WIE ICH DEN MAUERFALL VERSCHLIEF

Donnerstag, 09. November 1989, 06.00 Uhr:
Im Gummianzug stieg ich von meinem Moped „Star“ ab, ging zu meinem Bett und fiel in dieses nach einer zwölf Stunden Nachtschicht im Chemiebetrieb.
Donnerstag, 09. November 1989, 13.30 Uhr:
Ich erwachte und schaute schlafwandelnd aus dem Fenster auf die Straße. Plötzlich traf mich fast der Schlag und ich war hellwach. Dort, wo vor einigen Stunden noch nichts nach Arbeit, nach schwerer Arbeit, aussah, waren urplötzlich 100 Zentner Kohlen aus der Erde gewachsen um Einlass in den Keller flehend. Zu der Zeit war ich eigentlich nur noch mit Fernsehen gucken, Nachrichten nichts als Nachrichten, beschäftigt. Seit dem August in Ungarn, dem September in Prag, dem Oktober in Leipzig die Welt auf uns schaute, wurde es mir immer unheimlicher. Ob das gut geht.
Donnerstag, 09. November 1989, 14.00 Uhr:
Also Fernseher aus, in die alten Klamotten rein, raus auf die Straße zu den Tausenden, nein nicht zu den friedlichen Demonstranten, sondern zu den Tausenden schwarzer Briketts. Ich hätte sie auf der Stelle anzünden können. Doch der Winter stand vor der Tür. Nun hieß es für mich Schubkarre holen, Briketts aufladen, in den Hof fahren, abladen, in den Keller durch die enge Luke schaufeln, im Keller wieder verteilen, raus auf den Hof, auf die Straße, das Gleiche von vorn und das hunderte Male.
Donnerstag, 09. November 1989, 19.00 Uhr:
Fix und fertig, top dreckig, lag ich in der Badewanne, nachdem ich mit meinen schwarzen Freunden den Badeofen angeheizt hatte. Mich interessierte plötzlich nichts mehr, kein Fernsehen, kein Radio, nur noch das Bett. Am nächsten Morgen musste ich wieder auf Schicht sein, pünktlich zur zwölf Stunden Frühschicht.
Freitag, 10. November 1989, 06.00 Uhr:
Ich betrat die Messwarte und alle tuschelten irgendetwas. Ich verstand nur Bruchstücke, wie Mauer…Löcher…Ausreise. Allmählich wurde mir klar, dass ich irgendwie Weltgeschichte verschlafen hatte. Gerade als ich am Vortag im Strudel der Badewanne versank, verkündete in der „Aktuellen Kamera“, gegen 18.55 Uhr ein gewisser Schabowsky auf eine lapidare Frage eines italienischen Journalisten, ganz ausversehen, dass ab sofort die Ausreise aus der DDR möglich sei, dabei einen Zettel aus der Tasche holend, „…ja das gilt unverzüglich“. Er hatte sich geirrt. Der größte Irrtum der Geschichte. Es sollte erst am nächsten Tag, also dem 10.11.1989 verkündet werden. Damit hätte ich auch nichts verpasst, den Run auf die Mauer, die glücklichen Menschen sich in den Armen liegend. Also Schabowsky hat Schuld daran, dass ich nicht Live dabei war. Inzwischen habe ich es hundert Mal gesehen, mein Buch „Phantasie – oder der Traum der Freiheit“, systemkritische Gedichte aus den 70er Jahren mit provokanten Bildern aus den 90er Jahren, ist am 09.11.2009, 20 Jahre nach dem Mauerfall, erschienen, 2 Jahre später kam mein zweites Buch „Phantasie & Visionen“ mit vielen Bildern meiner „World Union Vision“, der friedlichen Weltvereinigung heraus. Mein in Öl gemalter Weltbild – Zyklus wird eines der längsten Ölbilder der Welt werden, alle Länder der Erde friedlich vereint. Warum sollte nicht das, was in Deutschland gelang auch überall auf unser aller Erde funktionieren. Im Moment sieh es zwar gerade mal nicht danach aus, aber wir haben keine andere Chance.
„Make Love Not War“ – „Love And Peace For Ever“ – „Ein bisschen Frieden“ – „Wozu sind Kriege da?“ Daran sollten wir uns alle halten. „Wir haben nur diese eine Erde“. Es gibt Weltmusik, es gibt Weltmalerei, es gibt Weltliteratur – „Wie wäre es mit dem Ausbruch des 1. Weltfriedens?“
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2 Kommentare
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Annette Funke aus Halle (Saale) | 02.11.2014 | 13:36   Melden
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Martina I. Müller aus Halle (Saale) | 07.11.2014 | 07:59   Melden
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