Im Panoptikum der eisernen Seelen

Der Tod und die Traumfrau. Dazwischen Bernd Eichardt der Schöpfer der Figuren
 
Der Tod – ein Portrait





Bernd Eichardt, Jahrgang 1953, ist Musikliebhaber. Schon lange wollte er eine eigene Band haben. Weil er aber selbst kein Musikinstrument spielt, beginnt er 1999 auf seinem Grundstück in Spergau aus Schrott sich seine eigene Jazzband zu bauen. Heute findet man bei ihm nicht nur Musiker, sondern auch andere kuriose Figuren. Heute findet man bei ihm ein Panoptikum der eisernen Seelen. Und das kam so:


Es war einmal ein Mann. Der lebte in einem Dorf, das am Rand eines großen Chemiewerkes lag. Das Chemiewerk war längst in die Jahre gekommen und alle Anlagen baufällig. Schrottreif sozusagen. Deshalb musste es abgerissen werden. Hannes musste dabei helfen. Weil Hannes aber vor vielen Jahren selbst in dem Werk gearbeitet hatte, tat es ihm leid. Und wie er so dastand und all den ganzen Schrott sah, da wurde ihm ganz weh ums Herz. Da kam ihm eine Idee. Er ging zu seinem Chef und fragte: „Was passiert mit all dem Schrott?“
„Der kommt in den Hochofen und daraus wird neues Eisen gemacht“, antwortete er. „Warum fragst du?“
„Na ja“, antwortete Hannes, „ich will auch etwas Neues daraus machen. Etwas worüber sich die Menschen freuen. Kann ich etwas davon haben?“
„Na, meinetwegen“, sagte der Chef brummig und sah Hannes misstrauisch an. „Nimm dir, was du noch gebrauchen kannst und werde glücklich damit“, lachte laut und ließ Hannes einfach stehen. Hannes aber lud all die vielen Teile, die er gebrauchen konnte auf einen Wagen und fuhr sie zu sich nach Hause. Dort wollte er sich eine Werkstatt einrichten und seine Ideen Wirklichkeit werden lassen. Die Leute in dem Dorf schüttelten verständnislos den Kopf, wenn Hannes mit seinem Wagen voller Eisenteile durchs Dorf fuhr. Bald nannten sie ihn nur noch Eisen-Hannes.
In seiner Werkstatt aber begann Hannes jeden Abend, wenn er von der Arbeit aus dem Chemiewerk kam, aus dem alten Eisen kuriose Figuren zusammenzubauen. Immer wenn wieder eine Figur fertig war, betrachtete er nachdenklich sein Werk und gab ihr einen Namen. Soweit das Märchen.

Kunst oder Schrott?

Die Kunst den eisernen Figuren eine Seele zu geben und damit – scheinbar – Leben einzuhauchen, beherrscht Eisen Hannes, den man im richtigen Leben als den Spergauer Metallkünstler Berndt Eichardt kennt.
„Ist das Kunst oder ist das Schrott?“, fragt sich der aufmerksame Betrachter, wenn er die bizarren Figuren auf Eichardt´s Grundstück sieht. „Das kommt immer auf den Standpunkt des Betrachters an,“ meint der Schöpfer dieser Figuren. „Je nach dem was man sehen will.“ Womit er zweifellos recht hat.
Schon beim Betreten seiner Werkstatt fällt einem sofort eine Figur ins Auge, die augenscheinlich den Tod darstellen soll. Auf einer Schrotsäge in der einen und ein Sensenblatt in der anderen Hand, scheint sie sein schauriges Lied zu spielen. Gleich daneben Eichardts jüngstes Werk. Die Traumfrau. Mit großen Brüsten, Rastalocken und High Heels. Wie kommt man auf die Idee, aus diesen Teilen, die einst der Verlegung von Starkstromkabeln dienten, High Heels entstehen zu lassen, wird man sich beim genaueren Hinsehen fragen. Die Antwort findet man in Eichardt´s Fantasie.
Gefährlich anzusehen ist ein Hahn der auf der Werkbank posiert. Aus Sicheln, ehemals bäuerliches Werkzeug, wurden dessen Schwanzfedern. Eben so viel Fantasie ist nötig, um aus zwei Hufeisen eine Katze entstehen zu lassen.
Was in auch immer in Eichardt´s Werkstatt zu sehen ist. Es sind wunderschöne Figuren mit viel Liebe, Fleiß und Kreativität aus Teilen verschrotteter Chemieanlagen und alten Werkzeugen, zusammengefügt. Für andere ist es einfach nur Schrott. Wer aber etwas genauer hinsieht, der wird so manches alte Teil wiedererkennen. Und das ist es, was seine Figuren so einzigartig macht. Figuren die, obwohl seiner Fantasie entsprungen, doch irgendwie vertraut wirken. Und Figuren die das ganz normale Leben darstellen. Wie zum Beispiel die Spergauer Lichtmeßfiguren. Ein Panoptikum der eisernen Seelen. Mal klein und mal überlebensgroß. Nicht aus einem Guss, sondern einzelne, kunstvoll zusammen geschweißte Teile, die alle einmal eine Daseinsberechtigung in den alten Chemieanlagen hatten. Ob Schraubenschlüssel, Feuerlöscher oder Wärmetauscher. Oder einfach nur ein Stück Kette. Die alten Teile so auszuwählen, dass aus ihnen ein Kunstwerk entsteht ist wahre Kunst. Eine Kunst die der Spergauer Eisen-Hannes beherrscht. Bernd Eichardt lebt mit und für seine Figuren.
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