Siegfried Berger (Schluss)

Originalausgabe
Startete man heute unter Merseburgern eine Umfrage, welcher Titel Siegfried Bergers einem spontan einfalle, würde mit hoher Wahrscheinlichkeit „Die Rabenhochzeit“ genannt werden. Erstmals erschien diese Satire 1932 im Band „Schlossgeschichten“, in einer von Berger 1941 veränderten Fassung letztens in „Das Ja zum Leben“.
„Wie Johannes, des Bischofs Thilo von Merseburg getreuer Diener, um eines Raben Goldlüsternheit willen den Kopf einbüßte und zum Zeichen seiner Unschuld nach der Enthauptung die Arme emporriß: diese alte Geschichte steht in manchem Kinderlesebuch, und jeder, der in die alte Stadt Merseburg an der Saale, eine Stadt der Sachsenkaiser und neuerlich des Benzins und Bunastoffs kommt, und über den ragenden Schloten die schönen Schloß- und Domtürme nicht vergisst, der findet heute noch den bösen Räuber hinter Gittern im Käfig eingesperrt … Mit zunehmenden Jahren war der Präsident milder und milder geworden, und als er eines Tages Großvaterwürde erwarb und sein Haus neu gefestigt und fortgepflanzt sah, beschloss er, als Strafmilderung für den Raben die Einzelhaft und das Zölibat aufzuheben und dem Häftling die Freuden des Ehelebens in Gnaden zu bewilligen.“
Würde dieser Berger-Text an Merseburger Schulen zur Pflichtlektüre, wäre dies in zumindest zweierlei Hinsicht begrüßenswert: zum einen ob des intelligenten und geschickten Umgangs mit lebendiger Historie, zum anderen ob der hohen Qualität der Sprache.
„Es war der Direktor des nächsten zoologischen Gartens, der als Kommunalbeamter sonst kaum Aussicht hatte, in den Besitz einer sichtbar zu tragenden Auszeichnung zu kommen, eine Ehre, recht bald aus Ungarn, es war vielleicht auch anderswoher, eine echte Räbin zu beschaffen und die Gefangene persönlich nach Merseburg zu bringen, die grimmig und störrisch in ihrem Reisekäfig saß. Nach kurzem Vortrag bei dem Präsidenten fand in dessen Beisein die Vermählung statt: die Räbin wurde in den Käfig des Einsamen gesetzt. Verstockt oder versonnen nahm sie in einer Ecke Platz. Der alte Rabe setzte sich, grenzenlos verwundert, auf die oberste Sprosse und – behielt sich weiteres vor, so hätte man es in der Aktensprache ausdrücken müssen.“
Mittels Aktensprache (der Siegfried Berger als hoher Verwaltungsbeamter alltags natürlich mächtig zu sein hatte) dubiose Verwaltungsvorgänge und den Beamtenbetrieb schlechthin bloß zu stellen, ist zweifellos eine Meisterleistung:
„Wir hoffen, dass im gelehrten Deutschland die grundsätzliche Seite, gleichsam die Strukturwandlung der räbischen Rechtsstellung noch gründlich untersucht wird und auch die erforderlichen Gegenschriften erscheinen, damit eine gehörige Literatur hierüber entsteht.“
Siegfried Berger selbst hat das Raben-Thema zumindest noch einmal in seiner Schnurre „Der unhöfliche Rabe“ variiert, die auch einem seiner letzten, noch zu Lebzeiten erschienenen Band, den Titel gab.
Und in der der Berger-Erzählung „Rezensenten“, lautet der letzte Satz: „Auch in der Kleinstadt konnte man großer Kunst begegnen und eigenartigen Menschen, die ihr mit Leidenschaft dienten...“.
Bleibt also zu hoffen, dass es in Merseburg in nicht allzu ferner Zukunft eine Siegfried-Berger-Stiftung geben wird und diese segensreich für die weitere Entwicklung eines guten (literarischen) Klimas wirken kann. Oder?
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3 Kommentare
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Dietmar Sievers aus Halle (Saale) | 18.11.2012 | 18:13   Melden
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Jürgen Jankofsky aus Leuna | 19.11.2012 | 13:45   Melden
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Luftfahrt- und Technik- Museumspark aus Merseburg | 01.02.2013 | 16:19   Melden
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