Spergauer Lichtmess - Vögel

Spergauer Lichtmess-Vögel
Die Vögel, auch Sänger genannt, schmettern ihre Lider in Haus oder Hof natürlich längst nicht so laut wie die Blasmusike, dafür aber oft nicht weniger eigenwillig. Wen aber freute nicht trotzdem ihr Gesang! Man kann die Gefiederten ja verstehen: in wie vielen Anwesen, vor wie vielen Leuten mögen sie seit dem frühen Morgen die Rückkehr der Zugvögel angezeigt haben! Und sicherlich wurde hie und da als Willkommensgruß auch mal ein Schnäpschen gezwitschert…
Von weitem sehen die Sänger echten Riesenvögeln täuschen ähnlich. Sind sie etwas aus der Vorzeit herbeigeflogene Glücksvögel, von den Tacitus zu berichten wusste?
Weiße Hosen haben die Vögel an, ihren Oberkörper deckt ein Fittichkleid, ihren Kopf schmückt eine Federhaube, die über der Stirn in einen langen, spitzen, roten Schnabel mündet. Die Kostüme der Vögel, wie die der Pferde beispielsweise, werden das Jahr über bei Familien, die dem Brauch besonders verbunden sind, aufbewahrt, lange vor dem Fest dann jedoch sorgfältig entmottet, ausgebessert, aufpoliert – von denen, die sie tragen werden, versteht sich. Und hin und wieder kommt sogar ein neues Vogelkleid hinzu.
Anfang der 1920er Jahre zogen neben solchen Fabelwesen noch den Eierfrauen vergleichbare Figuren und Figuren in Frack und weißem Zylinder als Sänger durchs Dorf. Bei der Vereinheitlichung dieser Figurengruppe zum heutigen Erscheinungsbild könnte der Einfluss hallescher Völkerkundler (allen voran Professor Hahne) eine Rolle gespielt haben.
Im benachbarten Kirchfährendorf kamen die zur Fahsnacht früher stets studentisch daher: weißes Hemd, Fliege, Korpsmütze. Eine Erinnerung an Sängerfeste, an Ursprünge von (Männer)Gesangsvereinen schlechthin?
Jeder Spergauer Vogel hält ein Gesangbuch in Händen; Jahr für Jahr sind die jeweiligen Vögel verpflichtet, ein neues Lied zu „dichten“. Dabei entstehen zwar regelmäßig über altbekannten Melodien dahinholpernde Knittelverse, aber jedes neue Lichtmesslied wird nach der Abnahme durch die Küchenburschen säuberlich in die Gesangbücher der Vögel notiert. Verständlicherweise möchte jeder Hausherr das Lied hören, das er zu seiner Zeit als Vogel gedichtet hatte… Da muss geübt werden, da möchte man das Liederbuch auswendig kennen, möchte man ein solides Repertoire haben!
Selbstverständlich versuchen die Vögel in den Häusern und auf den Höfen auch ihr Lichtmesslied zu Gehör zu bringen. Der Obervogel schlägt seine übergroße Pappstimmgabel an. Und die im Halbkreis vor dem Haus- und Hofherrn stehenden Sänger beginnen zu krächzen, bis sie klingenden Lohn empfangen…
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