Im Bad Dürrenberger Gesundheitszirkus

Wenn sich die Blätter an den Bäumen gelb färben und langsam herabfallen, dann kündigt sich der Herbst an. Weil die Blätter so golden in der Sonne leuchten, schwärmen die Romantiker vom goldenen Herbst. Die Realisten nennen es schnöde Grippezeit, weil die Menschen sich mit Husten, Schnupfen und Halsweh plagen. Während die ersteren ausgedehnte Spaziergänge machen, um das schöne Herbstwetter zu genießen, führt der Weg der anderen zum Arzt. Auch in Bad Dürrenberg. Im dortigen Kurpark und der wildromantischen Landschaft der angrenzenden Saale-Aue, trifft man dann jene Romantiker, die noch schnell die letzten Sonnenstrahlen einfangen wollen, bevor Wind und Regen übers Land fegen. Bei den Ärzten der Stadt dagegen bilden sich Warteschlangen, damit der Arzt mit allerlei Medizin Husten, Schnupfen und Halsweh vertreibt. Wer aber schlau ist verordnet sich einen Besuch im Bad Dürrenberger Gesundheitszirkus. Im Zirkus mit der salzigen Luft. Mitten im Kurpark ist er zu finden. Kaltinhallierhalle heißt er offiziell. Ein hölzerner Rundbau, mit einer meterhohen Pyramide darin. Bestehend aus einen Geflecht von Zweigen, wie sie auch in den riesigen Wänden des Gradierwerkes stecken. Zu jeder vollen Stunde sprüht oben aus der Spitze Salzwasser. Das kommt aus jener Solequelle, die vor hunderten von Jahren ein gewisser Johann Gottfried Borlach entdeckte, können die Besucher auf großen Tafeln lesen. Dann füllt sich der Raum eine halbe Stunde mit salzigen, gesundmachenden Nebel. Ein Labsal für von Husten und Halsweh geplagte Menschen. Der ganze Raum ist vom salzigen Nass geschwängert. Fußboden, Wände, alles trieft vor Nässe. Auf den umlaufenden Bänken hat sich bereits eine dünne Salzkruste gebildet. Leise Musik erklingt und versetzt alles in eine angenehme beruhigende Stimmung.
Bereits zehn Minuten vor der Zeit kommen die ersten Gäste. Ein älterer Herr mit Gehstock und zwei Damen finden sich in dem hölzernen Rundbau ein. Erwartungsvoll schauen sie hinauf zur Spitze der Pyramide, aus der der salzige gesundmachende Nebel sprühen wird. Aber noch müssen sie sich in Geduld fassen. Die beiden Damen ziehen sich einen wasserabweisenden Umhang über. Mit der spitzen Kapuze sehen sie putzig aus und verleihen ihnen das Aussehen eines Zwerges.
Endlich ist es soweit. Ein Zischen und Knistern setzt ein und wie von Geisterhand steigen aus der Spitze der Pyramide Millionen und Abermillionen feine salzige Wassertropfen auf. Nur kurz steigt er nach oben, um sogleich ganz sacht nach unten zu schweben. Die Sonnenstrahlen die durch die Fenster scheinen lassen sie in allen Farben des Regenbogens schillern. Nur wenige Sekunden dauert es, dann ist der Raum mit salziger Luft gefüllt. Augenblicklich, wie auf Kommando, setzen sich die drei in Bewegung. Langsam tief atmend beginnen sie ihren Gang um die Pyramide. Immer im Kreis. Wie im Zirkus. Runde um Runde. Die Tür geht auf. Eine junge Frau kommt herein. Auf dem Arm trägt sie ihr Kind. Es ist ein Mädchen. Laufen kann sie selbst noch nicht. Dafür läuft aber ihre Nase. Neugierig mit großen Augen dreht sie ihren Kopf hin und her. Die beiden Damen lächeln sie an und sie lacht zurück. Nach und nach kommen mehr Besucher. Neugierig die einen, Linderung suchend andere. Man grüßt, reiht sich wortlos ein und beginnt seinen Rundenlauf. Die Manege im Gesundheitszirkus füllt sich. Für einen Moment wird es laut. Zwei Knaben, fünf oder sechs Jahre mögen sie alt sein, beginnen lachend um die Wette zu laufen. Erst ein energisches Wort ihrer Eltern bringt sie zur Ruhe. Und der Zirkus dreht sich weiter. Runde um Runde bewegen sich die Besucher durch die mit salzigem Nebel gefüllte Manege. Es ist ein Kommen und Gehen. Zeitweilig sind es mehr als dreißig Besucher an diesem Tag und zu dieser Stunde. Ein bunt gemischtes Völkchen, das sich rastlos im Kreis um die Pyramide bewegt. Einige wortlos und in sich gekehrt. „Hoffentlich bin ich den Husten bald los. In drei Tagen will ich verreisen.“ Andere unterhalten sich flüsternd mit ihrem Partner: „Übermorgen kommen meine Kinder. Da kann ich mich mit denen gar nicht unterhalten“, flüstert mit rauer Stimme ein Herr einer Bekannten besorgt zu. „Wird schon werden“, muntert sie ihn auf. Die Beiden scheinen Stammgäste zu sein. Ein Vati erklärt seinem Sprössling, wie der salzige Nebel entsteht und der alte Mann mit dem Gehstock hat sich eine Pause auf der Bank verordnet. Mit gebeugten Rücken auf einer Bank sitzend, atmet er die salzige Luft tief ein. Und der Zirkus dreht sich weiter.
Dann ist es plötzlich still. Das Zischen und Knistern hört abrupt auf. Nur das Gemurmel einiger Besucher und die Musik sind zu hören. Nach und nach verlassen die Besucher den Gesundheitszirkus. Nur der alte Mann mit dem Gehstock bleibt noch einige Minuten sitzen. Langsam erhebt er sich und tippelt mit gebeugtem Rücken zur Tür. Draußen verharrt er einen kurzen Moment und blinzelt in die herbstliche Sonne. Morgen wird er wieder hier sein, meint er zum Abschied. Auch übermorgen. Und ergänzt: „So Gott will.“
0
 auf anderen WebseitenSendenMelden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.