Edlef Köppen - Walter Bauer

Hörbuch herausgegeben von der Edlef-Köppen-Bibliothek Genthin
Die Walter-Bauer-Preisvergabe 2012 ist Geschichte. Die nächste wird in 2 Jahren anstehen, 2014 also. Dann wird sich auch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal jähren. Derzeit laufen im Lande schon diverse Initiativen, so des Museumsverbandes oder des Literaturhauses Magdeburg, um diese Zäsur in der Geschichte unserer Welt nachhaltig zu thematisieren. Insofern hier eine kleine Anregung meinerseits:
Im Jahr 1930 erschien Edlef Köppens Aufsehen erregender “Heeresbericht”, und 1930 erschien auch das Buch, das Walter Bauer schlagartig berühmt machen sollte: „Stimme aus dem Leunawerk“. Mittlerweile sind beide, aus dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt stammenden Schriftsteller – Edlef Köppen aus Genthin, Walter Bauer aus Merseburg - trotz kulturpolitischer und sogar editorischer Bemühungen so gut wie ungelesen, müssten jedoch feste Größen der Erbepflege dieses Landes werden. Diese wichtigen deutschen Autoren des 20 Jahrhunderts gehen uns im besten Wortsinne etwas an!
So sind beispielsweise Parallelen im Schaffen Bauers und Köppens (und nicht nur in Hinsicht auf Jahreszahlen) hochinteressant: die strikte Anti-Kriegs-Haltung, der prägende Humanismus und (nicht zuletzt) die zuweilen erstaunlich modernen Erzählansätze und –perspektiven.
Kein Wunder also, dass sich sogar direkte thematische Bezüge finden lassen. So beginnt Köppens „Heeresbericht“ mit Mobilmachungs-Befehlen, -Erklärungen, -Meldungen des Sommers 1914 und führt zum Schicksal seines Helden, des Kriegsfreiwilligen Adolf Reisinger. Walter Bauer schrieb die hier folgende Erzählung aus der Sicht eines Kindes auf Ereignisse jenes (Vorkriegs)Sommers – kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs…

