Märzkämpfe (2)

Ich blickte meinem Tischgenossen in die Augen. Zusammenbruchstheorie? So oft ich inmitten meiner Mitschüler zur Gedenkstätte der Märzkämpfer nach Leuna-Kröllwitz marschierte, vornweg stets Oberstudienrat Wenzel (Gleichschritt!), hatte ich von solcher Theorie nie reden gehört. Alle Jahre wieder nur von Helden und deren Vermächtnis, alle Jahre wieder bis zum Überdruss, bis zur Verständnislosigkeit. Was also wollte mir mein Freund da unterjubeln? Traditionsreiches Gedankengut vom alsbald bevorstehenden und automatisch alle Weltprobleme lösenden Sieg des Kommunismus etwa? So aber sah mein Tischgenosse eigentlich nicht aus. Allein dieses Jackett! Das könnte tatsächlich schon in der Zeit, über die er hier, warum auch immer, fortgesetzt schwadronierte, getragen worden sein. Und unablässig kerbte er seinen Bierdeckel. Wahrscheinlich war er doch nichts als ein Schnorrer. Ich ging pinkeln.
Über ein kurzentschlossenes Ausbüxen brauchte ich mir dabei allerdings keine Gedanken zu machen. Mein Freund folgte mir, erzählte unablässig weiter:
Zur Kröllwitzer Fahsnacht hatte Rudi Anna kennengelernt. Anna war in Kriegsdorf in Stellung, im Rittergut, und schien ziemlich religiös. Oder sollten ihre Anspielungen auf den Erlöser einen recht irdischen Sinn haben? Rudi verteidigte Anna beim Fahsnachtstanz jedenfalls gegen jedwede Ansprüche der Kröllwitzer Burschen. Am Ende sahen die ihn an, als wäre er einer der im Werk gebliebenen einstigen Kriegsgefangenen, Russe, Amerikaner, Serbe, Franzose oder Neger oder was. Sollten sie doch Händel anfangen, die Burschen! Rudi fürchtete sich nicht. Gleich beim ersten Tanz hatte er Anna, über sich selbst staunend, zugeflüstert, wenn sie nicht ausschließlich mit ihm tanze, werde er zur nächsten Fahsnacht wohl den Nachtwächter darstellen müssen, Laterne und Hellebarde schleppend, zu nichts besserem mehr nütze als anzusagen, was die Glocke geschlagen habe und verirrten Zechbrüdern heimzuleuchten. Um Himmelswillen, dagegen werde sie etwas tun, hatte Anna versprochen. Hand in Hand schlenderten sie schließlich unter die Weiden am Gänseanger, liefen dann eng umschlungen die Kopfsteinpflasterstraße am Wasserwerk, am Gasthaus vorbei gen Siedlung. Zu sich nach Hause durfte Rudi Anna natürlich nicht bringen, so nahe liegend das auch gewesen wäre, immerhin aber bis vor die Haustür in Kriegsdorf, kilometerweit entfernt. Rudi schwärmte, die holprige, baumlose Straße komme ihm plötzlich wieder wie in seiner Kindheit vor. Was für eine prächtige Kirschallee war das doch! Grün und rosa und morellenrot erschien Rudi die Februarnacht. Wie wäre es, wenn man sich zu Ostern verlobte? Anna war begeistert. Zu Ostern, am Tag der Auferstehung, oh ja, das wäre himmlisch!
Übermütig jagten Rudi und Anna über Sand- und Steinhaufen der Siedlungsbaustelle. Vielleicht könnten zeitgemäß auch sie eine Werkswohnung beziehen, hier ein Heim finden? Warum sollten ihre Kinder hier nicht zur Schule gehen, später im Werk ihren Unterhalt verdienen? Wie Kinder tollten Rudi und Anna zur Saale hinunter, sprangen von Schwelle zu Schwelle der neuen Eisenbahnbrücke zum anderen Ufer und in die Aue hinein, erreichten Kriegsdorf im Morgenrot.
