Siegfried Berger (Fortsetzung 1)

Siegfried-Berger-Lesebuch herausgegeben von Hans-Martin Pleßke
Als erfolgreichstes wie bekanntestes dieser Werke Siegfried Bergers gilt das Buch, mit dem er als Schriftsteller debütierte. „Das Probejahr“ erschien von November 1923 bis Februar 1924 in 13 Fortsetzungen im Unterhaltungsteil der Zeitung, der er in jener Zeit als Redakteur vorstand, dem „Merseburger Korrespondent“, dann 1924 auch als Buch und wurde bis in die vierziger Jahre in stattlicher Auflagenhöhe immer wieder verlegt. Interessant, dass „Das Probejahr“ im Untertitel der frühen Ausgaben „Eine heitere Kleinstadt- und Kandidatengeschichte“, in den späten jedoch „Ein heiterer Roman“ genannt wird. Da scheint offenbar sein Verleger Helmut Schoepke verkaufsfördernd kreativ geworden zu sein, denn ein Roman ist das „Probejahr“ selbstredend nicht.
In der Geschichte tritt Gotthard Detlev von Arpshagen (Dr. phil. wie der Autor) für ein Probejahr eine Lehrer-Kandidatenstelle an einem Gymnasium an (Ähnliches durchlebte der Autor zumindest für einige Wochen). Der Protagonist scheitert aufgrund seiner fortschrittlichen pädagogischen sowie vor allem seiner künstlerischen Ansichten folgerichtig und verlässt die Kleinstadt, die ansonsten wohl zum Ort seiner Karriere geworden wäre, konsequent.
Zeitgenössische Rezensenten urteilten: „Der moderne Mensch, der Künstler mit seiner jung-frischen Lebensanschauung – und die harmlos-humorlos-verkalkten Spießer aller Schattierungen, besonders die am Gymnasium von Anno Dunnemals – das gibt ein reizvolles Kleinstadtidyll. Das aber glücklicherweise niemals bitterböse erschaut ist, wenn’s auch heute zum Nachdenken anregt.“ (Magdeburger Generalanzeiger) – „Nicht nur Spott – nein, goldener Humor blinkt aus dem netten Büchlein Bergers, echter, wahrer, bis zu Tränen rührender Humor.“ (Leipziger Neueste Nachrichten) Keine Frage, dem kann man getrost zustimmen. Das „Probejahr“ enthält meisterlich gestaltete Szenen, kundige Beschreibungen und pointierte Dialoge (nicht selten präzise in Mundart), die dem Erstlingswerk Siegfried Bergers einen Platz auf einer Auswahlliste Mitteldeutscher Literatur sichern sollte.
„Detlev … betrachtete belustigt die eleganten Referendare, die ihre reservekavalleristischen Eigenschaften sofort den „herrenlosen“ Damen der Garnison widmeten. Wie sie die Hacken zusammenschlugen und schnarrten, bildeten sie einen vollen Ersatz für die Blaujacken… Wenn er Anatom wäre, überlegte der Kandidat, er würde sich einen solchen Referendar testamentarisch vermachen lassen. Vermutlich hatten die in der Beckengegend ein ausgezeichnet funktionierendes Kugelgelenk; anders waren diese exakten und doch unendlich differenzierten Verbeugungen gar nicht zu erklären. Sie wippten eigentlich unaufhörlich und wussten auch irgendwo mit diesem Kugelgelenk eine Skala verbunden haben für den Grad des Winkels, den sie nach dem Rang des zu Grüßenden bemaßen.
Erstaunlich jedoch, dass „Das Probejahr“ bislang augenscheinlich ausschließlich als Reihung heiterer Begebenheiten gelesen wurde, der Sinn der Handlung aber alles andere als heiter ist. Dies umso mehr, da Siegfried Berger für „Glanz über einer kleinen Stadt“ zehn Jahre darauf eine ähnliche Handlung konstruierte. Zwar erreicht diese „Geschichte von Husaren, Kleinbürgern und Großfürsten“ (so der Untertitel) nie den Glanz des „Probejahres“, am Ende bleibt dem Protagonisten Dedo von Haym allerdings auch hier nur, der „alten Garnisons- und Residenzstadt“ den Rücken zu kehren.
Gut, Siegfried Berger blieb in Merseburg, blieb seiner Heimatstadt in jeder Hinsicht und ohne sich zu verrenken treu. Lesarten, dass seine „Merseburg-Bücher“ mehr oder weniger gelungene Illustrationen Merseburger (Alltags)Geschichte seien, greifen aber schlichtweg zu kurz. Mit Sicherheit waren diese Bücher auch eine Möglichkeit eines profunden und sensiblen Autors auszuloten und auszuspielen, ergo auszuschreiben, was er sich im Alltag versagte. Ein Signal vielleicht sogar an all diejenigen, die seine Heimat eng, muffig, lächerlich machten? Eine Begründung womöglich sogar für sein Schreiben u n d sein außerordentliches kulturpolitisches Engagement?
Immerhin bekannte er in seiner „Selbstanzeige eines Fünfzigjährigen“, das er keinen unlösbaren Gegensatz zwischen praktischem Beruf und Schriftstellerei sähe, sondern nur die Schwierigkeit, für beides Zeit und Kraft zu finden.
0
 auf anderen WebseitenSendenMelden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.