Gernrode entdecken (Teil 1)

Gernrode vom Bückeberg gesehen
 
Reichsbahnhof Gernrode um 1920
 
Gernrodes Hotel zum Braunen Hirsch
 
Campingplatz Bremer Teich
 
Villa Spichalski
Bereits im beginnenden 20.Jahrhundert wurde in einem Reiseprospekt Gernrode als der schönste Gebirgskurort des Ostharzes gepriesen.

„In die Talausläufer des gewaltigen Ramberggebietes im Ostharz hineingeschmiegt, die Waldhänge des Oster– und Schwedderberges hinankletternd, in einem Kranze von Gärten, aus denen im Frühling lockender Obstblütenduftaufsteigt und über die beherrschenden Türme der wuchtigen, tausendjährigen Cyriakuskirche, diesem Juwel ältester deutscher Baukunst, neben den Türmen der alten Stefanikirche gen Himmel weisen, überragt vom Stubenberge, den angeblich schon Kaiser Barbarossa bei einem Besuche der alten Reichsabtei bestiegen, und der seit jeher als die malerischeste Weitsicht am Harz gerühmt wird, so bietet sich das schmucke, saubere Bergstädtchen Gernrode dem Reisenden, der auf der Strecke Quedlinburg Aschersleben am Ostharzrande entlang fährt.“
In der Tat war es damals die Bahn, die Gernrode dem Besucher erschloss. Anfangs löste der eiserne Koloss auf Schienen bei den Einheimischen noch Skepsis und sogar Angst und Schrecken aus, das änderte sich aber rasant durch die Vorteile, die die Bahn der Stadt brachte.
Durch die Bahn wurde es möglich, dass Gäste aus ganz Deutschland in Gernrode ihren Urlaub bzw. ihre Freizeit verbringen konnten. Der automobile Individualverkehr steckte zu dieser Zeit noch in den Kinderschuhen.
Gäste aus dem Norden Deutschlands erreichten Gernrode über die Reiserouten Berlin – Magdeburg – Halberstadt – Quedlinburg, über Berlin – Güsten – Aschersleben oder über Hildesheim und Goslar bzw. über Magdeburg –Halberstadt..
Reisende aus dem Westen konnten über Köln – Hannover – Hildesheim – Goslar / Seesen – Halberstadt nach Gernrode kommen
Vom Osten kamen Gernrodes Gäste über Breslau – Dresden – Leipzig – Halle – Aschersleben. Gäste aus dem Süden kamen über Frankfurt, Kassel, Goslar und Halberstadt, oder Frankfurt, Nordhausen, Sangerhausen, Sandes leben und Aschersleben nach Gernrode. Auch über Halle oder Erfurt war die Anreise nach Gernrode möglich
Gernrodes Bahnhof war deshalb der zentrale Empfangsort für viele der anreisenden Gäste. Er liegt im östlichen Teil der Stadt und ist mit seinem aus roten Backsteinen gebauten Empfangsgebäude ein denkmalgeschützter Bahnhof. Er wurde 1885 gebaut und lag an der normalspurigen Strecke Frose – Quedlinburg.
Zu dieser Zeit gab es in Gernrode eine Reihe namhafter und gutsituierter Hotels. Dazu gehörten das Hotel „Brauner Hirsch“, der Stubenberg, das Deutschen Haus, das Hotel Belvedere, der Markgraf Gero, der Gasthof zum Schwarzen Bären und die Villa Mathilde im Hagental. Für diese Hotels gehörte es zum guten Stil, die Gäste am Bahnhof angemessen zu empfangen und mit Autodroschken und Pferdekutschen in ein Hotel ihrer Wahl zu bringen.
Durch die Bahnhofstraße gelangt der Besucher ins Stadtzentrum. Schöne alte Villen säumen den Weg. Leider wurden einige der Villen und alten Bürgerhäuser nicht stilgerecht saniert. Trotzdem sind sie Zeugnisse Gernroder Stadtbaukunst.
Auf der östlichen Seite der Bahnhofstraße befinden sich mit dem Haus Schumann, dem ehemaligen Ärztehaus und dem Haus Depner einige gut erhaltene Bürgerhäuser mit bedeutsamer Vergangenheit.
Auf dem Gelände der Gärtnerei Schumann befand sich zum Beispiel das Elternhaus des Sinologen Otto Franke, dessen Vater langjährig Bürgermeister in Gernrode war.
