Mobbing und dessen Folgen - Ein Interview mit Christiane Sautter

Leipzig: Messegelände |

Mathias Hoppe hat mit der Traumatherapeutin Christiane Sautter im Rahmen der Leipziger Buchmesse gesprochen und ein interessantes Interview über Mobbing und deren Folgen erstellt.

Mathias: Man sagt immer, ein Trauma kommt nur im Krieg, doch so was wie Mobbing macht doch kein Trauma. Mobber behaupten sogar, dass die Mobbinghandlungen lustig und Spaß ist. Was ist gerade beim Mobbing das Traumatisierende?

Sautter: Das Traumatisierende am Mobbing ist, dass es die Betroffenen unvorbereitet trifft. Viele erzählen, es kommt von einem Tag auf den anderen. Plötzlich werden aus Freunden Feinde, aus Arbeitskollegen Verfolger und natürlich traumatisiert das. Was ich erlebe bei meinen Klientinnen und Klienten ist, dass sie soziale Ängste entwickeln (Soziale Phobie), dass sie Angst haben, sich irgendwie in Gruppen zu begeben, dass sie Angst draußen haben. Das ist schon ziemlich das Schlimmste.

Mathias: Wie schädigt Mobbing die psychische Gesundheit? Was macht das Mobbing so gefährlich?

Sautter: Die Menschen verlieren ihr Selbstwertgefühl. Sie glauben, sie sind nichts wert, sie beziehen die Beleidigungen der Mobber irgendwann auf sich. Ich habe gerade einen Mann in Therapie, der durch Mobbing im Gerichtsprozess schwerst traumatisiert ist. Er hat nach dem Prozess schwer an sich gezweifelt.

Mathias: Es ist bekannt, dass Mobbing zu langfristigen Symptomen vor allem im psychischen Bereich führt. Kann man mit Mobbingopfern in akuten Situationen überhaupt therapeutisch arbeiten? Oder gilt die oberste Prämisse: Vor Therapie Mobbing aus der Welt schaffen?

Sautter: Schön wäre es, doch es geht nicht immer. Die Realität ist häufig anders. Sie sind in der Schule, wo man noch das Meiste machen kann, gefangen. Erwachsenen kann man nicht so einfach sagen: Werde Hartz-IV-Empfänger. Dann ist es wichtig, zu erarbeiten, wie sie sich gegen das Mobbing wehren können. Und wie sie mit dem, was sie jeden Tag erleben, anders umgehen. Eine stabile Bezugsperson-das kann ein Freund, ein Verwandter, ein Therapeut sein. Stabile Bezugspersonen, die hinter dem Gemobbten stehen, sind wichtig, dass man weiß, dass man nicht alleine ist.

Mathias: Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass die Täter kein Interesse daran haben, sich zu ändern. Funktioniert überhaupt die Therapie von Tätern?

Sautter: Ja, das ist möglich. Wenn sie aufhören, Täter zu sein. Dass es niemals funktioniert, würde ich nicht sagen. Ich habe auch schon mit Leuten gearbeitet, die als Jugendliche Klassenkameraden gemobbt haben, die dann später Einsicht bekommen und sagen: da hab ich jemanden was angetan.


Mathias: Später zeigen sich die Folgen von Mobbing im Erwachsenenalter. Doch oft unbemerkt. Welche Symptome können im Erwachsenenalter auf Mobbing in der Kindheit zurückgehen?


Sautter: Es kommt häufig vor, dass sie den Kopf einziehen, wenn sie sich wehren. Dass sie sich nicht wagen, zu sagen: ich brauche eine Gehaltserhöhung. Oder das passt mir nicht. Sie wehren sich nicht. Oder dann gibt es andere, die wehren sich immer, die werden streitsüchtig und kratzbürstig, die nehmen genau das vorweg.


Mathias: Wie kann man die Folgestörungen durch Mobbing behandeln? Reichen Medikamente aus? Oder ist Psychotherapie ebenso wichtig oder sogar wichtiger?


