Was soll ich in New York???

Traumhaftes Winterwetter auf dem Brocken zur Osterzeit
  Harz: Brocken |

Ich war noch niemals auf dem Brocken!!!

Na gut, bis 1990 gab es diese Möglichkeit für mich nicht, aber auch die letzten 25 Jahre hatte ich verstreichen lassen. Und irgendwie hatte schon jeder, den ich befragte, den Berg irgendwann bezwungen....zu Fuss oder mit der berühmten Brockenbahn. Ich will auch auf den Brocken!!!
Ostern war es endlich soweit. Mein Mann konnte mein vorwurfsvolles Gejammer nicht mehr hören und los ging es. Wir machen einen netten Sonntagsausflug für Stadtmenschen! Ein wenig unvorbereitet, wie sich herausstellen sollte, aber dafür spontan...und das will in unserem Alter ja auch etwas heißen.

Wir fuhren mit dem Auto bis Schierke. Eine Strasse führte zum Bahnhof hinauf, die aber als Einbahnstraße abwärts deklariert war. Also bezahlten wir auf einem überfüllten Parkplatz eine Gebühr, für die wir in Halle eine ganze Woche parken könnten und begaben uns Richtung Schiene.
Man hätte natürlich besagte Straße hinauflaufen können....wäre da nicht das klitzekleine Schild gewesen...Dieses wies einen Wanderweg von nur einem Kilometer zum Bahnhof aus....allerdings quer durch den Wald.

Nun, wir waren ausgeruht von der Fahrt und ein bisschen wandern kann ja nicht schaden. Einige Waghalsige hatten den Weg schon vorgetrampelt und so war er auf dem verharschten Schnee richtig schön glatt. Hundert Meter kamen wir ganz gut voran, dann ging es leicht bergauf.
Bald musste ich einsehen, dass meine Stadtstiefelchen absolut falsch besohlt waren. Ich schlitterte mehr, als ich lief. Aber in mir schlug ein Kämpferherz! Nach der Hälfte der Strecke wurde der Weg immer steiler, ich machte einen Schritt vor und rutschte zwei zurück.
Krampfhaft hielt ich mich an herunterhängenden Zweigen, meiner Handtasche und meinem Mann fest, wobei Letzteres noch das Effektivste war. Bei jedem Schritt zitterte ich um meinen Gleitwirbel und meine Bandscheiben. Irgendwann waren wir endlich oben angekommen.

Auf dem Bahnhof kauften wir Fahrkarten für 37 Euro pro Person, in diesem Moment fand ich den Preis für die historische Fahrt noch ok.
Nach einer Viertelstunde kam sie um die Ecke geschnauft, vorneweg eine pfeifende Dampflokomotive und fünf kleine Personenwagen: die Brockenbahn. Und sie war proppenvoll!
Mit Mühe bekamen wir eine Mitfahrgelegenheit auf dem Aussenstand – da fand ich den Fahrpreis dann nicht mehr so angemessen. Während der nächsten halben Stunde schlug mir ein eisiger Fahrtwind, mit Russ versetzt, ins Gesicht und mein Schnupfen frohlockte: morgen zeig ich es Dir!
Wir fuhren durch eine wunderschöne Winterlandschaft und je höher wir kamen, desto mehr erinnerte alles an eine Landschaft, wie man sie von Modelleisenbahnanlagen kennt.
Alles war so schneeweiss, wie ich es schon ewig nicht gesehen hatte. Die Tannen waren in eine windgepeitschte Form geweht und so festgefroren.

Oben angekommen wurden wir mit einer wunderbaren Aussicht belohnt, es war herrliches Wetter und wir mussten feststellen, dass wir auch die Sonnenbrillen vergessen hatten.

Wir drehten eine Runde über die Bergkuppe und die 1,5m Schnee knirschten bei jedem Schritt. Kein Vergleich mit dem bisschen Schmuddelschnee in Halle. Zum Aufwärmen betraten wir den sogenannten Touristensaal, der sich als Selbstbedienungskantine entpuppte.
Ich besetzte in dem völlig überfüllten Raum zwei Plätze und mein Mann stellte sich an. So hatte ich Gelegenheit, den ganzen Ausbund an Geschmacklosigkeit ausgiebig zu betrachten. So wenig Niveau habe ich in den letzten 25 Jahren nicht gesehen und unsere ehemalige Bahnhofs-Mitropa war top dagegen. Irgendwie hatte ich das Bedürfnis, mich angesichts der zahlreichen ausländischen Gäste fremd zu schämen.

Später fuhren wir mit dem Fahrstuhl den Turm hoch und hatten eine traumhafte 360° - Aussicht auf das Brockenplateau und weit hinaus ins Land. Im Turm (Hotel) entdeckten wir dann noch ein kleines Cafe und so schauten wir bei warmem Apfelstrudel auf den verschneiten Winterwald.

In der Mitte der Brockenebene hat man eine Klippe aufgebaut, so dass jeder den höchsten Punkt genau definieren und sich -vor allem- davor fotografieren lassen kann.
Und somit habe ich nun auch ein Beweisfoto: ich war auf dem Brocken!!!
In einer verschwiegenen Ecke fanden wir einen Stempel, mit dem man die Brockenbesteigung in seinem Wanderpass dokumentieren konnte. Nun ja, einen solchen Pass hatten wir nicht, aber schliesslich waren wir ja auch gewandert und unter was für misslichen Umständen! So war ich der festen Überzeugung, mir diesen Stempel absolut verdient zu haben und stempelte gleich zweimal auf eine frisch gekaufte Ansichtskarte.

Auf der Rückfahrt ergatterten wir zwei Sitzplätze, wobei mir der Begriff Schmalspurbahn erstmals wieder ins Gedächtnis rückte, denn geschmälert hatte man nicht nur die Schienenspur, sondern auch die Sitzbank.
Das Schnaufen der Lok, die Wärme des Abteils, das gleichmäßige Rattern der Räder auf den Schienen und die immer weisse Aussicht.....uns fielen fast die Augen zu....vielleicht war es auch nur die ungewohnte Dosis frischer, unbelasteter Winterluft.

Tapfer liefen wir den Rückweg auf der Strasse serpentinenartig hinunter und es schien kein Ende zu nehmen, meine Waden verkündeten schon den morgigen Muskelkater. An uns vorbei fuhren die Brockenbesucher mit ihren Autos, die den Parkplatz direkt am Bahnhof genutzt hatten.
Unten stand unser Auto schon fast einsam auf dem Parkplatz und bei der Fahrt Richtung Ortsausgang entdeckten wir dann auch die Einbahnstrasse, die zum Bahnhof hinauf führte.

Trotz all der Mühen war es ein schöner Ausflug. Und ich würde den Brocken im Winter wieder besuchen, aber mit geländefähigem Schuhwerk, mit Sonnenbrille und vor allem: an einem schlichten Wochentag ohne Osterverkehr.
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Wolfgang Miers aus Thale | 22.05.2015 | 14:58   Melden
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