Merseburger Zaubersprüche (2)

Und hier gleich noch ein zweiter, kleiner Textauszug aus meinen ZauberspruchBlättern (Grafiken von Klaus-Dieter Urban):

"Einem mehr und mehr beengenden Musiker-Dasein versuchte ich als Schriftsteller zu entkommen. So wurde ich nach der Wende Stadtschreiber in Merseburg. Was für eine Zeit! Eine Zeit voller Hoffnungen, doch auch Verunsicherung, voller Pläne, doch auch Orientierungslosigkeit, ja, eine Zeit tief greifenden Wertewandels.
Wie gut, dass ich damals die Zauberspruchzeilen hatte, an uralt Bewährtes anknüpfen, auf Identität Stiftendes aufbauen konnte, ja, zu neuem Mut und Stolz fand und dies auch weiter zu vermitteln suchte. Jahrzehntelang war die Merseburger Region von der Chemie dominiert, schien nun graues Sinnbild für Umweltzerstörung, für Apathie, für Chancenlosigkeit. Ich schrieb über diese Janus-Köpfigkeit: hie Hochkultur, da Verfall, immer und immer wieder, schrieb so selbstredend auch gegen eigene Ängste an, wollte nicht zu letzt erfahren, wer ich selbst bin, woher ich komme, wohin ich gehe… Und dabei spielte eine Zeile immer und immer wieder eine zentrale Rolle: insprinc haptbandun inuar uîgandun…
So kam eines Tages eine Einladung, einen Vortrag über das älteste deutsche Literaturdokument heidnischen Inhalts an einer kanadischen Universität zu halten. Keine Frage, wie gut dies meinem (ost)deutschen Selbstbewusstsein tat! Und als ich in Toronto dem Taxifahrer (offenbar in bestem sächsischen Englisch) sagte, wohin ich wollte, sagte der: 'Oh, you came from saxonia?' – ''Really, from the magic spell town!'"
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