Walter-Bauer-Blätter (1)

Anlässlich der diesjährigen Walter-Bauer-Ehrung im Rahmen der 2. Saalekreis-Literaturtage gab es im Rathaus Leuna die Premiere des Buches „WalterBauerBlätter“ – Texte: Jürgen Jankofsky/ Grafiken: Klaus-Dieter Urban. Da dieses Buch wie seine Verläufer „BlütengrundBlätter“ (2007) und „ZauberspruchBlätter“ (2011) wiederum als Kunstbuch in limitierter Auflage erschien, sollen nun hier einige der Texte einer breiteren Öffentlichkeiten zugänglich sein:

„’Der Weg zählt, nicht die Herberge’
ließ W.B. auf seinen Grabstein schreiben (Toronto, Mount Pleasant Cemetery).
Doch wäre sein Werk mit anderen Herbergen wohl ein anderes geworden?
Merseburg, Vorwerk 5, hier begann seine Reise, hier wurde W.B. in eine Arbeiterfamilie hineingeboren, Anfang des 20. Jahrhunderts. Und als der Erste Weltkrieg die Welt veränderte wohnten die Bauers nur ein paar Viertel weiter (Roonstraße 8, heute: Herweghstraße 8), schließlich in der Luisenstraße 22 (heute: Rosa-Luxemburg-Straße 22). Immerhin absolvierte W.B. die Merseburger Präbaranden-Anstalt, wurde Lehrer, fand im Zuge der Inflation jedoch keine Anstellung, vagabundierte durch Österreich, Italien, die Schweiz, schrieb dann für den ‚Merseburger Korrespondent’ und verdingte sich als Hauslehrer bei einem Allmächtigen der mächtigen Leuna-Werke.
Neu-Rössen, Preußenstraße 1a, hier wurde W.B.s Stimme in der alltäglichen Plage mit des Direktors Zögling und angesichts direktoralem Luxus’ und direktoraler Ansichten einerseits sowie andererseits der Not und Ohnmacht der Arbeiter, der Leuna-Pelzer gemeinhin, zur ‚Stimme aus dem Leunawerk.’
Doch zählt sein Werk, das nunmehr unermüdlich auf mehr als 70 Bände anwachsen wird, am Ende zum Weg oder (zumindest für ihn, für W.B.) auch als Herberge?
Stangerode (weitab im Harz): erste Anstellung als Volksschullehrer. Heirat und Umzug nach Halle (Friedrich-Ebert-Straße 44, dann: Paul-Berck-Straße 44, heute: Paul-Suhr-Straße 44), Lehrer in Ammendorf, dann in Dölau und Niemberg, später in Dieskau. Erste Romane: ‚Ein Mann zog in die Stadt’ / ‚Die notwendige Reise’ / ‚Das Herz der Erde’… Repressalien nach Denunziation wegen konspirativen Treffens mit seinem von den Nazis ins Exil getriebenen Freund Stefan Zweig.
Zweiter Weltkrieg: Soldat u.a in Frankreich (Carentan), an der Ostfront, in Österreich (Arnoldstein), in Italien (Arcade und Castelfranco). ‚Tagebuchblätter aus Frankreich’ / ‚Tagebuchblätter aus dem Osten’… Kriegsgefangenschaft in Italien (Povoletto). Und W.B. findet nicht zu seinen mitteldeutschen Wurzeln, nicht zu seiner Frau Clärle zurück (Scheidung schließlich), findet Unterschlupf bei Ernst Wiechert auf Hof Gagert bei Wolfratshausen, lebt nunmehr mit Wiecherts Tochter Jutta zusammen.
Icking, Feldafing. 1949: Stuttgart (Hasenbergsteige 63), Heirat mit Jutta. Und W.B. zählt zu den produktivsten Schriftstellern Westdeutschlands. ‚Die größere Welt’ / ‚Das Gewissen Europas’ / ‚Die zweite Erschaffung der Welt’ / ‚Dämmerung wird Tag ‚/ ‚Besser zu zweit als allein’… Kinderbücher, Hörspiele, Essays… Schatzmeister des deutschen P.E.N., dann zunehmende Unzufriedenheit mit restaurativen Nachkriegsentwicklungen und Scheidung: 1952 Emigration nach Kanada.
Doch wohin hätte W.B.s Weg geführt, wäre er Johannes R. Bechers Ruf gefolgt, nach Merseburg, nach Leuna zurückzukehren?
Toronto: vom Tellerwäscher zum Professor (for modern languages). Adressen: Indiana Road 195, Madison Avenue 17, Cranbrooke Street 149, Roxborough Street East 143, Redpath Avenue, Apt. 15A. Neue Lebensgefährtin: Arden Keay. Neue Bücher (Lyrik, Prosa, Dramen): ‚Mein blaues Oktavheft’ / ‚Nachwachen eines Tellerwäschers’ / ‚Die Tränen eines Mannes’ / ‚Fremd in Toronto’ / ‚Testament’… W.B. schrieb in Kanada weiter auf Deutsch, dies schien ihm unverzichtbar (obwohl er selbstredend auf Englisch lehrte), aber so kam er als Dichter in Kanada nie an, und von seinen deutschen Lesern entfernte er sich fremdelnd mehr und mehr. W.B. starb am Tag vor Heiligabend 1976 in einem Torontoer Krankenhaus an Kummer und Krebs.
Diesen Gedanken hatte er 1968 notiert: ‚Nicht bitter zu leben, / welche Leistung. / Nicht unglücklich zu sterben, / welche Vollendung…’
Ja, am Ende zählt wohl der Weg, doch Herbergen markieren unverzichtbar Stationen.“
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