Sautter: Ich finde Psychotherapie wichtiger, die sollte Vorrang haben. Doch es gibt Situationen wie in akuten Angstanfällen, in denen es gut ist, wenn man es mit einem Medikament auflöst. Es gibt einen Teufelskreis: Angst erzeugt weitere Angst. Irgendwann kann man nicht mehr. Da ist es gut, wenn man ein Medikament als Notfall-Medikament hat, weil alles, was sofort wirkt, auch süchtig macht. Man sollte so etwas auch nur im Notfall nehmen, wie z.B. Benzodiazepine.

Mathias: Stichwort Psychotherapie: Welche Verfahren sind bei Mobbing-Folgestörungen am besten?

Sautter: Am besten wirkt die Therapie, die dem Klienten am meisten bringt. Ich würde das nicht so pauschal sagen. Die Chemie, die (therapeutische) Beziehung zwischen Therapeut und Klient ist das Allerwichtigste. Das haben ganz viele Studien bewiesen. Der Therapeut sollte dem Klienten beistehen, ihm Mut machen, er soll beibringen, wie er sich anders verhält.


Mathias: Mir hilft das Zeichnen von Comics, in denen ich meine Mobbing-Erlebnisse aufzeige. Das ist für mich auch Therapie und Selbsthilfe. Wie können sich Betroffene selbst helfen? Und von welchen Selbsthilfeverfahren sollte man Vorsicht walten lassen oder meiden
?

Sautter: Wie Betroffene sich selbst helfen können, wie Sie es gemacht haben, durch Kunst. Ich ermutige meine Leute, zu malen. Denn man muss einen anderen Ausdruckskanal wählen zum Ausdruck der Gefühle, da das Sprechen durch das Mobbing geschädigt wurde. Auch Kunst, Gestalten, Musik, Tanzen und Sport ist gut. Zum Beispiel bauen die Betroffenen durch Sport Stresshormone ab und sie kommen zur Ruhe. Ich würde von allem abraten, was die Selbstbestimmung des Menschen einschränkt. Also wenn jemand meint: das ist gut, egal, in welchem Gewand das kommt.
Wenn ich Alkohol zum Beispiel als Selbstmedikation verstehe, kann ich damit umgehen.

Mathias: Stellen wir uns mal vor: Ich komme mit meinen Mobbing-Folgestörungen in die Traumatherapie. Was erwartet mich in einer Traumatherapie? Wie würde ein Traumatherapeut mit Mobbing-Geschädigten arbeiten?

Sautter: Ich höre mir erst mal die Geschichte an, dann gucke ich nach dem Auftrag meines Klienten. Ich bin Dienstleister. Wenn ich weiß, was der Klient möchte, habe ich die Werkzeuge, ihn dabei zu unterstützen. Jeder entdeckt alles für sich selber. Jeder hat im Grunde die Lösung in sich. Ein guter Therapeut ist dran, mit dem Klienten den richtigen Weg zu finden.
Eine Mobbingklientin sagte: „Ich verstehe langsam, dass Sie mir keine Rezepte geben, was Sie machen: Sie machen mich zu einem mündigen Menschen“. Das hat mich sehr gefreut. Genau das ist es, was ich versuche.


Mathias: Wie ich weiß, wurden Sie ja damals auch an Ihrer Schule gemobbt. Was raten Sie Mobbing-Opfern, die diese schwere Zeit durchmachen?


Sautter: Es ist wichtig, jemanden zu haben, dem man vertrauen kann und der das Gefühl vermittelt, nicht alleine zu sein. Das ist ganz ganz wichtig, sogar am wichtigsten. Beziehung kann sowohl verletzen als auch heilen. Mobbing verletzt Beziehungen. Es ist wichtig, eine heilende Beziehung aufzubauen.

Zum Weiterlesen:
Was bei Trauma wirklich hilft
von: Christiane Sautter (Herausg.)
im Sautter - Verlag für systemische Konzepte erschienen.

Dieses Interview ist auf der Leipziger Buchmesse 2016 geführt worden.
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3 Kommentare
MZ - BürgerReporter aus Halle (Saale) | 04.04.2016 | 12:08   Melden
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Silva Bär aus Merseburg | 09.04.2016 | 00:06   Melden
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Béatrice Haas aus Dessau-Roßlau | 15.05.2016 | 13:27   Melden
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