17. Juni 1953 - Erinnerungen von Werner Heller

In diesem Monat jährte sich der Volksaufstand in der DDR zum 61. Mal.

Mehr als eine Million mutige Menschen demonstrierten am 17. Juni 1953 in Berlin und in etwa 700 Städten in der ganzen DDR. Was mit Arbeitsniederlegungen und Streiks gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen begann, breitete sich wie ein politischer Flächenbrand aus. Schnell wurde die Forderung nach freien Wahlen und tiefgreifenden politischen Veränderungen laut. Nur mit Hilfe von 1000 sowjetischen Panzern gelang es dem SED-Regime, die fast verlorene Macht zu sichern. Etwa 120 Menschen sterben, Hunderte werden verletzt, Tausende inhaftiert. Die SED und deren Rechtsnachfolgerin tun sich schwer mit der Erinnerung an den Volksaufstand. Wir Liberale bewahren den Helden des 17. Juni 1953 ein mahnendes Andenken.
(nach einem Text auf der Facebookseite von FDP liberté)

Der Magdeburger Werner Heller (bis Juni 2014 für die FDP im Magdeburger Stadtrat) blickt zurück:
Juni 1953. Ich war 13 Jahre alt, lebte – wie heute – in der Nordhäuser Straße und war Schüler in Lemsdorf. Mein Bruder Günter ist sechs Jahre älter. Er hatte von 1949-52 beim Großarmaturenwerk Polte gelernt. Die DDR-Führung baute in dieser Zeit die kasernierte Volkspolizei auf. Für diese warb man in den Betrieben, auch bei Polte. Ebenso für den sog. „Dienst für Deutschland“, einen freiwilligen kasernierten Arbeitsdienst, der offiziell am 24.7.1952 durch eine Verordnung des DDR-Ministerrates gegründet wurde. Mein Bruder hatte im August 1952 ausgelernt, wollte weder zur Volkspolizei noch zum Arbeitsdienst. Er verließ die DDR und meldete sich im Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde. Seine Entlassungspapiere hatte er in seine Aktentasche eingenäht. Kontakt mit ihm hatte ich zunächst nur brieflich, weil die DDR-Regierung ein Einreiseverbot für Republikflüchtlinge verhängt hatte.

Der 17. Juni 1953 war für mich erstmal ein ganz normaler Schultag in Lemsdorf. Aber nur von 8 bis 11 Uhr. Danach haben uns die Lehrer nach Hause geschickt. Mit dem Kommentar, wann ihr wiederkommen müsst, das erfahrt ihr aus der Volksstimme. Auf dem Nachhauseweg hörten wir Schüsse, sahen Rauchwolken über der Stadt. Mein Vater arbeitete beim VEM Magdeburg (das Nachfolgeunternehmen hat heute seinen Sitz in Wernigerode). Auch dort waren in den Monaten zuvor die Arbeitsnormen erhöht worden, was zu Diskussionen, aber nicht zu Demonstrationen wie auf der Stalinallee in Ost-Berlin führte. Man Vater kam schon mittags nach Hause. „Du bleibst hier in der Straße, Du gehst nirgendwo anders hin“, war seine Ansage. Aber gegen 16 Uhr hielt uns Kinder nichts mehr zuhause. Ich lief mit neun anderen Richtung Halberstädter Straße. Am Eiskellerplatz war die Stadtbezirksleitung der SED. Dort bot sich folgendes Bild: Eine Plakatwand mit politischen Losungen war abgefackelt worden. An dem Gebäude war ein eisernes Gestell angebracht, auf dem „Sozialistische Einheitspartei Deutschlands“ stand. Dieses lag jetzt unten auf dem Gehweg. Es war mit einem Schweißbrenner abgetrennt worden. Viele Leute waren unterwegs. Vom Sturm auf das Gefängnis bekamen wir zunächst nichts mit. Wir sind nach einer halben Stunde, als uns die Sache etwas mulmig wurde, zurück Richtung Lemsdorf. Am Straßenbahndepot fuhren russische Schützenpanzerwagen vor, begleitet durch Fußtruppen. Die schossen ohne Vorwarnung in die Seitenstraßen hinein. Wir versteckten uns in einem Haus vor dem Straßenbahndepot. Als die bewaffneten Soldaten von der Bildfläche verschwunden waren, sind wir nach Hause zurückgelaufen. An der Bodestraße sahen wir sie wieder, aber nur von weitem, und liefen schnell nach Hause. Meine Eltern waren nicht gerade begeistert über meinen Ausflug …

