Siegfried Berger (Fortsetzung 2)

Bergers Grab auf dem Altenburger Friedhof in Merseburg
Wie sehr Siegfried Bergers „Merseburg-Geschichten“ als Schlüsseltexte gedeutet wurden, mag glossieren, was ich jüngst in einem der letzten im Merseburger Stadtarchiv noch vorhandenen Band seiner Erzählung „Die erlauchten Gebeine“ fand. Offenkundig aus einem privaten Nachlass übernommen, hatte der Vorbesitzer darin handschriftlich Korrekturen vorgenommen: Durchgestrichen war z.B. „Eschenburgern“, darüber gesetzt: „Merseburgern“, neben die Passage „Unschwer fand sie in der Gasse zwischen niedrigen, armen Häusern den kleinen Laden…“ war gekritzelt: „Unteraltenburg 61“, die Bezeichnung „Vorsitzender des Heimatvereins“ war ergänzt durch „Ortmann“ und „eine Kaffeestube“ durch „Elkner“ usw. usf.
Nicht mehr so recht nachvollziehbar scheint, warum die gewiss als heiter zu klassifizierenden (allerdings 1946 im Bertelsmann Verlag Gütersloh erschienenen) „Erlauchten Gebeine“ zu DDR-Zeiten angeblich aus den Beständen öffentlicher Bibliotheken entfernt werden mussten. Fingerzeig darauf, was dem Autor widerfahren wäre, wäre es ihm vergönnt gewesen länger zu leben, zu arbeiten, zu schreiben?
Nachweisbar gelangten erstmals im Februar 1946 (zu Bergers Lebzeiten also noch!) einige seiner Bücher auf den Index sprich: in ein örtliches „Verzeichnis der auszusondernden Bücher“, Kategorie A2 „Einzelne Titel, welche endgültig zu entfernen sind“: „Glanz über einer kleinen Stadt“, „Heilige Opfer“, „Schlote wachsen im Land“, „Schöpferische Menschen aus Mitteldeutschland“, und in einen überregionalen Nachtrag vom April 1952 zudem: „Regine und die Ahnherren“.
Nie in Frage gestellt, aber m. E. unter Wert gehandelt, wurde Siegfried Bergers geschichtliche Erzählung „Die Feuersbrunst“, die durchaus als Kleinod Merseburger Geschichtsschreibung gesehen und genutzt werden sollte. Im Vorwort bekannte Berger: „Aus dem, was über die erste Merseburger Druckoffizin Brandis zu erfahren und was aus ihren drei frühen Wiegendrucken der Jahre 1473 und 1479 zu schließen war, sowie aus der knappen Chroniknotiz über den großen Brand von 1479 ist die nachfolgende Erzählung –ohne sklavische Bindung an die Quellen- herausgesponnen. Sollten in ihr die geistigen Vorkämpfe der Reformationszeit, die religiöse und sittliche Not, das Leben in der engen Stadt des großen Bischofs Thilo von Trotha deutlich werden, sollten auch die vom aufgehenden Humanismus schon leise beschienenen Züge der ersten tapferen Vorkämpfer der ‚schwarzen Kunst’, die eine lichtbringende ist, erhellt werden, so wäre die Herausgabe gerechtfertigt.“
Dennoch mutet etwas seltsam an, dass der mit mitteldeutscher Geschichte bestens vertraute Autor ausgerechnet den eher unbedeutenden so genannten Hoburgk-Brand zum Hintergrund einer so umfänglichen und sorgfältig geschriebenen Erzählung macht. Verheerender für Merseburgs Entwicklung waren z.B. der Hoyken-Brand von 1387, der Merseburg als Handelszentrum ruinierte, oder der Thyme-Brand von 1444, dem alle alten städtischen Urkunden und Privilegien zum Opfer fielen. Was also mag den fein- und hintersinnigen Autor gerade zu dieser Erzählung motiviert haben? – Dass 1479 der Bürgermeister zum Brandstifter wurde? Dass am Ende mal wieder ein fortschrittlicher und kreativer Mensch –hier der Buchdrucker Markus Brandis- aus Merseburg vertrieben war?
