Im Gespräch: Pfarrer Caspary - Seelsorge JVA Volkstedt

Lutherstadt Eisleben: Markt |

Pfarrer Caspary ist Pfarrer aus der Frohen Zukunft in Halle und macht die Seelsorge im Gefängnis. Mit Mathias Hoppe sprach er auf dem Kreiskirchentag in der Lutherstadt Eisleben über das Leben im Gefängnis, Resozialisierung und auch das Stigma der Straftaten.

Was machen Sie beruflich?
Ich bin Pfarrer und Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt und betreue dort die Gefangenen.

Wie ist das Leben in einer Gefängniszelle?
Man muss sich vorstellen: Acht (2 x 4 Meter) Quadratmeter stehen dem Gefangenen zur Verfügung. Eine Stunde Freigang, ansonsten Verschluss. Und wenn er Glück hat, gibt es zwei Stunden Aufschluss, wo er mit anderen Gefangenen zusammen sein und zum Beispiel spielen kann, ansonsten Langeweile. Da muss man sehen, dass man arbeiten geht oder eine Schulmaßnahme macht. Das ist auch die Aufgabe der Seelsorge, dem Gefangenen dies anzubieten, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

Was sind die wichtigsten Methoden der Re-Sozialisierung von Gefangenen?
Das Resozialisierungs-Projekt geht davon aus: Man möchte ein straffreies Leben wieder trainieren. Es werden Sozialberatungen, Drogenberatungen und Suchttherapien angeboten. Oder Anti-Gewalt-Training. Das kommt immer darauf an, welche Straftaten begangen wurden. Oder Schulmaßnahmen, man kann bis zum erweiterten Realschulabschluss arbeiten. Oder auch Ausbildungsangebote zum Lageristen.

Wie funktioniert die Seelsorge?
Seelsorge funktioniert so: wir haben ein Angebot, unabhängig von der Konfession. Da muss der Gefangene einen Antrag stellen, ich komme dann hin. Er kommt von der Zelle ins Gesprächszimmer. Anfangs sind es oft Lebenskrisen: er ist von zu Hause weg, hat Drogen genommen. Auch Trauer, weil sich die Familie abwendet. Die müssen wir biografisch bearbeiten. Wenn es auf die Entlassung zugeht, kommen Fragen, wie man wieder richtig integriert werden kann. Er gehört zum System Familie dazu. Oder wie kann es mit einer Wohnung aussehen? Es sind oft Dinge, die in den Zuständigkeitsbereich des sozialen Dienstes fallen, wo wir von der Seelsorge auch helfen.

Wie wichtig ist die Seelsorge?
Die Seelsorge wird sehr gut angenommen. Wir haben gut 30 Prozent, die regelmäßig zu unseren Veranstaltungen kommen.

Woran liegt es, dass Gefangene wieder rückfällig werden?
Es liegt oft daran, dass die Bedingungen der Resozialisierung so schlecht sind. Und auch die Tatsache, dass sehr schnell inhaftiert wird. Eine gute Möglichkeit ist der „Täter-Opfer-Ausgleich“, doch dieser wird selten genutzt. Auch wenn man wegen Bagatelldelikten sehr schnell ins Gefängnis kommt und dadurch die sozialen Netze zerschnitten werden und die Gefangenen wieder bei Null anfangen müssen. Das ist das Problem. Doch es gibt andere Modelle: in Schottland zum Beispiel. Wer dort straffällig wird, kommt ins Freigängerhaus, er darf tagsüber raus, darf arbeiten und seine sozialen Kontakte behalten. Erst wenn er dann wieder straffällig wird, wird das Strafmaß verschärft. So etwas haben wir leider nicht. Es muss aber mal in der Zukunft revidiert werden. Oft reagieren die Leute: Wegschließen für immer – doch das ist keine Lösung auf Dauer.

Es ist ja auch mit einem sozialen Stigma verbunden.
Wenn man so einen aufnimmt, muss das mit der Belegschaft abgesprochen werden. Zu DDR-Zeiten war es einfach: da musste jeder Betrieb mindestens einen Menschen aus dem Gefängnis nehmen, das war normal und durchaus machbar, weil es nicht so viele waren. Heute ist die Angelegenheit sehr stark von Stigmatisierung behaftet. Bis hin zur Vermietung.

Woran liegt das, dass da so eine schwere Stigmatisierung vorliegt?
Es wird pauschalisiert. „Ein Knacki ist ein Knacki. Wenn einer etwas ausgefressen hat, ist er gefährlich“, heißt es dort. Es ist eine Kopfsache. Wenn man das persönliche Gespräch sucht und hinterfragt, aus welcher Lage jemand in die Situation gekommen ist, ist das schon besser. Das trifft aber alle Schichten der Gesellschaft.
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2 Kommentare
MZ - BürgerReporter aus Halle (Saale) | 20.06.2016 | 16:54   Melden
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Béatrice Haas aus Dessau-Roßlau | 20.06.2016 | 19:20   Melden
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