Spergauer Lichtmess - Karre (2)

Lichtmess-Pferde ziehen den Pflug durchs Feuer
In jedem Jahr erscheint die Lichtmesskarre anders grellbunt bemalt als Tannengrün verzierter Kastenwagen, obenauf ein Storchennest. Und auch die Kostüme des Kutschers und seines Kornweibs scheinen stets von neuem einem phantastischen (mythologischem?) Unterbewusstsein entsprungen. (So wie derartige Brauchausübung generell kollektives Unterbewusstsein spiegelt?)
Manche Beobachter wollen im Kornweib, der Alten, sogar eine Schicksalsgöttin, wollen eine Norne gesehen haben. Wie auch immer, zur Arbeit von Pferd und Mensch muss sich im Laufe des Jahres Glück gesellen, die Naturgewalten müssen dem Gesäten gewogen sein. Bange Frage: Was wird die Ernte beeinflussen – milde Wärme oder Dürre, Regen oder Hagel? Vielleicht findet sich eine Antwort in der Karre – dem Schicksalsgefährt?
Und noch mehr an Bedeutung könnte die Lichtmesskarre transportiert haben: Sie könnte eine Art „Ersatzkalender“ gewesen sein. Jahreszeitliches Denken beschränkte sich in grauer Vorzeit offenbar auf Winter und Sommer. Und Winter und Sommer sollen losgelöst von Kalendern im heutigen Sinne geschieden worden sein. Vom Sommer wurde alle Jahre wieder von dem Tag an gesprochen, da eine aufkeimende, aufknospende, aufblühende Pflanze, ein wiedererwachtes, wiedergekehrtes, wiederproduzierendes Tier den Sommer verhieß. Das Wahrnehmen eines wie auch immer gearteten Sommerkünders war an keinen festen Termin gebunden, galt vielmehr als Glückssache. Könnte also jene, scheinbar verstaubte Abteilung „Heiles Reich der Pflanzen und Tiere“ einem jeden, der noch kein Anzeichen des Sommers erblickte, zu diesem Glück verhelfen?
An der Rückfront der Lichtmesskarre ist ein abnehmbares Glücksrad befestigt. Eine zwielichtige Figur, der das Karre-Team komplettierende Glücksrad oder auch Schnurradmann, überzeugt die Leute mit Jahrmarktsstimme, gegen gutes Geld am Glücksrad zu drehen. Berichtete nicht schon Tacitus von der Spielleidenschaft der Germanen? Und das Kornweib soll früher sogar Lose verkauft haben! Aus Losen, Stäbchen, wie sie rundum aus dem Schnurrad ragen, wurde einst an wichtigen Tagen des Jahres die Zukunft vorhergesagt. Und ebenso aus dem Wiehern von vor einen heiligen Wagen gespannten Pferden! Sollte am Schnurrad heute wirklich mal jemand gewinnen, erhält er den herrlichsten Plunder, den man sich vorstellen kann. Na, dann mal ran und kräftig Schwung geholt – es könnte Glück bringen! Allerdings nur, wenn man nicht der Auffassung ist, die Karree bilde lediglich Marketenderwagen aus dem Dreißigjährigen oder dem Napoleonischen Kriege nach…
Möglicherweise gab es einmal Ähnlichkeiten zwischen der Lichtmesskarre und dem „carrus navalis“, dem Schiffskarren, mit dessen an-Land-Ziehen die Geschichte des Karnevals begonnen haben soll. Oder ist die Spergauer Lichtmesskarre das letzte Modell des Wagens, mit dem das Abbild der Göttin Nerthus (eine nahe Verwandte der Isis, der Demeter, der Urmutter Gäa gar?) durch die frühgermansichen Flure gezogen wurde?
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