Spergauer Lichtmess - Karre (1)

Lichtmesskarre mit Kutscher und Pferden
Nun soll ein auffälliges Gefährt vorgestellt werden: die Lichtmess-Karre:
„Hü!“, treibt der Kutscher seine Pferde an, sich aufs Karre-Ziehen zu konzentrieren. Stimmt, die Karre blockiert des Öfteren die Straße, behindert den Verkehr, hin und wieder liegen die Pferde sogar auf dem Pflaster. Wollen sie etwa ihre übergroße Erdverbundenheit verdeutlichen oder ist dieses Verhalten Ausdruck rechtschaffener Erschöpfung? Immerhin jagten die Pferde schon durch die Morgendämmerung (symbolisch) mit dem Pflug zu Felde, animierten zur Frühjahrsbestellung: Ein Glück, dass die Natur wiedererwacht - doch zu diesem Glück gesellt sich zwingend die Notwendigkeit der Arbeit: nur wer sät, wird ernten!
In der Zeit der Schnurkeramik wohl wurde der Hakenpflug, durch die Kelten der Eisenpflug und irgendwann dann auch der Spergauer Lichtmesspflug eingeführt. Klang mit der Kirmes die Feldarbeit festlich aus, wurde zur Lichtmess erstmals wieder ein Pflug vorgeführt. Symbolischer Beginn des Landarbeitsjahres? Der Kutscher hat sich, wohl in Erwartung langer, schwerer Arbeit, seine Stiefel vorsorglich mit Stroh ausgestopft. Die Pflug-Arbeit der Lichtmess-Pferde könnte jedoch noch eine weiterführende Bedeutung haben: Grundbesitz von Kirchen und Klöstern wird in der Legende oft auf Umfahren des betreffenden Landes mit einem goldenen oder silbernen Pflug zurückgeführt. Dies wiederum beruht wahrscheinlich auf urgesellschaftlichem Recht, wonach Umfahren von Land mit einem Pflug oder Wagen als Inbesitznahme galt. So sind aus der Bronzezeit umpflügte Gräber bekannt. Land der Toten? Ein anderes Zeichen der Inbesitznahme war das Feuer: der neue Besitzer eines Hauses entfachte ein Herdfeuer, der neue Besitzer eines Stück Landes ein entsprechend größeres Feuerchen. Könnte also jenes morgendliche Feuer auf dem Bäckerplatz, durch das die Pferde rasen, nicht nur die Pflugschare stählen, sondern auch dem Pflug-zu-Felde-Ziehen als Wieder-Inbesitznahme der Flur nach dem Winter gleichbedeutend sein? Doppelt hält besser!
Na, denn Hü! und nicht etwa Hott! Fleißige, willfährige Pferde sind gefragt, sonst könnte womöglich die Behauptung an Gewicht gewinnen, die Pferde seien hier einst Mäuse, seien Ungeziefer gewesen, das gezwungen war den Sonnenwagen zu ziehen. Obwohl kultische Wagen in heidnischer Vorzeit wohl die Sonne symbolisierten, scheint die Spergauer Lichtmesskarre mehr zu befördern: Der Volksmeinung nach machte die Sonne an Lichtmess den ersten großen Sprung, Lichtmess galt als erster Frühlingstag. Und an allen wichtigen Einschnitten in den Jahreslauf wurde die Zukunft gedeutet. In der Oberpfalz z.B. galten zu Lichtmess Orakel den Wöchnerinnen: Fällt an diesem Tage nicht soviel Schnee, dass der Friedhof weiß wird, müssen im Jahr so viele Wöchnerinnen sterben bis deren Laken die Grabstätten decken. In Spergau könnte die Lichtmesskarre der Ort der Prophezeiungen gewesen sein. Den Schwarzmachern ist (eigentlich) verboten, sich in der Nähe der Karre aufzuhalten. Niemand darf verscheucht werden! Mit Peitschenknall und Gekreisch werden Schaulustige angelockt. He, wer will einen Blick ins Schicksal werfen? Hier sehen Sie hell! Hier geht Ihnen ein Licht auf! Nach Bezahlung selbstverständlich… Noch vor Jahren flog den Neugierigen, die ein Auge an eines der beiden Gucklöcher pressten, so manches Mal eine handvoll Mehl entgegen. Reiche Ernte dieses Jahr! Mehlmann! Wer heute ein Auge riskiert, kommt anderweitig auf seine Kosten. Heute blicken die Kinder in die Abteilung „Heiles Reich der Tiere“, und die Erwachsenen – aber oh la la, so viel fotografische Offenheit, wer hätte das von solchem Vehikel vermutet…
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