Ich nahm wieder Platz. Mein Gegenüber befummelte nervös den bekerbten Bierdeckel. Also gut, ich bestellte die nächste Runde. Als der Wirt das Gewünschte endlich brachte, schob mein Freund ihm seinen Bierdeckel, im Gegenzug sozusagen, jedoch keineswegs zum Anschreiben über den Tisch. Wahrscheinlich nahm ihn das Erzählen einfach zu sehr in Anspruch:
Wie so mancher seiner Kollegen war Rudi vor Ostern nicht nur einer der Kampfgruppen, sondern auch der Partei beigetreten. Er verspürte in jenen verwirrten Zeiten ein starkes Bedürfnis, für eine neue Ordnung sorgen zu müssen. Ja, durch Anna hatte Rudi eine Geborgenheit kennen gelernt, die ihn bekräftigte in allem was er dachte und tat und nach der er sich umso mehr sehnte, desto bedrohlicher die Meldungen über Aktionen der Sicherheitspolizei, der Sipo, in Eisleben, Hettstedt, Sangerhausen und Bitterfeld wurden. Rudi war entschlossen, eine Ordnung der Geborgenheit, der Ruhe und des Glücks, zu erkämpfen. Und auch in Merseburg braute sich offenbar etwas zusammen.
Seit Montag, seit der Generalversammlung, war Rudi nicht mehr aus dem Werk, und seit Mittwoch, seit Beginn des Generalstreiks, nicht mehr aus den Klamotten gekommen. Keinesfalls wurde das Werk stillgelegt durch die Streikenden, die Produktion nur gedrosselt (der Sipo keinerlei Vorwand zum Angriff!), Notschichten waren zu besetzen. Unermüdlich baute Rudi mit Kollegen und Genossen, die sich Gründonnerstag, nach der Löhnung, kurzentschlossen auch noch bereit waren im Werk zu bleiben, ihre Rechte zu verteidigen, Barrikaden, übte, stand Wache. Leuna durfte nicht in Sipo-Hände fallen! Hier, ja hier, sollte die entscheidende Schlacht geschlagen werden! Von Leuna aus sollte das Signal zum Todesstoß geblasen werden, dass die Sirenen des Aufstandes im ganzen Land aufheulten!
Karfreitag war Rudi bei der Entwaffnung der Werkspolizei, dann bei der Besetzung des Verpflegungsmagazins dabei, riss zum Werk führende Straßen auf, kappte Telefonmaste, errichtete Verteidigungsstellungen. Wie die meisten Kämpfer in den dreizehn eilends aufgestellten Kompanien hielt er jedoch mehr von einem Überraschungsangriff auf die Merseburger Garnison, als vom Verschanzen. Die Aufstandsleitung aber war anderer Meinung.
Ostersonnabend gab's bei einer Patrouille in der Nähe des Vorwerks Bäumchen den ersten Schusswechsel. In den Dorfkirchen rings ums Werk läuteten die Glocken Sturm. Die Kumpel im Geiseltal schlossen sich dem Generalstreik an. Ostersonntag verschärfte der Merseburger Regierungspräsident den Ausnahmezustand. Ostermontag besetzte Rudis Kampfgruppe im Schutze ihres Panzerzuges Spergau, musste bis Mittag aber einer Sipo-Übermacht, anrückenden Verstärkungen offenbar, weichen.
Und für den Dienstag war im gesamten Reich, dem Beispiel Leunas folgend, die Abstimmung über einen landesweiten Generalstreik vorgesehen. Das Fanal!
Im Morgengrauen wurde Rudi in die Baracke 774, zum Stab, gerufen. Rings ums Werk waren merkwürdige Sipo-Bewegungen beobachtet worden. Rudi sollte mit seiner Gruppe schleunigst die Mannschaften am Bahndamm vor dem Haupttor verstärken. Die aber hatten sich schon hinter den vermeintlich Schutz bietenden, übermannshohen, hölzernen Werkszaun zurückgezogen. Und als dann urplötzlich Haubitzbeschuss einsetzte, in nächster Nähe Granaten einschlugen, das riesige Gasometer hinterm Haupttor wie eine gigantische Fackel aufflammte, all das Heulen und Krachen und Knallen und Bersten gespenstisch beleuchtete, zogen sich die Genossen nicht, wie für einen eventuellen Angriff besprochen, in die Maschinenhäuser zurück (da diese doch sicherlich von den Angreifern geschont werden sollten), sondern stürmten kopflos in Richtung Siedlung davon. Was, wenn einer der Ammoniakbehälter getroffen würde - Gastod, tausendfach? Rudi rannte durch dieses Chaos zum Stab, wollte Meldung erstatten, doch die Baracke 774 war leer. Waren die Kommandeure ihren in Not geratenen Verbänden zu Hilfe geeilt? Aber die Kämpfer flohen, flohen scharenweise! Rudi wurde von panischer Verlassenheit gebeutelt, hetzte seiner Gruppe nach. Vom Wasserwerk bellte heftiges Maschinengewehr herüber. Nur hie und da schlug den nun überall im Werk und sogar in der Barackenstadt krepierenden Haubitzgranaten todesmutig Gewehrfeuer entgegen.
