Märzkämpfe

In den letzten Tagen entspann sich in den Medien eine Diskussion über die Märzkämpfe des Jahres 1921, speziell in Leuna. Neue Erkenntnisse sollten aufgetaucht, Opfer plötzlich Täter sein... Was denn für neue Erkenntnisse? Bereits vor mehr als 20 Jahren hatte ich die Geschichte "Gegen Ostern, Gasthaus Daspig" geschrieben, die dann 1996 in meinem Buch "Graureiherzeit" veröffentlicht wurde.
Gern gebe ich der Diskussion hier also nochmals meine Sicht auf die Märzkämpfe hinzu:



Gegen Ostern, Gasthaus Daspig

Meine Ruhe, nichts als meine wohlverdiente Ruhe wollte ich haben, nach der Schicht Gedanken nachhängen, die ich bei einem Bier am besten zu ordnen und zu verdauen hoffte, da setzte sich dieser Mensch an meinen Tisch. Seitdem ich die Kneipe betreten hatte, fixierte mich dieser Typ. Angestrengt hatte ich ins Bierglas oder aus dem Fenster gestarrt. Außer uns beiden und dem nur gelegentlich erscheinenden Wirt war niemand hier.
Statt wenigstens anstandshalber zu fragen, ob er an meinem Tisch Platz nehmen dürfe, behauptete dieser Mensch, zu seiner Zeit sei es undenkbar gewesen, dass man sich unter Arbeitern derart aus dem Wege ging. Probleme?
Nach den Klamotten zu urteilen, die ihn umschlotterten, musste seine Zeit Jahre, ach was, Jahrzehnte her sein. Dabei erschien er mir um einiges jünger als ich, Mitte zwanzig vielleicht.
Über der Thekenbeleuchtung Trinkt Sternburg Bier ragte eine altersbraune, verschnörkelte Gaslampe in en Schankraum. Wie viele Renovierungen mochte die überdauert haben, wie viele Biersorten und Wirte? Mein nunmehriger Tischgenosse folgte meinem Blick und meinte dann, wohl um sich interessant zu machen, mein Schweigen zu brechen, diese Funzeln seien hier, kaum dass das Werk stand, wie Pilze aus den Decken geschossen. Der Fortschritt eben! Sehr witzig.
Ich schielte nach dem Wirt, wollte zahlen. Der jedoch schien einmal mehr einer einträglicheren Nebenbeschäftigung nachzugehen, war nicht zu entdecken. Mein Tischgenosse setzte sich bequem. Ein Idyll hatte ich, als ich hier einkehrte, sicher nicht erwartet, einen Platz, der mich wenigstens in meiner Freizeit mal vom Werk freikommen und halbwegs zu mir finden ließ, allerdings. Keine Frage, ich fühlte mich belästigt.
Einfach aufstehen und gehen? Was hatte ich schon - zwei Bier, zwei Korn? Doch dann dürfte ich mich im Gasthaus Daspig bestimmt nie wieder blicken lassen. Schade, ohne diesen muffig riechenden, aufdringlichen Menschen wäre diese Kneipe durchaus gastlich. Und nicht mal der triste Fensterblicke zum Wasserwerk würde stören, denn was war dieser Ausblick im Vergleich mit dem alltäglichen Anblick des ganzen Werkes, Riesenwerkes, allgegenwärtig, überall und jederzeit.
Schöne Aussicht habe das Gasthaus zu seiner Zeit noch geheißen, nuschelte mein Gegenüber. Er nickte gen Wasserwerk, als wolle er fragen, ob ich dort arbeite. Und da ich weiterhin schwieg, erklärte er schließlich, das Wasserwerk zwar nicht so gut wie den Ammoniakbetrieb oder das Silo, für einen Erfahrungsaustausch aber sicherlich gut genug zu kennen. Na, danke - das hätte mir jetzt gerade gefehlt.
Ich trank mein noch halbvolles Bierglas in einem Zuge leer. Mein Tischgenosse zwirbelte sich den Schnauzer, kerbte dann mit schwarzrissigem Daumennagel seinen Bierdeckel. Mir fiel auf, dass mein Gegenüber vor einer völlig schalen Neige saß, schon seitdem ich den Schankraum betreten hatte, offenbar. Ach, das war es! Dem Manne konnte geholfen werden. Ich überrechnete, was meine zwei Bier, zwei Korn plus ein Bier, ein Korn für diesen armen Schlucker hier kosten würde (sicher Preisstufe eins, oder?), wollte gerade meinem, nach der letzten Löhnung noch leidlich gefüllten Portemonnaie fischen, das abgezählte Geld über den Tisch schieben, mir also einen passablen Abgang verschaffen, da erschien der Wirt. Und bevor ich irgendetwas sagen konnte, hatte mein Freund bereits eine Runde bestellt. Taktik oder nicht, ich fühlte mich dermaßen durchschaut, dass ich, kaum dass die Biere und Klaren auf dem Tisch standen, dem Wirt meinen Deckel zum Anschreiben hinschob. Nein, kein Protest, diese Runde ging auf mein Konto. Möge es nützen, Prost!
Doch bewirkte ich das Gegenteil des Erhofften. Mein Gegenüber zog sich keinesfalls wieder zurück, sondern begann, aus Dankbarkeit wohl, mir eine Geschichte zu erzählen:
Rudi, habe die Mutter selig immer gesagt, die Wirtschaft ernährt uns nicht mehr, sieh dich alsbald nach Arbeit um! Weit brauchte er da ja nicht zu blicken, wurde doch mitten im Kriege hier, mitten in Mitteldeutschland, weit entfernt von den Fronten also, das Leunawerk aus den Feldern gestampft. Und nachdem der Vater gefallen und die Mutter gleich so manchem Nachbar Grund und Boden an die Schlotbarone verkaufen musste, wollte sie nicht enteignet werden, blieb ihm, Rudi, wohl oder übel nichts anderes übrig, als sich im Werk zu verdingen. Angefangen habe er als Stift in der Ammoniakfabrik, Me 13, und konnte sich ewig nicht an den Rotz und Tränen treibenden, scharfen Gestank, in dem Kollegen aber wie selbstverständlich ihre Frühstücksbrote verzehrten, gewöhnen. Das jedoch sei mit Sicherheit nicht der Grund gewesen, weswegen man ihn nach dem Kriege in die Ammonsulfatsalpeterabteilung versetzte. Dort wurde erweitert. Denn in immer mächtigeren Versammlungen und endlich mit einem Generalstreik hatte die Belegschaft gefordert und letztlich auch durchgesetzt, dass die Kriegsproduktion, Sprengstoffe, auf eine eindeutig friedlichen Zwecken dienende umgerüstet wurde - Düngemittel. Nie wieder sollten Leuna-Produkte Tod bringen können!
Ich räusperte mich. Was tischte mein Freund mir da für olle Kamellen auf! Hatte er nicht mitbekommen, was jüngst Werksgespräch war? Japaner hatten angefragt, ob sie die Leunaer Ammoniakanlagen kaufen könnten. Dieser Kaufwunsch löste in der Chefetage, und sicher nicht nur da, Erstaunen aus. Was wollte man im High-Tech-Land Nummer eins mit jenen altväterlichen Reaktoren? Bald stellte sich aber heraus, dass kein Chemiekonzern, sondern ein Museum sein Interesse angemeldet hatte, denn immerhin war in eben diesen Reaktoren weltweit erstmals unter Industriebedingungen Ammoniak aus Luft erzeugt worden. Das wollten die Japaner würdigen. Natürlich konnte solchem Ansinnen nicht entsprochen werden, außerdem funktionierten diese ersten großtechnischen Haber-Bosch-Anlagen irgendwie noch immer, produzierten unter Hochdruck für den Plan! Infolge jener Anfrage sollten nun aber Überlegungen im Schwange sein, die Ammoniakfabrik zum Technischen Denkmal zu erklären, durch eine blau¬weiße Denkmalschutz-Plakette die unsäglichen Arbeitsbedingungen in diesem Uraltbetrieb womöglich sogar zu legitimieren.
Mein Gegenüber lächelte freundlich, doch verständnislos, trank einen Schluck Bier und erzählte weiter:
Im Silo, der größten Düngerlagerhalle Deutschlands, der ganzen Welt womöglich, arbeitete Rudi nun also. Mit der Morgensirene, sechsmal die Woche auf die Sekunde genau halb acht, bis zur Feierabendsirene dreiviertel fünf (sonnabends dreiviertel eins) lockerte, schaufelte, karrte, wog, schüttete, schaufelte, karrte, lockerte er ihm selten mehr als ein Sandkörnchen anmutende Mengen der in den schier endlosen, festungsähnlichen Betonkammern eingelagerten Düngerwüsten, unermüdlich, wie gehetzt. Da der Lohn trotzdem kaum fürs Lebensnotwendigste reichte, ja, man für sein sauer verdientes Geld immer weniger kaufen konnte, besuchte er bald regelmäßig Versammlungen, hockte auch des Öfteren hier in der Schönen Aussicht oder im Heiteren Blick mit Genossen zusammen. Für deren vereinigte Partei war im Februar, bei den Wahlen zum Preußischen Landtag, im hiesigen Regierungsbezirk von jedem vierten Wähler gestimmt worden, auch von Rudi natürlich. Was sie redeten machte ihm Hoffnung und Mut. Immer wieder war da von Rosa und einer Zusammenbruchstheorie die Rede. Wenn sie, die Proleten, immer weiter verelendeten, würden die Kapitalisten bald nichts mehr absetzen können. Das System sei an der Wurzel getroffen, bräche in absehbarer Zeit von selbst zusammen. Warum so lange warten, Genossen? Versetzen wir dem Kapitalismus den Todesstoß!
Und als dann in der Presse immer lauter die Entsendung von Sicherheitspolizei nach Mitteldeutschland, angeblich zur Verhinderung von Bandendiebstählen in Industrie und Landwirtschaft, zur Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung gefordert wurde, als bei Ammendorf der Dynamitanschlag gegen die Reichsbahn ein Signal setzte (Maxe Hoelz), als es im Mansfeldischen losschlug, wurde Rudi, obwohl von zu Hause aus nicht eben der Mutigste, zum Kämpfer. Gegen Ostern einundzwanzig war das.
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