, unweit daneben eine goldenen in der Wand steckende Kugel aus dem Krieg mit Napoleon von 1813. Hier befand sich im Mittelalter ein Ausspannhof, wo Reisende rasten, also ausspannen konnten. Es war der Größte im sogenannten Tale von Halle. 550 Pferde waren hier an so manchen Tagen angebunden. Fast nicht vorstellbar. Ein paar Minuten später befinden sich die Mittelalterleute am Halloreneingang zur Moritzkirche. Halle hat eine große Salztradition und die Brüderschaft hat so manch Handelsbotschaft in die weite Welt gebracht. Doch die Händelstadt scheint ihre Ursprünge ein wenig vergessen zu haben und nimmt von den geschichtlichen Bemühungen der Vereine wenig Notiz. Davon kann auch der Hallische Hanse e.V. ein Lied singen. Die Dokumentation über „Halle – eine Hansestadt“, eine Eigenproduktion des Hansevereins, liegt oder steht verstaubt irgendwo im Stadtmarketing. So steht denn lebendige Geschichte vor der Moritzkirche und Händel londonschauend auf dem Markt, der erst viel später eine Rolle spielen sollte. Der großartige Sohn und Komponist scheint die Geschichte der Stadt allein bewältigen zu müssen, deswegen ist er wohl auch nach London „geflohen“.
Weiter geht es zum Göpelbrunnen und so manche Anekdote über Professor Göpel, dem Skandal der Mitra des Bischofs und Göpels Lösung, erheitert die Gruppe. Selbst die Lösung des Schachrätsels, den der Professor der Nachwelt hinterließ, kennt Bernd Bieler, lässt sich aber nicht erweichen, sie auch bekanntzugeben.
Viel erfuhr der Hanseverein noch über den Graseweg und seine leidvolle Geschichte und mit Verbitterung über den Zerfall historischer Stätten wie dem Gebäude am Kühlen Brunnen, in dem einst Schenitz lebte, gingen die Gruppe weiter vorbei am Dom, der gar keiner ist, sahen ein zerfallendes Haus mit einem uralten Halle Relief, „einem „einmaligen Ensemble in seiner Historie und seinem jetzigen Zustand“ wie Bernd Bieler etwas süffisant bemerkte. Hier zerfällt jahrhundertealte Geschichte, während man sich an vielen Stellen der Stadt mit Millionenaufwand einer postmodernen Architektur hingibt. 525 Jahre Geschichte, so alt wird die Brüderschaft am 14.11.2016, lassen sich nicht in 120 Minuten erklären, sagte Bernd Bieler ein wenig wehmütig am Anfang der ungewöhnlichen Stadführung. Da hatte er nicht ganz unrecht und nach 180 Minuten waren wir auf der Moritzburg, bestaunten das Talamt, den Originaleingang des alten Rathauses und der einstigen Waage. Obwohl die Gewandeten viel von der Geschichte wussten, kannten sie die Bedeutung der an die Wand gemauerten Tore bis dato nicht. Am Schluss kam es noch zu einem Foto-Shooting im Festagszimmer und Gerichtszimmer der Halloren in eben jenem Talamt. „Geschichte liegt auf der Straße von Halle“, resümierte Bernd Bieler. „Wir müssen sie bloß aufheben und es gibt in Halle genug Menschen, die sie erzählen und zeigen können.“ Eine dieser Gruppen ist zum Beispiel Quinta-X-Essentia, die seit Jahren Geschichten rund um das Salz auf dem Hansefest und dem Salzfest vor den Fenstern des Stadtmarketings zeigt.
Es mag ja sein, dass Händel nach London schaut, wie es der Künstler wollte, aber mir scheint, der richtige Händel hätte vom Berge ins Tal geschaut und gesagt: „Jungs eure Geschichte ist vielfältiger, als ich es bin“ Ich bin mir der Blasphemie dieser Worte wohl bewusst, aber Halle täte gut daran seine Potenziale und Superlative besser zu nutzen oder es wird immer wieder genas weist, wie einst von Till Eulenspiegel, denn die Sache fand in Halle statt, wie Bernd Bieler versicherte.
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3 Kommentare
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Christa Beau aus Halle (Saale) | 23.04.2016 | 20:27   Melden
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Brunhild Schmalfuß aus Halle (Saale) | 24.04.2016 | 18:49   Melden
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Michael Waldow aus Halle (Saale) | 24.04.2016 | 20:45   Melden
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