In der Nacht auf den 18. Juni 1953 war die Staatssicherheit in unserer Straße. Sie holten Martha Wolff, die Frau des Klempnermeisters Rudi Wolff. Sie war mittags von einem Gesellen und einem Lehrling des Unternehmens gefragt worden: „Was sollen wir machen, Frau Wolff? Hierbleiben oder nach Hause gehen.“ Frau Wolff hatte beide nach Hause geschickt. Der Lehrling hatte sich danach an den Protestdemonstrationen vor dem Polizeipräsidium in der Halleschen Straße (heute: Platz des 17. Juni) mit vielen Tausend anderen beteiligt, war festgesetzt und verhört worden. Frau Wolff wurde jetzt ebenfalls inhaftiert. – Ihre großen Kinder waren schon aus dem Haus, ihr Sohn Hans-Jürgen war damals 14 Jahre alt, seine Schwester Elke zwei Jahre. Ihre Angehörigen hatten in den folgenden Tagen keinen Kontakt mit ihr – sie wussten nicht, wo sie war. Sie kam erst nach 14 Tagen wieder frei, schwer krank und für viele Jahre vom Geschehen gezeichnet.
Am 18. Juni las ich in der Zeitung von einem „konterrevolutionären Aufstand, geschürt durch die Westmächte“. Im Rundfunk hörte man ähnliches, einen Fernseher hatten wir damals nicht. Am Frühstückstisch ging die Zeitung rum, das Gesprächsthema war: „Wie geht es weiter in der DDR?“ Die Erwartungen gingen in Richtung Reisefreiheit, Pressefreiheit und „humaner Sozialismus“, die Herstellung der deutschen Einheit haben wir erhofft, aber nicht erwartet.
Mein Vater ging zur Arbeit, doch an Arbeit war an diesem Tag kaum zu denken. Er hatte mich streng ermahnt: „Pass auf Dich auf, Junge!“ – doch Neugier siegte und mit einem kleinen Trupp von diesmal fünf Jugendlichen machte ich mich auf Richtung Stadtmitte. Wir sahen, dass am Gerichtsgebäude in der Halberstädter Straße die Scheiben eingeschlagen worden waren, Akten auf der Straße lagen und vor sich hin kokelten, denn man hatte sie in Brand gesetzt. Am Polizeipräsidium eine ähnliche Situation. Dort sah ich Panzer, einen davon an der Ecke zur Leipziger Straße. Keiner wagte sich in ihre Nähe.

Am 19. Juni war wieder Schule, aber kein normaler Schultag. „Politische Bildung“ war angesagt: „Revanchisten aus der BRD haben eine Konterrevolution bei uns in der DDR angezettelt. Seid wachsam.“ Dann wieder Mathe, Deutsch …
Juni 2013. Ich fahre zusammen mit Hans-Jürgen Wolff mit dem Fahrrad durch Magdeburg. Er ist von Bremen aus mit dem Fahrrad über den Aller-Radweg in seine Heimatstadt Magdeburg gefahren. Wir fahren zusammen die Strecken, die damals unser Leben geprägt haben. Wir freuen uns über das Erinnerungstafel am heutigen Innenministerium. Diese ist wie eine Mahnung: „Wenn Du Dich nicht erinnerst, verlasse ich Dich – Deine Demokratie.“
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