Gemeinhin ist der Marktplatz mit dem Rathaus das Zentrum einer Stadt. In Gernrode ist das auf Grund der bergigen Lage der Stadt nicht so. Einen Marktplatz sucht man vergeblich. Serpentinenartig und eng umschließen die Straßenzüge das Rathaus.
Im Jahre 1539 verlieh die Äbtissin Anna von Plauen der Stadt Gernrode Wappen und Siegel, das entsprach in der damaligen Zeit einer Stadtrechtsverleihung.
Entsprechend alt sind die Rathäuser der Stadt. 1530 soll das erste entstanden sein, leider ist davon nichts überliefert. Auf die längste Dienstzeit brachte es das nach Ende des 30jährigen Krieges von Andreas Bocken in den Jahren 1664 bis 1666 erbaute Rathaus. Die Baukosten beliefen sich auf 2375 Taler, der erste Bürgermeister im Rathaus war Nikolaus Petersohn.
Über 250 Jahre wurde Gernrode in diesem Haus verwaltet. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts war es seinen Aufgaben nicht mehr gewachsen. Ein neues Haus an gleicher Stelle wurde geplant und trotz schwieriger Zeiten, der erste verheerende Weltkrieg bedrohte den Frieden und das Leben der europäischen Völker, auch gebaut.
Im Mai 1914 war Richtfest und bereits ein Jahr später konnte Bürgermeister Schröder das Rathaus einweihen.
In seiner baulichen Gestaltung ist das Gebäude eher prunklos, trotzdem aber ansprechend und erfüllte den damaligen Anspruch eines städtischen Verwaltungsbaus.
Beeindruckend sind der Festsaal, das Hochzeitszimmer und der Treppenaufgang. Die schönen bleiverglasten farbigen Fenster der Räume wurden in der Quedlinburger Kunstanstalt Ferdinand Müller gefertigt und von Sponsoren finanziert.
Ein weiteres Prunkstück besitzt der Festsaal mit seinem in der Werkstatt des Quedlinburger Schmiedemeisters Rinkenberg gefertigten Kronleuchters. Ein umlaufendes Spruchband trägt die Inschrift „Ich spende mein Licht den Vätern der Stadt zu wohlweisem Rat und gut deutscher Tat“.
2015 wurde 100järiger Geburtstag gefeiert. Mitglieder des Gernroder Kulturvereins „A.Popperodt“ gestalteten in historischen Kostümen die Höhepunkte der damaligen Einweihungsfeier.
Obwohl Gernrode nie eine schützende Stadtmauer besaß, gelang man über drei beurkundete Stadttore in den mittelalterlichen Stadtkern Gernrodes. Von Osten kommend passierte man das Ostentor, das in der Marktstraße am Scheelichen vermutet wird, vom Süden kam man über das Steigertor in die Stadt. Es befand sich in der Marktstraße, dort, wo die Schulstraße abzweigt. Es sicherte den Zugang aus Harzgerode und dem Harz. Aus westlicher Richtung kam man über das Häuschentor in die Stadt.
Westlich der Häuschenstraße und nördlich der Wolfgangstraße war damals noch Sumpfgebiet. Das zog sich vor der Stiftskirche nach Westen und lässt vermuten, dass das Häuschenntor zwischen dem Grundstück Ziesing und der Badeanstalt Vorwerk gestanden hat.
Gernrode war von Wassergräben, Bächen und Maueresten umgeben, die Tore der Stadt dienten einzig ökonomischen Zwecken.
Beim Passieren von Stadtgrenzen wurden Zölle fällig, die die immer knappen Stadtkassen füllten. Besonders begehrenswert war in diesem Zusammenhang das Marktrecht, im Mittelalter war es das Recht, einen Wochen-oder Jahrmarkt abzuhalten. Der dafür bestimmte Platz stand dann unter Marktfrieden und wurde vom Marktherrn geschützt.
In Gernrode gab es den Sülzäppel- und den Blockpiepenmarkt, beide Märkte lockten viele Besucher nach Gernrode. Gehandelt wurden Lebensmittel, Schmiedewaren, Textilien, Tabakwaren, Töpfe und Pfannen aus Steingut. Auch Zinn und Messing, Futtermittel, Obst und Gemüse wurden angeboten.
