Wandern zwischen den Jahren

Dieser Jahreswechsel sollte etwas Besonderes werden. Weg vom Trubel der Silvesterfeiern und mal auf Wanderschaft gehen war geplant. Eine Wanderung die 2016 beginnt und erst 2017 enden sollte. Dahinter verbarg sich einfach die Idee, dass Silvesterfeuerwerk sich vom Weinberg am Geiseltalsee aus anzusehen. Es müsste doch fantastisch aussehen, wenn in den Orten am gegenüberliegenden Ufer die Silvesterraketen starten. Das war der Plan. Bereits Tage vor dem Weihnachtsfest wurde die Wetterentwicklung verfolgt. Wird es regnen oder gibt es Nebel? Alles hängt davon ab, ob die Sicht gut ist. Zwei Tage vor Silvester stand es fest. Wolkenloser Himmel und Temperaturen nur wenig unter null lautete die Vorhersage. Ideal. Die Vorbereitungen konnten beginnen. Ein paar Freunde, die sich ebenso für diese Idee begeisterten, waren schnell gefunden. Nach einigen Absprachen, wer bringt was mit, fieberten wir dem Silvestertag entgegen.
Der Abend begann wie immer. Zuerst Orgelkonzert im Merseburger Dom, dann Essen gehen beim Lieblingsitaliener und anschließend nach Hause. Nur diesmal blieben wir nicht dort. Wanderkleidung anziehen, Sekt, eine Thermoskanne mit Tee, ein paar Snacks einpacken und das Unternehmen Weinbergwanderung konnte starten. Ziel war der Parkplatz am Radweg unterhalb des Weinberges. Ein eigenartiges Gefühl breitete sich aus, als wir in den Seitenweg, der zum Ziel führte, einbogen. Es war stockdunkel. Nur die Scheinwerfer des Autos rissen einen hellen Keil aus der Dunkelheit. Weit und breit war niemand zu sehen. Es wurde mulmig. Aus der Ferne war das Knallen von Böllern zu hören. Sonst war nichts. Dunkle Nacht ringsum. Zehn Minuten waren vergangen, als sich zwei Lichtpunkte näherten. Aha, die Freunde. Vier dick Vermummte kletterten aus dem Auto, Taschenlampen wurden eingeschaltet und nach kurzer und herzlicher Begrüßung begann der Anstieg. Noch 1,1 km war auf den Wegweiser zum Weinberg zu lesen. Keine Hürde für Ausdauerläufer. Zügig schritten wir bergan und nach 20 Minuten waren wir am Ziel. Eine fantastische Aussicht bot sich auf dem Gipfel. Der Himmel war sternenklar. Das Sternbild des „Orion“ und der „Große Wagen“ waren zu erkennen. Wie hell erleuchtete Inseln stachen die Orte von Braunsbedra bis Langeneichstädt aus der Dunkelheit. Hier und da stieg eine Leuchtrakete in den Himmel und erinnerte an den bevorstehenden Jahreswechsel. Schnell hatten alle ihre Mitbringsel ausgepackt. Glühwein, heißer Tee und was man sonst noch für eine Silvesterfeier benötigt. Es wurde gescherzt und gelacht.
„Da kommen noch welche“, sagt plötzlich einer und zeigt in die Richtung. Tatsächlich tanzten weiter entfernt einige Lichtpunkte in der Dunkelheit. Zügig näherkommend. Da hatten wohl andere die gleiche Idee. Nur kurze Zeit später entpuppten sich die Lichtpunkte als vier Freunde aus der Merseburger Laufszene. Da war das Hallo groß.
Der Höhepunkt des Jahres näherte sich. Sektflaschen wurden geöffnet und jeder suchte sich den Platz mit der besten Aussicht. Einer begann rückwärts zu zählen: „… drei, zwei, eins, null!“ „Prosit Neujahr!“, riefen alle. Man umarmte sich und Wünsche wurden ausgetauscht. Wenige Augenblicke später begann das, worauf alle seit Tagen hin gefiebert hatten. Erst spärlich, dann immer mehr schossen Silvesterraketen in die Höhe. Der Himmel über den Orten entlang des Geiseltalsees erhellte sich. Ganze Batterieladungen wurden jetzt gezündet. Der Lärm der Böller und das Platzen der Raketen waren bis auf den Berg hinauf zuhören. Rote, grüne und weiße Sterne regneten vom Himmel und spiegelten sich im Wasser des Sees. Welch fantastischer Anblick. Es wollte kein Ende nehmen. Irgendwann machte sich die kalte Winterluft bemerkbar. Die Kälte kroch langsam unter die Kleidung und mahnte den Rückweg anzutreten. Das neue Jahr ging in seine zweite Stunde, als unsere Wanderung endete. Eine Wanderung zwischen den Jahren.
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1 Kommentar
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Peter Pannicke aus Wittenberg | 02.01.2017 | 17:04   Melden
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