Rudi jedoch lief schon durch die Siedlung, entging wie durch ein Wunder der Sipo, die in der Nähe der Schulbaracke entmutigend viele Kämpfer gefangen hielt, wollte zur Eisenbahnbrücke und über die Saale. Von dort aber stürzten Genossen mit stieren Augen, röchelnd, von Maschinengewehrsalven verfolgt, wie ein Schrei an ihm vorbei und die die Arme der Greifer. Ein Hexenkessel. Alles schien hermetisch abgesperrt.
Rudi schlug sich durchs Gebüsch der Saale-Anlagen, wusste nicht mehr wohin, konnte aber unmöglich stehen bleiben. Rudi floh, floh sich selbst nun, floh... Dann, oberhalb der Badeanstalt entdeckte er im jenseitigen Ufergestrüpp ein Floß, ein wie eine Fähre benutzbares Floß, holte es über und überbrückte glücklich die eisigen Wasser der Saale. War von einem, im Schutze der Nacht aus Kröllwitz herangeführten, oberhalb der Badeanstalt versteckten Floß nicht zwischen KAPD-Funktionären, der Aufstandsleitung, getuschelt worden, als er im Morgengrauen die Stabsbaracke verließ - im äußersten Notfall...? Im Gegensatz zu den alles andere als heldenhaften Kommandeuren entkam Rudi nicht. Kurz vor Kriegsdorf wurde er erkannt, ins Werk verschleppt und gleich siebzehnhundert Leuna-Kämpfern ins Silo gepfercht.
Vielleicht war das das Schlimmste: da gefangen zu sein, wo man arbeitete. Rechts, links, vor, hinter, über und unter einem dieser erdrückend wuchtige, klammgraue Beton. Hoffnungslos. Unerreichbar hochoben schießschartige Fenster. Darunter auf Gitterrosten die bleichen, zuweilen grinsenden, dann wieder brüllenden Schergen. Und statt des vertrauten Düngerstaubes, des weißen, feinen Düngerstaubes, nichts als Schniefen und Stöhnen, Keuchen, Schluchzen, Flüstern und Knurren der Geschlagenen und Verletzten, Verängstigten, Verhöhnten, den mutlos sich und die Welt nicht mehr Verstehenden in den beiden Kammern des Silo. Idealer Kerker. Ab und zu stach ein Scheinwerferstrahl in die Masse Mensch. Ab und zu wurden Männer hinausgeschleift. Ab und zu kam einer nicht wieder. Bei Kröllwitz und Rössen, bei Daspig wie in der Siedlung, längs der Saale und auf dem Werksgelände, in den Baracken, den Maschinenhäusern, hinter dem Silo, überall eben, wo's der Sipo verdächtig nach rotem Leuna roch, wurde geprügelt, zerschlagen, verstümmelt, erdrosselt, erschossen. Ringsum hörte man den Tod, hörte ihn wie den Wind, der sich aufheulend in den Betonnischen fing. Und stündlich, dann täglich, wurden Versprengte, Geflohene, Entnervte in den betäubend dunklen, kotigen Silomief gesperrt. Stumpf aß und trank man kärgliche Rationen. Aasgeschmack, Grabgeruch.
Mein Tischgenosse nickte vor sich hin, so als wäre er während seines Erzählens senil geworden, kerbte auch nicht mehr seinen Bierdeckel, was er zeit des Erzählens unablässig getan hatte. Ja, während mein Deckel inzwischen etliche Rundenstriche zierten, waren im blütenweißen meines Freundes nun Buchstaben erkennbar, drei, wenn ich recht sah. Ein R und ein I und ein P wohl. Merkwürdig, was sollte das darstellen, die Abkürzung irgendeines Vereins vielleicht? RIP. Ein Verein womöglich, dem ich diskret beitreten sollte? Deswegen diese ganze Erzählerei? RIP. Das alles hier also eine Art Werbung, Agitation, Propaganda? Zahlte ich nicht längst genug Mitgliedsbeiträge an Vereine, in denen man halt zu sein hatte, Gewerkschaft und Konsum und dergleichen. Aber nein, meinem Tischgenossen schienen meine Gedanken einmal mehr offenbar. Er lächelte. Das seinen bloß Initiale, die von Rudolf Irmfried Pehnert nämlich, seine Initiale. Seine Initiale? Rudolf?