Der Handel auf den Märkten strukturierte auch die Bevölkerung. Die an der Handelsspanne Verdienenden bereicherten sich, die auf kargen Lohn angewiesenen blieben in Armut.
Die wirtschaftlich gestärkte Einwohnerschaft nutzte die häufigen Finanznotlagen der Abtei. Sie sicherte sich Privilegien und Rechte bei der Wald- und Weidewirtschaft, beim Fischfang, der Erzschürfung sowie im Brauereiwesen.
Kontinuierlich entwickelte sich Genrode von der ehemaligen Rodesiedlung zu einer Marktgemeinde. Die wirtschaftliche Bedeutung der Kaufmannsiedlung blieb jedoch regional begrenzt. Die Kaufleute Gernrodes sahen ihre vorrangige Aufgabe in der Versorgung der Bedürfnisse der Stiftsdamen, der Kleriker, der Ministerialen und Handwerker, der Knechte des Stifts und der Bergleute. Dazu kam die Versorgung der bäuerlichen Siedler der nahen Umgebung.
Einen Handelsverkehr, der auf Grund eines königlichen Privilegs hätte stattfinden können, hat es für Gernroder Kaufleute nie gegeben. Dazu trug auch die verkehrsmäßig ungünstige Lage abseits der großen Verkehrsstraßen bei.
So blieb Gernrode die beschauliche Harzer Kleinstadt am Rande des Ostharzes.
Der Tourismus, die Forstwirtschaft und die holzverarbeitende Industrie, sowie der Obstbau und die Landwirtschaft sind die wirtschaftlichen Lebensadern der Stadt und ihrer Einwohner. Der Urlauber -und Fremdenverkehr war die wichtigste Lebensader. Die DDR machte Gernrode durch den Neubau und den Ausbau bestehender Hotelanlagen wie dem Heckert - Heim, dem Stubenberg und der Freundschaft populär und bekannt. Jährlich besuchten etwa 20 000 Urlauber Gernrode. Sie waren in den FDGB Heimen, in Betriebsferienheimen und bei privaten Vermietern untergebracht.
Der Harz bietet auf relativ kleinem Raum wundervolle Wälder und romantische und großartige Täler, zahllose Aussichtsberge, wie den Stubenberg oder den Auerberg bei Stolberg mit dem Josephskreuz. Mit der Hermanns-und der Baumannshöhle gibt es hier die interessantesten und größten deutschen Höhlen, viele Burgen, Flüsse und Ruinen und eine Reihe tausendjähriger Städte mit Zeugen hoher Kultur und interessanter Geschichte. Von Gernrode waren diese Sehenswürdigkeiten bequem und schnell erreichbar.
Es waren vor allem auch die deutschen Romantiker, die ins Schwärmen gerieten, wenn sie von ihren Harzeindrücken berichteten. Insbesondere der Gernroder Stubenberg genoss ihre besondere Wertschätzung. Die Gästeliste des Stubenberghotels stände wohl jedem Hotel außerordentlich gut zu Gesicht.
Die Ansprüche der Feriengäste entwickelten natürlich auch die Infrastruktur Gernrodes und die Lebensqualität in der Stadt.
Eine attraktive und einmalige Freizeiteinrichtung Gernrodes war das Otto – Bad. Zur Eröffnung des Bades 1926 schwärmte die damalige regionale Presse: „ Der liebliche Ostharz ist um ein Kleinod bereichert wurden, um das ihn Kurorte von Weltruf beneiden können. In der reizenden Landschaft zwischen Gernrode und Suderode ist ein Seebad entstanden.“
In der Tat, in den gipshaltigen Untergrund einer stillgelegten Gipsgrube wurde ein betoniertes Badebecken von 2500 Quadratmetern gebaut. Es verfügte über 50m- Wettkampfbahnen, Nichtschwimmer- und Planschbereiche und verfügte über einen Turm mit Seilbahn, verschieden Sprungbretter und eine steile Wasserrutsche. Das Becken wurde aus einer Quelle gespeist, die das Quellwasser von einem Windkraftwerk aus einer Tiefe von 35 Metern pumpte und so das Becken kontinuierlich mit Wasser von 9° versorgte. Die Heilquelle wurde von Otto von Graeve, einem aus Ostpreußen stammenden Wünschelrutengänger entdeckt.