"Die Pferde
Als die von Soldaten angeschlagenen Mobilmachungsbefehle die Menschen fortrissen von Ruhe und Beschäftigung, vom Schuh, der zu besohlen war, von Schrank und Sarg, die zu zimmern waren, von Kindern, die gewaschen werden sollten, als die Anschläge an den Mauern die Menschen anzogen mit einem Wort, das aus ihrem Gedächtnis gegangen war, stand ich, ein von der Kindheit bewegter elfjähriger Junge, vor der Mauer der großen Menschen und hörte wie Sturm aus ihren Mündern Atem wehen und hörte ihre erregten Worte und sah über mir Gesichter, wie Erdkugeln flammend. Ich las Worte und verstand sie nicht. Ich sah Gesichter; auch in ihnen konnte ich nicht lesen. Bald wußte ich: Krieg bedeutet: die Brüder gehen fort; die Mutter läßt Tränen auf das Brot fallen, das sie mir für die Schule streicht, Tränen salzigen Geschmackes fallen in die Suppe und auf die Zeitung, die die Mutter abends von sich fort über den Tisch hält, weil sie weitsichtig ist.
Ich ging jeden Tag Essen tragen zu meinem Vater und steckte den Löffel in ein Knopfloch. Der Topf war in ein rotes Tuch eingeschlagen. Wenn mein Vater nicht da war und der Stall leer stand, machte ich die verwitterte, von vielen Wurmlöchern durchzogene Futterkiste auf und stellte den Topf in den Hafer, damit das Essen warm blieb. Wenn mein Vater da war, setzte ich mich ins Heu und sah die Pferde an. Ihre Rücken waren breit und glänzten vor Gesundheit und Kraft. Die starken Schwänze schlugen nach den Fliegen. Die Haut zitterte wie von Frost. Ich hörte das zufriedene Wühlen im Hafer, das schnobernde Malmen der Mäuler, das Klirren der Ketten an den Hälsen.
Aber Krieg bedeutet auch: die Pferde gehen fort. An einem Tage war der Platz unserer Spiele nicht mehr für uns frei. Sonst war er unsere Prärie, links die Straße: der Vater der Flüsse, der Mississippi; die Baumgruppen nördlich: Kanada; der kleine Obelisk, Erinnerung an die Schlacht bei Roßbach: unsere Farm. An einem Tag war der Platz rauschend voller Menschen. Aber über dem Meer von Stimmen klirrten Hufe auf Steinen, schlugen Hufe dumpf auf Grasboden, stieg das Wiehern von tausend Pferden zum gläsernen Sommerhimmel. Die Pferde waren versammelt. Aus den Dörfern waren die Bauern gekommen. Aus den Ställen waren sie geführt worden, Schimmel und Brauner, Fuchs und Falbe und Rappe. Die Knechte hatten sie gestriegelt für dieses Fest, wundervoll glänzten die Felle.
An der Straße, unserem Traumfluß, standen die Offiziere und sahen die Pferde an. In Schritt und Trab wurden die Tiere an ihnen vorübergeführt, Blumen trugen manche im Zaumzeug. Ach, ihr Knechte und -Pferdeführer, ihr risset die taunassen Blumen am Wiesenrande und schmücktet die Pferde wie junge Soldaten. - Die Mäuler, die am Morgen weißen Dampf wie Wolken geweht hatten, wurden aufgerissen, die Schenkel beklopft, der Leib geprüft. Die Straße dröhnte. Sie trabten heran, die schweren Hengste, den Boden erschütternd wie ein Gewitter, die belgischen Gäule mit eisernem Schlag, die Mecklenburger, die leichteren Ostpreußen, spielerisch an den Zügeln zerrend, - wie zeigten sie ihre Kraft, ihre Jugend, ihr schönes Dasein. Am Ende der Straße scholl jedesmal schmerzliches Wiehern. Ein Kohlenbecken rauchte wie Opferfeuer. Mit glühenden Eisen wurde dem Leib ein Zeichen eingebrannt: Ausgewählt für den Krieg, stark, schön, gesund.
Dies waren die Tiere, die nachher wie Soldaten in den Krieg fuhren, nach Westen und Osten. Doch die Himmelsrichtungen bezeichneten nicht - mehr die Herkunft der Winde und Regenwolken, die die Ebenen feuchten, sie wurden Bezeichnungen für Schicksal, Namen für Sieg, Tod, Schlacht. Wie die Soldaten aus den Zügen schauend, schnoberten die Mäuler der Pferde Wiesenluft, Luft der Wälder, Bergwerke, flammender Hütten, großer Städte. Sie hörten mit erwachenden Ohren Gewitter ohne Ende, sie ritten, sie fuhren und jagten hinein. Menschen hatten die Gewitter entzündet, - sie waren der Krieg. Dies waren die Tiere, die du im Morgengrauen stehen sehen konntest im Schatten gewesener Dörfer, in der Laublosigkeit zersplitterter Bäume. Sie gewöhnten sich wie die Menschen an die Geräusche des Todes, sie wußten, was kam. Schrapnell oder Granate.
Jetzt aber füllten die Tiere den großen Platz mit Staub, Kettengeklirr, Pferderuf und Hufschlag. Und wir Jungens schrien vor Freude, wenn ein schönes Tier vorbeitrabte.
Dann sah ich einen Mann die Straße herabkommen. Er führte ein schönes, braunes Pferd, es war das allerschönste Tier der Welt und seine Stimme erhob sich laut über das Brausen, als riefe es mich. Mein Vater führte den Richtern über die Pferde seine Pferde vor. Sie waren jung, stark, schön, ihre Hufe wirbelten auf dem Boden, ihre Augen glänzten vor Lust. Ich hörte das schmerzliche Wiehern, dort, wo das Feuer brannte. Später ging ich mit meinem Vater heim. Ich verlor etwas.
Ich verlor den Anblick der glänzenden Pferderücken, das Gefühl der warmen, schnobernden Mäuler in meiner Hand, wenn ich ein Stückchen Zucker hatte, und Sonnabends das wundervolle abendliche Reiten in die Schwemme, wenn das Wasser mir an den nackten Füßen aufschwoll und ich sah den brauen, ruhigen Rücken unter mir; an der Mähne hielt ich mich fest und war so glücklich mit den Pferden."
(aus: „Sonnentanz – Ein Walter-Bauer-Lesebuch“ herausgegeben von Günter Hess und Jürgen Jankofsky, Halle 1996)

Für weiterführende Erkundungen und Entdeckungen und Vergleiche seien das Edlef-Köppen-Archiv der Genthiner Edlef-Köppen-Bibliothek und das Walter-Bauer-Archiv der Merseburger Walter-Bauer-Bibliothek nachdrücklich empfohlen.
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2 Kommentare
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Dietmar Sievers aus Halle (Saale) | 25.11.2012 | 17:35   Melden
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Jürgen Jankofsky aus Leuna | 26.11.2012 | 15:42   Melden
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