Spergauer Lichtmess - Bär und Milchmann

Spergauer Erbsbär
Und nun kommt noch der Bär und der Milchmann:
Milchkannenträger oder einfach Milchmann und Erbsbär oder einfach Bär heißen die beiden Figuren, deren Darstellung älteren, verheirateten Männern vorbehalten bleibt. Möglicherweise erklärt das schon hinlänglich die dezente Note des Milchmannkostüms: Großvateranzug, Vatermörder, blaue Bockschürze, weiße Mütze, Blume im Knopfloch. So buckelt der Milchkannenträger das klobige Trageholz mit den beiden Milcheimern daran.
Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert soll diese Lichtmessfigur noch Aufwärter genant worden sein – und in dieser Funktion nach Lichtmess auch zu Pfingsten eine Rolle gespielt haben – Heiratsmarkt! Heute scheint fraglich, wie lange die einst offenbar wichtige Figur Aufwärter/Milchmann noch weiter mit den Heischegängern durchs Dorf ziehen wird. Denn welcher Spergauer hält sich heute noch eine Kuh im Stall! Wie viele Dorfbewohner sind überhaupt noch Bauern! Am Freitag oder Sonnabend vor Lichtmess holt man sich nach der Schicht im Supermarkt schnell ein paar Milchtüten, um die dann dem Milchmann am Sonntag in den Eimer legen zu können… Ein Anachronismus. Oder sollte diese Figur vielleicht zunehmend eine Art Gesellschafter spielen – damit die Jungschen sich ordentlich benehmen, also ordentlich Abgaben eintreiben?
„Sieht der Bär zu Lichtmeß seinen Schatten, kriecht er in seine Höhle zurück – gibt es einen langen Winter…“
Allein durch diese einst weit verbreitete Bauernregel scheint erklärlich, dass sich mit dem Bären seit alters her Wintervorstellungen verbanden. Ja, der Erbsbär könnte eine der ursprünglichen Lichtmessfiguren sein. Möglicherweise waren der Bär und der Läufer einst sogar direkte Gegenspieler im Festverlauf, kämpften vielleicht sogar miteinander – Winter gegen Frühling? Angeblich soll der Läufer den Bär nach dem abendlichen Lichtmesstanz einst sogar „erschlagen“ haben… Einiges von der Ur-Gefährlichkeit des Bären zuckt noch heute auf: Da tapst dieses Urvieh in der Frühe zur „Linde“, wirbelt grimmig brummend das Stelldichein des Lichtmessvolks durcheinander, da versucht dieses zottelige Ungetüm beim Umzug wieder und wieder auszubrechen, wirft sich grobschlächtig in die Menge… Kein Wunder, dass um den Bären alljährlich ein großes Geheimnis gemacht wird, oft nicht mal alle Küchenburschen, geschweige denn Schaulustige informiert sind, einzig der Bärenführer weiß, wer unter dem Erbspelz steckt. Vielleicht ganz gut, dass dieser finstere Gesell an die Kette gelegt wurde, nun stets ein Bärenführer dabei ist. Der Bärenführer zieht, schiebt, stößt, treibt den Bär jegliche totemistische Ehrfurcht vermissen lassend durch Straßen und Gassen in Höfe und Häuser, auf dass er tanze! Ja, dieser mutmaßlich einst stolze Gegenspieler des Frühlings, diese möglicherweise einstige Hauptfigur – durch Überlagerungen und Umdeutungen ursprünglichen Geschehens mehr und mehr funktionslos geworden, trottet nun brav mit den Heischegängern, hilft mit seinen Auftritten, die Lichtmesskasse zu füllen.
Beeindruckend ist dieser Auftritt allerdings: Von Kopf bis Fuss hüllt den Bären dickes, muffiges Erbsstroh. „Wer eine Erbse hineinsteckt, wird eine Schote ernten!“ Oder verdeutlicht dieses Stroh, dass alles Vertrocknete, alles nicht mehr Grüne im Dorf zusammengetragen, zusammengebunden wurde, somit nicht mehr die neue Saat am Wachsen hindern könnte? Nach dem Chaos des Ersten Weltkriegs soll der Bär zwei-, dreimal ohne sein Strohkostüm, soll nur pferdeähnlich erschienen sein. Doch längst ist der Erbsbär wieder von Kopf bis Fuss der Alte. Nur die bloßen oder in Handschuhen steckenden Hände verraten den Mann im Bärenpelz. Aus dem massigen Erbsstrohkopf hängt lang eine rote Stoffzunge. Unter solcher Vermummung schwitzte mancher sicher schon ohne sich zu bewegen, geschweige denn, zu tanzen. Aber tanzen muss der Erbsbär heute nun mal!
Der Bärenführer schüttelt fordernd sein Tamburin. Widerwillig gehorcht der Bär (und in letzter Zeit auch immer mal wieder ein Bärlein an seiner Seite). Nachdem man Sänger war, kann mal in der gestrengen Lichtmess-Hierarchie anstatt Alter oder Alte auch Guckekasten- oder Handelsmann oder eben Bärenführer werden: Mit Schlapphut, Maske, Halstuch, Weste und Fransenhosen sieht der Bärenführer dem landläufigen Bild von Zigeunern (die um die Ende des 19. Jahrhunderts zuweilen hier gelagert haben sollen) ähnlich… Doch nun beginnt der Bär sich unter den Tamburinschlägen zu drehen. Er legt seinen Knotenstock über die Schultern, dreht sich tapsig, dreht sich selbst in der engsten Küche, tanzt und gibt dabei solch beängstigende Urlaute von sich, dass Kinder, die kleinsten zumal, erschreckt nach Rockzipfel oder Hosenbein der Eltern fassen…
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