9. November - Der Tag, an dem die Welt ihre Grenzen verlor

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Wie ich die ereignisreiche Zeit rund um den Mauerfall erlebte und bewegt wurde, eingelaufene Wege zu verlassen, Neuland zu erobern


Immer wieder lese ich „Herzlichen Glückwunsch“. Ich überlege, ob das so richtig ist. Glückwünsche überbringe ich liebgewonnenen Menschen die etwas Herausragendes getan haben, einen Jahrestag begehen, eben immer dann, wenn ich denke, es erwärmt meinem Gegenüber das Herz.
Welchen Stellenwert hat der 9. November für mich? Was genau geschah am 9. November 1989?

Im Jahr 1989 mehren sich die Unruhen und der Unmut über die Politik der DDR. Der Ruf der Bevölkerung nach Reformen nimmt stetig zu. Im Sommer beginnen Menschen sich auf den Weg in das sozialistische Ausland zu begeben, um bei den dortigen Bonner Botschaften als Flüchtlinge die Ausreise in die BRD zu erwirken.
Es wird ein zäher Kampf! Am 3. Oktober titelt der „Kölner Stadtanzeiger“ „DDR und Prag: Bonn bricht Zusage…
Zwei Tage zuvor hatten 6300 DDR-Flüchtlinge aus den Bonner Missionen ausreisen können. In Prag halten sich wieder 2000 DDR-Bürger auf. In Warschau sind es 200. Die DDR fordert die Abweisung, was nicht geschieht.
In Leipzig protestieren zu dieser Zeit 15000 Bürger für politische Reformen in der DDR. Sie rufen laut: „Wir bleiben hier!“ Es ist die größte Demonstration in Leipzig. Danach überschlagen sich die Ereignisse.
Ich verfolge das Geschehen am Fernseher. Oft habe ich Angst vor dem Ungewissen. Ich bin sehr jung, bereit, mein eigenes Leben in die Hände zu nehmen. In meinen Armen halte ich mein Baby. In diesen Tagen bin ich oft sehr beunruhigt. Daran kann ich mich heute noch erinnern. Viele Fragen tauchen zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht auf. Erst einmal frage ich mich, ob das alles gewaltfrei gut gehen kann, oder stehen wir an der Schwelle eines neuen Krieges? Ich weiß es nicht.
Nachdem die Mauer am 9. November 1989 endgültig gefallen war, machte ich die ersten Begegnungen mit dem „Westen“. Es gab viele Dinge zu erkunden, ja zu bestaunen. Die Flut der Möglichkeiten des Konsums war das erste, was ich wahrnahm. Doch schnell war ich im Alltag angekommen. Jetzt hieß es, mutig zu sein!
Fest eingetretene Wege der Entwicklung in der zu Grabe getragenen DDR hieß es zu verlassen, in ein Gebiet, welches noch unerforscht war. Wir wurden in die Währung Deutschlands übernommen, was uns wieder neue Möglichkeiten schuf. Jedoch wurde begonnen, die DDR-Wirtschaft ordentlich durchzusieben. Dabei fielen viele Betriebe einer Schließung zum Opfer. Auch ich gehörte zu den Menschen, die mit der Umorientierung begannen. Ich war jung, hatte einen abgeschlossenen Beruf, von dem im „Westen“ keiner was wissen wollte und ich hatte eine Familie. Das war schon einmal ganz schön viel, aber nicht genug, um ohne Beulen im „Westen“ zu landen.
Wenn ich heute zurück blicke fällt mir auf, dass ich eines schnell begriffen hatte. Ich musste mir Gedanken über meine Fähigkeiten und meine Ressourcen machen, Eigenverantwortung übernehmen. Das geschah sicher ganz unbewusst. Dann nahm ich meinen Mut zusammen und begann eine berufliche Umorientierung. Dass ich schlussendlich die richtige Intuition hatte, konnte ich damals noch nicht ahnen. Ich empfand es als unangenehm, einen Weg zu gehen, dessen Ende ich nicht kalkulieren konnte. Das war uns Menschen in der DDR wahrscheinlich allen neu.
Diese Gefühle hatten jedoch nicht nur wir, östlich der Grenze. Auch die Menschen in der BRD wussten nicht, was jetzt mit den vorgesetzten Neulingen, gerade so wie ungeliebte, nervige, kleine Geschwister, geschehen würde.
Wir kamen im „Westen“ an, jeder 100 DM Begrüßungsgeld in der Hand und waren uns sicher, die Menschen dort würden uns freudvoll empfangen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das nicht immer so war und ich kann es heute verstehen.
Um uns ist viel geschehen. Das Leben ist elastisch geworden, was, so nehme ich es wahr, eine gehörige Portion an Kreativität erfordert, denn es sind zwar unendlich viele Wege der Möglichkeiten entstanden, doch sind diese keine ausgebauten Rennstrecken, sondern steile, steinreiche Bergwege, dessen Bezwingen viel Kraft kostet.
25 Jahre danach kann ich glücklich zurückblicken. Ich habe meine Möglichkeiten genutzt und meine Ressourcen genutzt, ja Potential entwickelt. Eines habe ich in dieser Zeit, die sehr schnelllebig war, gelernt. Ich habe ein Maß gefunden, Glück für mich so zu definieren, dass ich es erreichen kann und vor allem Zeit habe, es zu empfinden.
So zünde ich 25 Kerzen auf einer Torte an, in deren Mitte ein kleiner Glückspilz drapiert ist. „Der ist nur für mich!“, denke ich und klopfe mir heimlich auf die Schulter.
Nebenbei läuft „Lambada“ von Kaoma im CD-Player, der Titel, welcher im Oktober 1989 auf dem ersten Platz der Singlecharts Deutschlands lag. Danach spaziere ich durch die Natur. Mir endlich am freien Freitag Zeit nehmend, die Schönheit des goldenen Herbstes aufzunehmen, um so Kraft zu tanken, die nächsten Wanderwege zu erkunden.
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Jacqueline Koch aus Eisleben | 04.10.2014 | 09:34   Melden
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