Sehr bewegt haben muss Siegfried Berger auch der radikale Strukturwandel seiner Heimat im Zuge der Industrialisierung: der Aufschluss der Braunkohlegruben des Geiseltals, der Bau der Großchemischen Werke Leuna und BUNA, die damit einhergehenden sozialen, politischen, demografischen und urbanen Veränderungen. Mehr als zehn Jahre schrieb er an seinem Roman „Schlote wachsen im Land“ bis der 1937 in den „Hallischen Nachrichten“ unter dem Titel „Schatz im Acker. Menschen und Schicksale aus dem Mittelland“ in Fortsetzungen und im Jahr darauf in der Endfassung erschien. Das Buch bietet zahlreiche genaue und stimmungsvolle Beobachtungen des Merseburger Umlandes wie Beschreibungen des Leuna-Werkes, im Ganzen kann man sich jedoch dem Urteil anschließen, dass Dr. Pleßke im Nachwort seines verdienstvollen, im Jahre 2000 erschienenen Siegfried-Berger-Lesebuches „Das Ja zum Leben“ gab: „Ähnlich wie schon 1931 bei Walter Bauer ‚Ein Mann zog in die Stadt’ wird hier der Aufschluß der Braunkohle und der Einfluß der Industrialisierung im Raum um Merseburg auf jene Menschen geschildert, die ihre Heimat verlieren und vor dem Neubeginn in allen Lebensphasen stehen. Der Schlosser Karl Reinhardt zählt zu den Unentschlossenen und Schwankenden, das zeigt seine Haltung als Leunaarbeiter in den Märzkämpfen 1921 deutlich … Bergers Protest gegen Kapitalgesellschaften und Grundstücksagenten im Roman mutet heute wieder höchst gegenwärtig an. Aber eine durchgehende künstlerische Lösung für seinen Stoff wurde vom Autor nicht gefunden. Dieser Roman wird jedoch als ein Zeitdokument seine Bedeutung nicht verlieren.“
In der 1941 erschienenen Erzählung „Die Glocknerfahrt“ (die im Übrigen ähnlich stolze Auflagenzahlen wie „Das Probejahr“ erreichte) ironisiert Berger diesen Strukturwandel geschickt, um die Handlung in Gang zu setzen:
„Faber lachte sogar ein bisschen, als er jetzt die derben heimatlichen Laute wieder ringsum hörte, und dann schnupperte er wie ein Jagdhund. Da war auch der scharfe, brenzliche Geruch von dem großen chemischen Werk vor den Toren der Stadt. Südwind! Das im Norden gelegene Werk hatte einen anderen Gestank, einen süßlich-scharfen, und es war eine heimliche Augenbeize dabei. Faber lachte verschmitzt und rief sich zur Ordnung. Als Angestellter des südlichen, brenzlich riechenden, zuweilen auch noch angenehmer nach Schwefelwasserstoff duftenden Werkes durfte er auf keinen Fall zugeben, dass durch die chemische Industrie die Luft verdorben würde. Das war nicht zünftig, Doktor Faber, wenn du auch nur eine Zahlenstube mit einer kleinen Armee von bunten Karteikarten regierst. Aber es stank eben doch, und man sah nicht nach der Wetterfahne der alten Stadt, die zwischen den Werken eingeklemmt lag, man schnupperte nur am Fenster und wusste: Nordwest oder Südost. Doktor Faber hatte seine Nasenwetterfahne sogar noch verfeinert und konnte Südsüdost und Südost unterscheiden, denn er hatte die Werke seit zwei Jahrzehnten mit aufbauen sehen und wusste, wo die Drachenschlünde lagen, aus denen die Gase strömten. Aber er kannte auch jeden Pflasterstein der Altstadt…“
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