Bevor ich meiner Verblüffung, meinem Zweifel oder was auch immer Luft machen konnte, fragte mein Gegenüber mich jedoch schon, was ich fürs Werk tue, vielleicht sogar in Rudis Sinn? Denn im Werk arbeitete ich doch, oder?
Ich nickte. Schicht für Schicht vorm Monitor oder in der Anlage, warum wohl hockte ich hier, wollte meine Ruhe, nichts als meine Ruhe. Was aber tat ich eigentlich im Werk? Was ich tun musste, was alle taten, um gut zu verdienen, um ihre Ruhe zu haben, oder? Wäre das nicht auch eine Theorie wert: Was verelendet und bricht letztlich zusammen, wenn man Schicht um Schicht behäbiger wird? Wem wird dann ein Todesstoß versetzt?
Dämmrig war es geworden, das Gasthaus füllte sich. Missmutig schaltete der Wirt Beleuchtung ein, das Gaslicht über der Theke allerdings nicht. Funktionierte wohl nicht mehr, die Funzel, diente offensichtlich allein nostalgischen Zwecken.
Vielleicht fühlte sich mein Tischgenosse in diesem Licht durchschaut, oder versuchte er mich endlich gesprächiger zu machen? Jedenfalls bestellte er eine weitere Runde und ließ diese tatsächlich auf seinem RIP-Deckel anschreiben. Na, da schau an. Kam ich etwa doch noch auf meine Kosten?
Durch den wie Zigarettenrauch im Lokal hängenden Kneipenlärm forderte ich meinen Tischgenossen auf, mir seine Geschichte zu Ende zu erzählen.
Zu Ende erzählen? Mein Gegenüber starrte mich entgeistert an. Ich prostete ihm zu. Er werde mir doch nicht weismachen wollen, dass da nicht noch was käme, 'ne Moral zumindest. Denn in das Geschichtsbild, das mir bislang über die Märzkämpfe vermittelt worden war, alles Helden, die Genossen, passe die Rudi-Story beim besten Willen nicht. Und seien Anna und Rudi schließlich zusammengekommen, hatten sie sich noch verlobt, hatten sie geheiratet zu guter Letzt und Kinder bekommen?
Mein Tischgenosse kniff die Lippen zusammen, blickte mich mitleidig an und schüttelte resigniert den Kopf. Oder sollte dieses Kopfschütteln bedeuten: du hast genug, mein Lieber, für heute mehr als genug? Auch der Wirt schien mich auf einmal anzustarren und bedeutungsvoll den Kopf zu schütteln. Oder bildete ich mir mitleidiges Kopfschütteln, Anstarren und wer weiß was alles noch nur ein? Bekam ich langsam nichts mehr in die richtige Ordnung?
Mein Gegenüber stand wortlos auf und verließ den Schankraum ohne im Mindesten zu schwanken dabei. Ich saß und wusste nicht so recht wohin mit mir. Aber niemand kümmerte das. Und mein Freund kam und kam nicht zurück.
So ging ich ihm endlich nach, fand ihn jedoch weder in der Toilette, noch im Hof und auch vorm Tor nicht. War mein Freund nichts als ein Zechpreller oder was? Da war doch, verdammt, noch eine Rechnung offen!
"Rip!" rief ich, wieder und wieder nach Rip und geriet auf den Dorffriedhof nebenan. "Rip, eh Rip, wo steckst du?" Ich hörte Glocken Ostern einläuten, sah mich unversehens einer arg verwitterten Inschrift gegenüber: ...gefallenen ...Kämpfern ...Gedenken ...Lebenden ... Mahnung..., zuckte ob dieser neuerlichen Merkwürdigkeit die Schultern, fühlte mich aber, weiter und weiter suchend, zunehmend beunruhigt.
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