Nicht alles braucht eine Diagnose!

Die Schauspieler von der Pension Schöller
  Lutherstadt Eisleben: Kulturwerk Mansfeld-Südharz | Nicht alles braucht eine Diagnose!

Das Theater in Eisleben hat in dem Stück „Pension Schöller“ zwar Humor und auch Komik für das Publikum, doch auch noch weit mehr – Eine Rezension von Mathias Hoppe

Ich war sichtlich gespannt und auch ein bisschen aufgeregt. Pension Schöller. Kannte ich bisher noch nicht. Umso besser, um als Kulturinteressierter diese neue Welt kennen zu lernen.
So nahm mich meine Freundin an die Hand und es ging in Richtung Kulturwerk in der Eisleber Landwehr.
Gemeinsam mit vielen Bewohnern und Kollegen aus verschiedenen Einrichtungen der Lebenshilfe Eisleben, die zur Veranstaltung gekommen sind. Neugierig war ich sehr, doch den anderen war es auch anzusehen. Und schon ging es um 15:30 Uhr los.
Das Licht verdunkelte sich…

Es geht um die Pension Schöller, wo allerlei sehr obskure Leute ein und aus gehen und eine eigene Gemeinschaft bilden. Die sind so verrückt, dass die Zuschauer es schon sehr befremdlich finden, wenn sie diese Welt hinter der Pension Schöller kennen lernen.
Tochter Therese, die von einer Karriere als Schlagersängerin träumt, jedoch einen Sprachfehler hat – sie macht das „L“ zu einem „N“.
Oder den wenig erfreuten und schwer traumatisierten Major Rupf, der zwei Weltkriege verloren hatte.
Und ein Vogelkundler, der von seinen Forschungsreisen versessen ist.
Und eine sehr kuriose und sehr extreme Schriftstellerin.
Die alle haben aber eins gemeinsam: sie haben Träume und wollen diesen leben.
Doch da gibt es noch den Alfred Klapproth – er ist ein sehr seltsamer Student und träumt von einer „Anstalt“ auf dem Lande – in der Nähe der Pension Schöller. Und dazu braucht er „seelisch gestörte“ Patienten – die er auch auf der Pension Schöller glaubt, zuhauf zu finden.
Doch was ist „verrückt“ und was ist „normal“?
Es ist eine Sache der Haltung und der sozialen Situation – denn die obskuren Gäste der Pension Schöller muss man einfach liebenswert finden – da ihre Spleens sie auch besonders und einzigartig – also interessant machen.
So ist der Alfred Klapproth auch als bildliche Metapher für die zunehmende Psychologisierung und Psychiatrisierung unserer Gesellschaft zu sehen, weil die Gäste der Pension Schöller dort auch in dem „System“ drohen unterzugehen, solle diese Klinik erbaut werden.
Doch da hat man nicht die Rechnung mit der Liebe gemacht – denn Alfred Klapproth verliebt sich in Schöllers Tochter Maria.
Und am Ende wird alles richtig gut? Ob die Liebe zwischen Alfred Klapproth und Maria klappt und ob die Klinik aufmachen wird und warum die Liebe neue Möglichkeiten für die Pensionsgäste eröffnet und sie ihre Träume letztendlich schaffen?
Darüber lege ich den Mantel des Schweigens, denn das muss man selbst sehen.
Ein Stück, was humorvoll, doch auch in der Reflexion dessen sehr nah und hoch beklemmend am heutigen Leben und unserer Gesellschaft von dem immer weiter ausufernden psychiatrischen Diagnosewahn ist.
Wenn man auch bedenkt, dass die originale Komödie bereits 1890 (!) uraufgeführt wurde, ist es klar: jetzt ist es allerbeste Zeit, das Stück auf die Bretter der Welt in Eisleben in der Landwehr zu bringen.
Denn: nicht alles, was die Grenze des Normalen sprengt und was „anders“ ist, braucht eine (psychiatrische) Diagnose!

Das Stück ist nochmal am 11.5. im Kulturwerk Eisleben zu sehen.
Karten:
Kartenbestellung
2
Diesen Mitgliedern gefällt das:
 auf anderen WebseitenSendenMelden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.