Spergauer Lichtmess - Schwarzmacher (2)

Spergauer Schwarzmacher 1923
In meiner Monografie „Lichtmeß in Spergau“ aus dem Jahre 1988 beschrieb ich die Schwarzmacher wie folgt: Unglaublich, Spergau scheint von Schwarzmachern zu wimmeln. Ist da irgendeine Ecke, eine Baumreihe, eine Zaunflucht hinter der diese urwüchsigen Gestalten nicht urplötzlich hervorstürmten? Im Gegensatz zum unschuldigen Weiß der Pritscher ist die Grundfarbe der Schwarzmacherkleidung natürlich Schwarz. Die Brustteile sind mit bunten Sonnensymbolen (oft auch Sternen) die Revers mit rot-gelben Blitzen beklebt, doch Ärmel und Schoßteile des steifen Gehrocks kunstvolle Buntpapierflechtarbeiten, von jedem Schwarzmacher in mühevoller Kleinarbeit selbst hergestellt… Jackennähte und –ränder bewuchern dicke (Papier)Rüschen. Meist haben sich die Schwarzmacher ein farbiges Tuch um den Hals geschlungen. Eine gleichfarbene Stoffmaske verdeckt gänzlich das Gesicht. Offenbar ziehen sie es aus guten Gründen vor, unerkannt zu bleiben. Bei Verstößen gegen die Lichtmessordnung könnte der Sünder allerdings schnell ermittelt werden: Auf den Schulterstücken hat ein jeder die Zahl, die ihm bei der Figureneinteilung durch den Ältesten zugewiesen wurde, mit römischen Ziffern kenntlich zu machen. Auf dem Kopf trägt der Schwarzmacher einen kleinen Zweispitz, daran prangt links eine kleine und rechts eine große gelb-grün-rot-blaue Kokarde und obenauf wippt ein Federbusch. Hahnenfedern! Die Hutnaht zieren Rüschen. Und selbstverständlich ist auch die Beinkleidung penibel vorgeschrieben: rechtes Bein – weißer Strumpf mit rotem Band, linkes Bein – schwarzer Strumpf mit grünen Band. Schwarz und Weiß – Winter und Sommer? Nacht und Tag? Wehe dem Schwarzmacher, der am Morgen seitenverkehrt erschiene! … Das zweifellos wichtigste Zubehör baumelt dem Schwarzmacher aber am rechten Handgelenk: ein rotes Pantöffelchen. Und in diesem Pantöffelchen klebt, wovor die Mädchen und Jungen fliehen: ein fettes, stinkendes Russgemisch. Bei dessen Zubereitung seien die Schwarzmacher grenzenlos einfallsreich, munkelt man. Bei der Lichtmessversammlung wird allerdings vorgeschrieben: Ruß, Creme, Parfüm – kein Essig oder andere „scharfe Sachen“! Heute bereiten die Schwarzmacher ihr Russgemisch meist gemeinsam in einem großen Topf. Früher hatte jeder seine ganz spezielle Pampe im Pantoffel. Sinnlos eigentlich, den Schwarzmachern zu entfliehen, zu viele von ihnen bevölkern die Straßen. Oder sollte die Flucht zum Ritual gehören? Schon stibbt der Schwarzmacher einen schwarzbehandschuhten Finger in die schwarze Masse und zeichnet Stirn und Wangen. Ist das Opfer aber widerborstig, zappelt herum und muss von Pritschern festgehalten werden, gibt’s heute zuweilen eine „Vollmaske“ – sorgfältig wird das ganze Gesicht geschwärzt.
Früher, als ausschließlich unverheiratete Weiblichkeit und nie mehr als mit einem Russ-Strich gezeichnet wurde, soll es vorgekommen sein, dass allzu „stolze Jungfrauen“ von den Schwarzmachern ignoriert wurden. Das galt als ausgemachte Schande! „Vollmasken“ jedoch widerfahren eigentlich nur Fremden. Einheimische wissen: der schwarze Strich ist ein Glücksmal. Manche meinen, die vollzogene Winteraustreibung wurde verdeutlicht, die Bereitschaft, das neue Jahr, den Frühling würdig zu empfangen, angezeigt; andere: mit dem Russ-Strich sei man gegen Kaltes und Böses, gegen Winterkälte schlechthin gefeit. Zeigt das Schwärzen vielleicht auch die Hoffnung an, dass die Erde, die einen schrecklich öden Winter lang weiß war, sich endlich wieder schwarz, fruchtbar also, zeige? Das Mal, deutliche Einladung zum Lichtmessanz? Brautwerbung? Auch dürften vormals nur offene Herdfeuer inmitten der Häuser winterlang Wärme und Licht gespendet und dabei Decke und Wände der Häuser mit einer dicken Rußschicht überzogen haben. Könnte das Schwärzen womöglich also einfach das übermütige Abstreifen jener häuslichen Rußschicht gewesen sein? Noch heute werden ja Schornsteinfeger als Glücksbringer angesehen, angeblich, da sie im Mittelalter durch ihr Essekehren tückischen Bränden vorbeugten. Doch wer weiß, vielleicht haben sogar Schornsteinfeger von uralten mythologischen Vorstellungen profitiert? Doch ob Glücksmal, Dämonenabwehr, Fruchtbarkeitssymbol oder was auch immer – man hüte sich, den Russ-Strich abzuwischen! Schon hinter der nächsten Ecke lauern Schwarzmacher, ganz gewiss.
0
 auf anderen WebseitenSendenMelden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.