✎ Ein neues Gesicht für Halles Südstadt ⛔

  Blickt man auf die Bauarbeiten in der Südstadt, dann werden Erinnerungen geweckt. Beobachtet man aber die dortigen Abrissarbeiten und sieht die aufgerissenen Straßen, dann kommt Wehmut auf.

In den 1970er-Jahren entstand Südstadt II. Es wurden meist 5-geschossige Gebäude in Plattenbauweise errichtet, vereinzelt auch 11-Geschosser. Außerdem befanden sich damals schon einige Einfamilienhäuser auf diesem Gebiet. Bei einem Streifzug durch das Stadtviertel bemerkt man heute eine gähnende Leere, dort wo vor vielen Jahren noch Leben war.

Leere Fenster liegen nun blind in Hauswänden und die restlichen verbliebenen 11-Geschosser sind fast unbewohnt. Die mit Graffitti beschmierte, und mit Holzbrettern vernagelte Mocca-Milch-Eisbar, deren beste Zeit schon lange vorüber ist, bietet nun einen traurigen Anblick. Auch die Bronzeplastik „Völkerfreundschaft“, die den Namen ihres Standortes trägt, steht nun hinter Bauzäunen gefangen. László Marton, ein ungarischer Bildhauer, hatte sie in den 1980er-Jahren erschaffen.

IW64-P-Halle und WBS 70

Wer eine neue Wohnung in diesem Viertel beziehen konnte, durfte sich glücklich schätzen. In seinem Wohnumfeld befanden sich Kaufhallen, mehrere Kindertagesstätten, Spielplätze, Schulen, Poststellen, sogar eine Zweigstelle der Polizei und einen Jugendclub. Auch die Nahverkehrsverbindungen waren fußläufig zu erreichen.

Zuwegungen kamen erst später

Es war eine Zeit, in der man in Neubaugebieten noch mehrere Monate geduldig durch knöcheltiefen Matsch laufen musste, nachdem es geregnet hatte und an den Fußwegen noch gearbeitet wurde. Kinder, und insbesondere die Kleinsten, durften sich unbeaufsichtigt auf Spielplätzen aufhalten oder stolz wie Bolle allein in die Kita gehen. War ja alles gleich um die Ecke. Die Straßenzüge und Plätze waren begrünt und Gaststätten luden mit dem Auftritt verschiedener Bands am Wochenende regelmäßig zum Tanz. Ein Angebot, was von den Werktätigen auch gerne angenommen wurde.

Das Möbelproblem

Es war damals wirklich ein angenehmes Wohnen in einem Plattenbauviertel und man wusste ganz genau, an welcher Wand der Nachbarwohnung, Schrankwand und die Couchgarnitur standen. Denn die Wohnungen glichen sich wie ein Ei dem anderen. Als Ergebnis dessen bildeten sich oft lange Schlangen an den Türen der Möbelhäuser. Denn wollte man sich den Wunsch einer Neumöbelierung erfüllen, musste man sich noch weit vor den Öffnungszeiten dort anstellen. Nur so hatte man eine Chance, noch ein schönes Möbelstück ergattern zu können, damit es nicht etwa der Nachbar zuerst auf seiner Rechnung hatte. Der Renner waren Schrankwände der Marke „CARAT“ oder „WIWENA“!

Ein Leitbild bröckelt

Mit dem Wegfall ganzer Betriebe und dem Verlust von Arbeitsplätzen nach der Wende, begann der schleichende Einwohnerschwund in diesen Gebieten. Außerdem mietete man nun auch gerne eine Wohnung in hochwertig sanierten Altbauten. Schicke, neu entstandene Mietshäuser, deren Schalldämmung so einmalig war, dass man die Klospülung aus dem Bad im oberen Stockwerk nicht mehr hören konnte, lockten ebenfalls die Mieter aus der Platte. Außerdem bestand nun die Möglichkeit, Wohneigentum erwerben zu können, oder ein Eigenheim zu bauen.

Die gute alte Platte rutschte vielerorts ab in die Bedeutungslosigkeit. Das Leitbild einer „sozialistischen Stadt“, welches sich der Moderne verpflichtet hatte und ihre Altbausubstanz systhematisch vernachlässigte, bröckelte nun selbst! Aber die kommunalen Wohnungsunternehmen sanierten ganze Stadtbezirke, um so ausreichend und preisgünstigen Wohnraum bereit zu stellen. Als Ergebnis dessen kam es wiederum zu einer unterschiedlichen Entwicklung ganzer Stadtbezirke.

ISEK

Ein Leerstand vieler Gebäude, oder andere städtebauliche Missstände, können für ganze Stadtteile negative Auswirkungen haben, wie zum Beispiel eine soziale Stigmatisierung/Meidung dieser Orte durch die Öffentlichkeit und fehlende Investitionen in deren Bereiche. Mit dem neuen Integrierten Stadtentwicklungskonzept (ISEK) Halle 2025 hat die Stadt auf den demografischen Wandel, Klimaschutz und wirtschaftliche Notwendigkeiten reagiert. Der Stadtteil Südstadt II soll eine Aufwertung seiner Erhaltungsbereiche erfahren, der Leerstand reduziert und eine Anpassung der Technischen- sowie Verkehrsinfrastruktur erfolgen.

STADTBAHN Halle

Im Jahr 2016 erfolgte der Beginn des Projektes STADTBAHN Halle. Ziel ist der Ausbau einzelner Linien des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) und die Sicherung eines zukunftsfähigen Nahverkehrs für Halle/Saale. Das Projekt wird mit Fördermitteln für den ÖPNV von Bund und Land finanziert. Die Stadtwerke Halle GmbH beteiligt sich außerdem mit Eigenmitteln.

Alle Straßenzüge werden für den Individual- und Fußgängerverkehr funktional optimiert und gestalterisch aufgewertet. Radfahrer bekommen sichere Wege und das sich der Schwerpunkt des Fahrgastaufkommens in den letzten Jahren verschoben hat, wird bei den Umbauarbeiten ebenfalls berücksichtigt. Man möchte dem Stadtviertel Südstadt II mehr Lebensqualität schenken und somit dem Einwohnerschwund entgegentreten.

Die Südstadt ist also dabei sich zu verändern, aber die Erinnerungen werden unverändert bleiben.

Quelle: Eingefügte Links/Fotos M.Habermann/Die abgebildetes Bauarbeiter gaben mir auf Nachfrage die Einwilligung zum Fotografieren/Alle Bilder wurden mit dem Handy aufgenommen
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2 Kommentare
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Waltraud Eilers aus Naumburg (Saale) | 16.05.2017 | 12:23   Melden
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Monika Habermann aus Halle (Saale) | 16.05.2017 | 19:54   Melden
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