Ergänzung des Beitrages "Zugunfälle" im Harz

  Zunächst sei erst einmal das genaue Datum beider Unfälle genannt, der im langen Tal zwischen Harzgerode und Alexisbad passierte Unfall war am 10.03.1977 und der Unfall im Ilfelder Tal geschah 3 Tage später, am 13.03.1977.
Als Freund der Selketalbahn war ich natürlich geschockt, als mich Kollegen früh kurz nach Dienstbeginn am Arbeitsplatz davon in Kenntnis setzten, daß im langen Tal eine Lok, noch dazu die älteste Maschine (Bahjahr 1897), die von Gernrode aus ihren Dienst versah, auf der Wiese lag. Ich begab mich sofort zum Unglücksort und überzeugte mich vom Geschehen. Es war ein wolkenloser Märzmorgen, aus der Schornsteinöffnung kräuselte ein leichtes Rauchwölkchen, gerade so, als hätte die Maschine ihr Leben ausgehaucht. Der Schornstein war in der Flugphase durch Baumberührung abgebrochen. Ansonsten war neben den beiden Fahrern, dem Schaffner und dem Bahnhofschef von Gernrode noch keiner weiter an der Unglücksstelle. Nebelschwaden stiegen aus dem Wiesengelände, erste Bilder ließen nichts erkennen. Ich begab mich dann so gegen 11.00 Uhr noch einmal an den Unfallort, ließ mich, bewaffnet mit zwei Kameras von einem Kollegen langsam im PKW die Straße herunterfahren und benutzte fleißig meine Gerätschaft.
Inzwischen war von allen Seiten großer Andrang, am Straßenrand postierten im Abstand von 30 bis 40 Metern Posten der Volkspolizei, um das Fotografieren zu unterbinden. Kurz vorm Bahnübergang wurden wir von einem Posten bemerkt, was zur Folge hatte, daß ich meine Kamera öffnen mußte und den Film los wurde unter nachfolgender Notierung meiner persönlichen Daten. Am Nachmittag waren so viele Interessenten dort und eine Abschirmung konnte nicht weiter aufrechterhalten werden.
Wie war es nun dazu überhaupt gekommen ?
Bis 1989 fuhr die Selketalbahn neben Personenverkehr sehr viel Gütertransporte von Gernrode aus auf schmalspurigen Waggons, d.h. die Güter wurden in Gernrode von normalspurigen Fahrzeugen umgeladen. So fuhren mindestens fünfmal in Gernrode GmPs (Güter- mit Peronenbeförderung) raus um die vielen Anliegerbetriebe mit Material und anderen Dingen zu beliefern. In Harzgerode kam der erste Zug früh 4.50 Uhr an. Im speziellen Fall bestand die Ladung aus Al-Masseln für den VEB Druckguß- und Kolbenwerke in Harzgerode. Auf Bhf. Harzgerode mußte rangiert werden, es war ein entladener Güterwagen mitzunehmen, die beladenen sollten auf Gleis 5 abgestellt werden. Der leere Güterwagen wurde zusammen mit einem Personenwagen im Gleis 1 abgestellt. Man fuhr nunmehr über die fast am Ende des Bahnhofs befindliche Weiche, mußte über die Straße und kam somit auf die Gefällestrecke vor der Wallstraße. Da man nur rangieren wollte und offensichtlich als neues Personal nicht mit den Gepflogenheiten vor Ort genügend vertraut war, Hatte man die Bremsschläuche nicht angeschlossen und der Zug wurde immer schneller. So war der Zug nicht mehr zuhalten, panikartig sprangen Lokführer und Heizer vom Führerstand. Nun fuhr der Zug führerlos in Richtung Alexisbad und entgleiste, den Gesetzen der Fliehkraft gehorchend, in der Kurve im langen Tal vorm Bahnübergang.
(Siehe Bilder im Beitrag "Zugunfälle im Harz")
Übrigens war es noch sogenanntes Glück im Unglück, denn im abgestellten Personenwagen saß eine Schulklasse in froher Erwartung einer beginnenden Klassenfahrt, nicht auszudenken, wenn dieser Waggon mit im Zug war).
Wie sollte man nun die Lok wieder vom Unfallort heben ? Schwere Technik stand nicht zur Verfügung, rundherum war das Wiesengelände eher moorig und feucht.
Die Güterwagen wurden entladen und vor Ort zerschnitten, die Lok lag nach wie vor im Sumpf. Nach mehreren Wochen Liegezeit hatte man die Lösung gefunden, man legte von der Straße her ein Gleis bis an die Maschine ran, richtete sie mit Hilfe von Winden und "Deutschlandgerät" mühselig auf und spurte sie auf das Gleis ein. Nunmehr wurde von der Straße er das Spill einer Tatra-Zugmaschine in Anwendung gebracht und vorsichtig die Lok von der Wiese gezogen. Das passierte am 29.04.1977, einen Tag vorm Wochenende zum 1. Mai. Nach Einspuren ins Fahrgleis fuhr man ganz langsam nach Alexisbad, wo die Lok noch bis zum 2. Mai verbrachte.
Alle Teile und die Lok wurden dann nach Gernrode überführt und schließlich in das damals zuständige RAW nach Görlitz zum Wiederaufbau eingewiesen. Ende des Jahres kam sie wie ladenneu wieder in den Harz zurück und erfreut uns bis heute noch in Einsätzen zu Sonderfahrten vorm Traditionszug. Erst am 14.2.2015 habe ich sie wiederum in Harzgerode gesehen.
Die Unfallstelle zwischen Tiefenbachmühle und Sofienhof habe ich damals auch kurz aufgesucht, aber bedingt dadurch, daß ich Ärger mit der Polizei hatte, mich im Fotografieren zurückgehalten. Die Lok war ohnehin mit einer Plane abgedeckt, sie lag neben den Gleisen auf der Seite. Später hörte ich, daß ein Fotograf auch großen Ärger beim Vertrieb seiner Fotos bekommen hat.

Siegmar Frenzel
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