Das Bad verfügte auch über eine Terassengaststätte, von dem aus der Besucher einen wunderschönen Ausblick auf die Anlage und das Harzvorland hatte. Leider wurde der kalkhaltige Untergrund durch Ausspülungen und Frostschäden immer instabiler, so dass die Betondecke des Beckens ständig riss und aufwendig repariert werden musste. 1974 wurde das Bad aus diesen Gründen geschlossen, weil eine Sanierung nicht mehr finanzierbar war. Der Verlust des Bades wurde von vielen Einheimischen und Gästen schmerzlich bedauert.
Da auch der Badebetrieb im Familienfreibad von Schrader im Osterfeld auf ähnlich tragische Weise eingestellt wurde, blieb Gernrode und seinen Gästen nur das Waldbad am Osterteich. Badefreuden und Camping pur kann der Erholungssuchende aber auch am Bremer Teich geniesen.
Er wurde in der Regierungszeit des Fürsten Victor Friedrich im 18.Jahrhundert angelegt. Man wollte Hirsche mit ihm fangen und nannte ihn deshalb Hirschteich.
Als das für den Bergbau wichtige Pochwerk am Osterteich vom Wasser des Wellbaches nicht ausreichend versorgt werden konnte, wurde Wasser aus dem Einzugsgebiet des Bremer Teiches in das Wellbachtal geleitet.
Seit 1956 wird der Bremer Teich mit der Errichtung einer Zeltjugendherberge touristisch genutzt. Inzwischen ist ein idyllisch gelegener 3 Sterne Campingplatz aus ihm geworden, der ein idealer Ausgangspunkt für Aktivurlauber ist.
Am Fuße des Osterberges wird der aus dem Gebirge kommende Wellbach gestaut. Dadurch entstand der Osterteich. Dieses kleine künstlich angelegte Staugewässer war und ist für Gernrode in mehrfacher Hinsicht bedeutsam. Früher war es für den Bergbau wichtig, das Stauwasser betrieb ein Pochwerk und mehrere Mühlen, heute ist es Aufzucht- und Angelgewässer der Sportfischer und ein beliebtes Waldbad, das für den Erholungs-und Freizeitbereich der Region von Bedeutung ist.
Die Bevölkerung Gernrodes hatte sich nach dem Kriege nahezu verdoppelt, zu Beginn der1950iger Jahre belebte sich der Urlaubs- und Feriendienst nach den verheerenden Kriegsjahren und den Folgen. Das stellte Gernrode vor erhebliche Versorgungsprobleme.
Nach dem Krieg war der Einzelhandel in Gernrode privatwirtschaftlich organisiert. 1950 beispielsweise hatte Gernrode 16 Bäckereien oder Konditoreien bzw. Geschäfte mit Backwarenverkauf. In der Stadt lebten zu dieser Zeit etwa 3500 Einwohner.
Aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, dass so viele Bäcker in diesem kleinen Ort existieren konnten. Sechs Fleischereien versorgten ehemals die Gernroder und dern Gäste mit Fleisch und Wurstwaren.
Lebensmittel und Gemüse wurden in 15 Geschäften angeboten.
In manchen Entwicklungsstandards tat sich Gernrode schwer. Relativ spät, nämlich erst 1959, gab es für Gernrode eine geregelte städtische Müllabfuhr. Auch die Belieferung mit festen Brennstoffen musste oft selbst organisiert werden. Das Kohlengeschäft Barth war mit der Versorgung aller Haushalte in Gernrode überfordert, wurden doch fast alle Brennstätten mit Holz und Kohle betrieben. Das erklärt auch die hohe Anzahl von Fuhrgeschäften in der Stadt, deren Auftragsbücher rappelvoll waren. Transportfahrzeuge waren in dieser Zeit sehr gefragt. Noch eine Kuriosität hatte Gernrode zu bieten. Die Häuser der Stadt wurden bis in die fünfziger Jahre von den städtischen Stadtwerken mit 110 Volt Gleichstrom versorgt. Viele Haushalte hatten noch Außentoiletten auf dem Hof, da waren für die Wintermonate kurzzeitige Toilettenaufenthalte garantiert.
(Fortsetzung folgt)
2
Diesen Mitgliedern gefällt das:
 auf anderen WebseitenSendenMelden
1 Kommentar
37
Knut Kahnt aus Zeitz | 09.11.2016 | 11:06   Melden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.