Die Mädels von der Bank - oder der Marktplatz der Neuigkeiten

Leuna: Tilo Buschendorf | Folgendes hatte sich zugetragen.
Eine Freundin aus der Stadt rief mich an: „Stell dir vor“, rief sie aufgebracht. „Mein Nachbar, ein älterer Herr, ist gestorben. Viele Jahre wohnte der schon hier. Wir haben nie miteinander geredet. Ich sah ihn nur manchmal kommen und gehen, gelegentlich haben wir uns gegrüßt, aber mehr nicht. Nun ist er tot. Einsam und allein ist er gestorben. Ich bin erst mal rüber und habe auf sein Türschild gesehen, weil ich nicht einmal wusste, wie er heißt.“ Es folgte eine Weile schweigen. Dann sagte sie verbittert: „So ist das hier in der Stadt. Alles ist anonym. Man kennt nicht mal seinen Nachbar“ und fügte hinzu „Auf dem Dorf bei euch ist das anders. Da kennt jeder jeden. Da lebt man nicht so einsam und anonym. Habe ich recht?“ Das hatte sie. Zweifellos.
Sommerzeit – Urlaubszeit. Die Temperaturen haben die 30° - Marke längst überschritten. Die Straßen sind menschenleer. Überall herrscht Tristes. Für Zeitungsmacher ist Saure-Gurken-Zeit. Ich bekomme einen Tipp: „Schau doch mal ins Wendisch Ende!“ Gesagt – getan. Drei Bänke unter einem Schatten spendenden Baum laden zum Verweilen ein. Dahinter ein Teich. Einige ältere Spergauer Damen, die Namen will ich höflicherweise verschweigen, haben es sich, Schutz vor der Sonne suchend, bereits bequem gemacht. Man unterhält sich angeregt. Vom Frühjahr bis zum Herbst, so ist zu erfahren, trifft man sich hier allabendlich, um miteinander, und natürlich auch übereinander, zu plaudern, zu lachen und zu diskutieren. Allmählich spürt man, dass sich die Mädels von der Bank, wie sie inzwischen liebevoll genannt werden, damit aktiv am Dorfgeschehen beteiligen. Mit ihrem vermeintlichem „Geschwätz“ nehmen sie an den Menschen und Vorgängen um sich herum leidenschaftlich Anteil und das mit ihrer eigenen ganzen Herzlichkeit.
„Habt ihr schon gehört!“, sagt Frau L. zu den umsitzenden Frauen. „Der alte Heinrich ist gestorben!“ Sie spricht leise, aber alle haben es verstanden, denn der alte Heinrich ist im Dorf nicht unbekannt. Betroffenheit machte sich in der Runde breit. Man kann an ihren Gesichtern erkennen, dass sie innerlich Anteil an seinem Schicksal nehmen. „Hoffentlich hat er nicht leiden müssen“, hofft Frau H. und alle nicken. „Da will ich nur morgen gleich eine Trauerkarte schreiben“, fügt Frau I. hinzu. „Ja, ich auch“, sagt Frau D.“. Die anderen bestätigen durch Kopfnicken, dass sie Gleiches tun werden. Nach einigen Minuten des Schweigens erzählt Frau G.: „ Jetzt aber mal eine frohe Botschaft! Die Tochter von Kassunkes kriegt was Kleines.“ „Ach was! Na das ist doch mal eine gute Nachricht“, rief Frau D. erfreut und die Mädels von der Bank reden munter durcheinander. „Wann ist es denn soweit?“, ruft Frau H. dazwischen. Das wusste keiner. Aber beim nächsten Treff ist das ganz bestimmt kein Geheimnis mehr. Besonders bei den Mädels von der Bank.
So ist das auf dem Dorf. Keiner muss sich allein gelassen fühlen. Weder in Freud noch im Leid. Und alle im Dorf wissen, dass man mit ihnen trauert, wenn einer geht und wissen, dass man sich mit ihnen freut bei einem freudigen Anlass. Die Mädels von der Bank allemal. Mit ihren Geschichten und Neuigkeiten aus dem Dorf, in dem sie leben.
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